Chats im Nachinein manipulierbar

Alles weg: Telegram führt umstrittene Löschfunktion für Nachrichten ein

Geschätzte Lesezeit: ca. 3 Minuten

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von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Auf Telegram können Nachrichten ab sofort nach Ablauf der 48-Stunden-Marke gelöscht werden. Und zwar ohne Bearbeitungsvermerk. So, als hätte es sie nie gegeben. Auch Nachrichten eures Gegenübers könnt ihr entfernen - und umgekehrt funktioniert das natürlich ebenso. Das ist zweifellos nützlich, hat aber auch eine Kehrseite.

Nachrichten im Nachgang löschen - zum Beispiel weil sie einem peinlich sind - können Telegram-Nutzer schon länger. 48 Stunden konnte man sich bislang Zeit für das Bearbeiten oder Entfernen abgeschickter Texte Zeit lassen. Ein Hinweis im Chat machte dann darauf aufmerksam, dass ihr nachträglich Hand an die Nachricht gelegt habt. Jetzt geht Telegram einen Schritt weiter: Ab sofort kann jeder jede Nachricht völlig spurlos verschwinden lassen, auch ein Zeitlimit gibt es nicht mehr.

Telegram: Nachrichten manipulieren ohne Einschränkung

Eine Nachricht löschen ist ab sofort kinderleicht. Auch der Empfänger (bzw. Absender) bekommt sie auf Wunsch nicht mehr zu Gesicht.  

Quelle: (Screenshot) 

Eine Nachricht löschen ist ab sofort kinderleicht. Auch der Empfänger (bzw. Absender) bekommt sie auf Wunsch nicht mehr zu Gesicht.  

Quelle: (Screenshot) 

Möglich ist das sowohl in normalen als auch in geheimen Chats. Berührt einfach den Text, den ihr verschwinden lassen wollt und wählt die Option 'löschen'. Bei Bildern und Stickern führen langes Drücken und die Auswahl des Papierkorbs zum Ziel. Dabei hat jeder auch die Möglichkeit, von anderen Nutzern empfangene Nachrichten zu entfernen - und auch für diese ist die eigene Nachricht dann verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben.

Im Telegram-Blog begründet das Unternehmen die neuen Funktionen mit einem Mehr an Privatsphäre und Kontrolle. Freunde zerstreiten sich, Beziehungen gehen in die Brüche - in solchen Situationen dürften sich viele eine Möglichkeit wünschen, Inhalte nachträglich zu löschen. Viel Fantasie braucht man allerdings nicht, um auch die Kehrseite der Medaille zu erkennen.

Aus der Verantwortung stehlen, wenn über Telegram etwas vereinbart wurde, kann man sich so zum Beispiel auch prima. In den Chats gibt es schließlich keinen Hinweis darauf, dass die Inhalte manipuliert wurden. "Hier steht es doch schwarz auf weiß" - dieses Argument zieht bei Telegram ab sofort nicht mehr.

Texte lassen sich außerdem derart verdrehen, dass der Sinnzusammenhang hinterher ein gänzlich anderer ist. Gerade das Löschen fremder Beiträge per Knopfdruck und sogar auf fremden Geräten ist heikel - Privatsphäre hin, Kontrolle her. Entsprechend wird das neue Feature auch in den sozialen Medien kontrovers diskutiert. Ein User auf Reddit bringt es recht anschaulich auf den Punkt:

In seinem Beispiel wird aus einem Freund, der jede Menge Spaß auf einem Ausflug hatte, zu jemandem mit einer denkbar fragwürdigen Vorliebe. Klar, das ist ein Extrembeispiel und unter Freunden sicher nicht an der Tagesordnung. Auch lässt sich dieser getürkte Chatverlauf ja erneut verändern oder eben ganz löschen. Trotzdem: Gut möglich, dass Telegram mit der neuen Funktion etwas übers Ziel hinausgeschossen ist. Eigentlich spräche nichts gegen einen Bearbeitungsvermerk, so wie es ihn zum Beispiel beim Facebook Messenger gibt.

Wer weiß, vielleicht reicht der Entwickler einen solchen Hinweis mit einem späteren Update nach. Bis dahin hilft nur: Weitersagen. Lasst eure Kontakte wissen, dass Chats ab sofort derart bearbeitet werden können, dann kann es auch nicht zu Missverständnissen kommen. Wer Telegram noch nicht kennt, sollte dem empfehlenswerten WhatsApp-Konkurrenten übrigens ungeachtet dessen einmal eine Chance geben. Android-Nutzer finden ihn im Google Play Store, Besitzer eines iPhones oder iPads laden ihn bei iTunes herunter.

Hier erfährst du mehr über: Datenschutz und Instant Messenger

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