Neue Cybermobbing-Welle?

Nummer 1 im App Store: Saudische App Sarahah boomt bei US-Teens

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Mit 'Sarahah' erobert eine App aus Saudi Arabien seit einigen Wochen Apples App Store Charts in vielen westlichen Ländern. Aber was hat es mit der App auf sich, die es ihren Nutzern ermöglicht, anonyme Kommentare zu hinterlassen? Gab es das nicht schon? Worin liegt der Hype und warum ausgerechnet eine saudische Entwicklung? Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Sarahah – was klingt wie eine Mischung aus dem weiblichen Vornamen und der Wüste im Norden Afrikas, ist in Wahrheit eine App von dem Saudi arabischen Entwickler Zain al-Abidin Tawfiq. Konzipiert hat er sie ursprünglich, damit Arbeitnehmer ihren Arbeitgebern anonymes Feedback geben können, ohne Angst vor Konsequenzen. Dieser Gedanke hat offensichtlich Anklang gefunden, allerdings weniger bei Arbeitnehmern, die ihre Meinung loswerden möchten, als vielmehr bei High-School-Teens in den USA. Erstaunlich ist aber nicht nur diese Zielgruppenverschiebung, sondern auch der Erfolg der App selbst. Nicht etwa, weil sie aus Saudi Arabien stammt, eher wegen der Tatsache, dass es ähnliche Apps schon seit langer Zeit gab und gibt: Ask.fm und neuerdings auch CuriousCat.me hatten diese Nische bereits gefüllt.

Was genau ist Sarahah überhaupt?

Sarahah hilft dir dabei, durch ehrliches Feedback deiner Mitarbeiter und Freunde, deine Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.

Sarahah bedeutet auf Arabisch "Ehrlichkeit" und soll es Nutzern ermöglichen, ihre ehrlichen Meinungen anonym auszutauschen. In der App-Beschreibung heißt es wörtlich: "Sarahah hilft dir dabei, durch ehrliches Feedback deiner Mitarbeiter und Freunde, deine Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen." Für den Arbeitsplatz geht es also um wertvolle Einschätzungen der Arbeitnehmer, die das Unternehmen und besonders die Arbeitsbedingungen verbessern können. Im privaten Bereich wird ein Raum für ehrliche Kommunikation unter Freunden geschaffen. Der Unterschied zu sozialen Netzwerken ist vor allem, dass es keine Interaktionsmöglichkeiten gibt. Weder ist ersichtlich, von dem eine Nachricht stammt, noch kann darauf reagiert werden.

Wie funktioniert Sarahah praktisch?

Nach dem Download wird ein Account angelegt, den Nutzer über soziale Netzwerke teilen können, um darauf aufmerksam zu machen. Es ist auch möglich, nach anderen Nutzern zu suchen, die man vielleicht kennt. Dann kann das Nachrichtenversenden auch schon losgehen. Den eher überschaubaren Funktionen der App entsprechend, ist die Oberfläche sehr aufgeräumt und übersichtlich. Es gibt nur einen einzigen Feed, indem Nachrichten (Feedbacks) erscheinen, die man erhalten hat. Jetzt können wir entweder den Absender blockieren, die Nachricht als Favorit speichern oder löschen.

Kontroverse im App Store vorprogrammiert

Cyber-Mobbing ist seit Jahren ein großes Thema und beschäftigt nicht nur die Netzwelt, sondern mittlerweile auch die Politik. Ein Konzept wie das von Sarahah und Co. scheint dazu prädestiniert zu sein, dieses Problem des Social-Web neu anzufachen. Kommentaren wie "Das ist doch bloß eine Cyber-Mobbing Plattform, sie ist bösartig und gemein" begegnet Enwickler Tawfiq folgendermaßen: "Sarahah ist ein Tool zur Selbstentwicklung, das Menschen erlaubt, konstruktives Feedback zu erhalten." Bleibt nur zu hoffen, dass die User Tawfiqs Vision teilen und sich dem positiven Geist des Erfinders anschließen. Die Zukunft wird es zeigen.

Zwei Twitter Beiträge nebeneinander

Links ein Feedback, das sich viele User wünschen. Rechts eines, das zu befürchten ist...

Quelle: (Screenshot / @HemaDeandra und @KHABBAB_)  Twitter.com 

Zwei Twitter Beiträge nebeneinander

Links ein Feedback, das sich viele User wünschen. Rechts eines, das zu befürchten ist...  

Quelle: (Screenshot / @HemaDeandra und @KHABBAB_)  Twitter.com 

Sarahah in den USA: warum gerade hier?

Mittlerweile hat die App 95 Millionen Nutzer und der Grund, warum sie unter US-Teens viral gegangen ist, dürfte an einer anderen App liegen: an Snapchat. Warum? Es scheint an einer einzigen Funktion zu liegen. Im Juli hat die 'Snap Incorporation' ein neues Feature eingefügt, das Nutzern seiner Messaging-App seither erlaubt, Links in ihre Nachrichten zu integrieren. Daraufhin begannen die sehr jungen Snapchat-User damit, ihre Sarahah Profile und später Screenshots ihrer erhaltenen Feedbacks zu teilen. Die Folge war, dass die Download-Raten im App Store rasant stiegen. Scheinbar wollte jeder wissen, was andere über ihn oder sie denken.

Ein Erfolgsmodell mit Zukunft?

Twitter Nachricht von Sarahah

Der Erfolg der App überrascht auch den saudischen Entwickler Tafwiq  

Quelle: (Screenshot)  Twitter.com 

Twitter Nachricht von Sarahah

Der Erfolg der App überrascht auch den saudischen Entwickler Tafwiq  

Quelle: (Screenshot)  Twitter.com 

Entwickler Tawfiq und seine zwei Mitarbeiter im saudischen Dhahran konnten sich Anfang des Jahres über ein Startup-Sponsoring von Microsoft freuen und Cloud-Speicher im Gegenwert von 120.000 Dollar nutzen. Der Vertrag ist mittlerweile ausgelaufen und Werbung in die App integriert worden, um für die Finanzierung zu sorgen. Ob die langfristig gesichert ist, scheint fraglich. Yik Yak, ein ähnliches Projekt war 2014 noch 400 Millionen Dollar wert – dieses Jahr wurde es eingestampft, nachdem die Nutzerzahlen in den Keller gerauscht sind. Viel wird auch davon abhängen, ob das Cybermobbing tatsächlich überhand nehmen wird, oder die Nutzer tatsächlich Tawfiqs hehrer Vision folgen und sich gegenseitig konstruktives Feedback geben. Das ist zumindest anzuzweifeln.

Was meint ihr? Eine gute Idee? Oder nur eine weiteres Sprachrohr für anonyme Trolle und Hater?

Hier erfährst du mehr über: Instant Messenger

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1 Kommentar
Michael Siano

Alles gut