Tschüss, Perso?

Digitaler Ausweis und Führerschein: Google baut an Schnittstelle für Android

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Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Bald lassen sich Ausweis, Führerschein und andere Dokumente womöglich digital via Smartphone vorzeigen. Google schraubt an einer entsprechenden Schnittstelle für Android, während US-Behörden schon Testläufe starten. Das Prinzip verspricht viel Komfort, birgt aber auch deutliche Risiken.

Smartphones durchdringen jeden Lebensbereich: Sie führen uns bei Reisen ans Ziel, verstehen unsere Sprache, lassen sich zum Bezahlen verwenden - sie bringen sogar Rinder zusammen. Weil die Entwickler all diese Fähigkeiten immer stärker verknüpfen und integrieren, dürfte sich dieser Effekt in Zukunft noch deutlich verstärken. Dass wir uns bald auch per Smartphone ausweisen könnten, klingt daher nicht wirklich überraschend.

Mit dem Smartphone identifizieren: Tschüss, Personalausweis und Führerschein?

Denn Google arbeitet offenbar an einer speziellen Schnittstelle für Android, die sichere Identifikationsabläufe gewährleisten soll. Ein Eintrag für die 'IdentityCredential API' ist in der Open-Source-Projektverwaltung von Android jedenfalls schon angelegt und mit verschiedenen Updates gefüttert worden.

Screenshot aus der Identifikations-App LA Wallet

Der US-Bundesstaat Louisiana setzt auf digitale Führerscheine und hat dazu eigens die App 'LA Wallet' entwickelt.  

Quelle:  Play Store/LA Wallet 

Screenshot aus der Identifikations-App LA Wallet

Der US-Bundesstaat Louisiana setzt auf digitale Führerscheine und hat dazu eigens die App 'LA Wallet' entwickelt.  

Quelle:  Play Store/LA Wallet 

Den Auswertungen des Fachportals 'XDA-Developers' zufolge dürfte die Technik, in Kombination mit entsprechender Hardware, Ausweisdokumente sicher hinterlegen und sogar dann funktionieren, wenn der Akku für den eigentlichen Smartphone-Betrieb zu schwach ist. Die offizielle Vorabversion für das neue Android Q steht allerdings schon vor der Tür - und die Schnittstelle ist noch nicht weit genug entwickelt, um darin aufgenommen zu werden. Mit einer Veröffentlichung der Funktion sei also erst im Zuge der darauffolgenden Auflage des Smartphone-Betriebssystems, Android R, zu rechnen.

US-Behörden experimentieren auch ohne entsprechende Schnittstelle schon mit Anwendungen zur Identifikation per Smartphone. Die App 'LA Wallet', entwickelt vom Bundesstaat Louisiana, unterstützt etwa digitale Führerscheine, die von der Polizei anerkannt werden. Ähnliche Vorstöße gibt es in den USA bei der Altersidentifizierung vor dem Kauf von Alkohol und Tabak.

Digitale Ausweisdokumente: Zwei Seiten einer Medaille

Ein digital im Smartphone hinterlegter Ausweis oder Führerschein hat zahlreiche Vorteile:

  • Man kann ihn nicht verlieren und muss ihn deshalb auch niemals neu beantragen. Selbst wenn das Smartphone abhandenkommt, bleibt das Dokument auf Servern gespeichert.
  • Die Daten lassen sich online aktualisieren, auch ein neues Foto kann im Netz eingereicht werden – der Gang zur Behörde entfällt.
  • Er lässt sich (je nach technischer Absicherung, dazu unten mehr) schwieriger stehlen. Fällt ein physischer Ausweis in die falschen Hände, wird geklaut, ist er verloren. Eine digitale Variante müsste erst entschlüsselt werden, außerdem ließe sich der Zugriff sperren.
  • Vermutlich würde er nur selten vergessen werden. Mal ehrlich, woran denkt ihr eher: Ans Portemonnaie oder ans Smartphone?
  • Vielleicht lässt er sich sogar schneller vorzeigen als die analoge Variante – das hängt natürlich von der eigenen Organisation ab.

Doch jede Medaille hat zwei Seiten, bei dieser Idee ist es nicht anders. Die digitale Verfügbarkeit von Identifikationsdokumenten kann etwa genauso gut zum Nachteil werden. Bei einem physischen Ausweis hat der Inhaber im Regelfall direkte Kontrolle darüber, wer ihn zu Gesicht, wer ihn in die Hände bekommt. Im Angesicht der riesigen Datenlecks, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen, ist bei digitalen Varianten das Gegenteil zu befürchten.

Trotz aller Bedenken: Aufhalten lässt sich die technische Entwicklung kaum.

Physische Ausweisdokumente haben viele Merkmale und Feinheiten, die vor Fälschungen schützen sollen – trotzdem lassen sich unechte Papiere nicht aus der Welt schaffen. Bei der Identifikation via Smartphone droht dasselbe: Klar, der gesamte Vorgang ließe sich durch Software und Verschlüsselung schützen. Doch die Vergangenheit zeigt, dass sich fast jeder Schutz auch knacken lässt.

Außerdem sind alle technischen Erwägungen hinfällig, wenn der Gesetzgeber nicht mitspielt. Erfahrungsgemäß tut sich gerade Deutschland in Sachen Digitalisierung etwas schwerer, entsprechende Entscheidungen werden eher konservativ und vorsichtig getroffen. Deswegen dürfte es noch einige Zeit dauern, bis wir uns hierzulande per Smartphone ausweisen können – aufhalten lässt sich diese technische Entwicklung aber kaum.

Quelle: XDA-Developers

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