Shitstorm

FaceApp, RaceApp? Wie ein neuer Filter das Internet zum Kochen bringt

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Auf Knopfdruck jedem Selfie ein Lächeln ins Gesicht zaubern oder das Geschlecht ändern – mit unterhaltsamen Foto-Filtern eroberte FaceApp das Netz im Sturm. Die gestrige Einführung eines "rassistischen" Effekts ging allerdings völlig nach hinten los: Nach nur wenigen Stunden wurde das Feature wieder gelöscht.

Gestern am späten Abend erweiterte FaceApp sein Filterangebot. Nach dem Update konnten User per Tap ihre Ethnie wechseln, es gab vier Optionen: "weiß", "schwarz", "asiatisch" und "indisch". Die Effekte änderten die Hautfarbe und bedienten die naheliegenden stereotypen Vorstellungen. Je nach Filter wurden Augen schmaler, Nasen breiter. "Indischen" Frauen wurde sogar ein Bindi verpasst, der traditionelle Punkt auf der Stirn.

Die Reaktion des Internets ließ nicht lange aus sich warten – auf Twitter fegte ein Shitstorm über die Macher der App hinweg. Das Urteil vieler Kommentatoren: Die neuen Filter seien rassistisch und scheußlich.

FaceApp: Neue Filter nach Aufschrei entfernt

Nur wenige Stunden später beugte sich das russische Entwickler-Team der massiven Kritik und entfernte die Filter wieder aus der App. Weil FaceApp die gesamte Bildbearbeitung über eigene Server abwickelt, steht der Filter jetzt nirgendwo mehr zur Verfügung.

Anfangs verteidigte Yaroslav Goncharov, Erfinder der App und CEO des Unternehmens dahinter, die Neuerungen allerdings noch: Die neuen Filter seien Design-technisch in allen Aspekten identisch und weder positiv noch negativ konnotiert. Sogar ihre Sortierung innerhalb der App würde automatisch rotieren.

Nüchtern betrachtet hat er Recht. Diskriminierend waren die Filter jedenfalls nicht, schließlich funktionierten sie in alle Richtungen. Dass Menschen sich äußerlich unterscheiden, ist nicht rassistisch, sondern Fakt. Warum sollte man die Hautfarbe digital also nicht genauso unbekümmert ändern dürfen wie die Haarfarbe?

Menschen wurden und werden wegen ihrer Hautfarbe unterdrückt - das Thema verlangt Sensibilität

Die Antwort gibt die Geschichte: Weil Menschen wegen ihrer Hautfarbe jahrhundertelang unterdrückt wurden und heute noch werden, ist im Umgang mit dem Thema Sensibilität geboten. Mittlerweile stark kritisierte Traditionen wie das 'Blackfacing' spiegeln dieses historische Machtgefälle wider: Sie waren ein "Privileg" weißer Menschen und das Produkt einer rassistisch hierarchisierten Gesellschaft.

Kritische Kommentatoren sehen in den nun gelöschten Filtern eine Fortführung dieser rassistischen Praktiken – deshalb wurden sie wieder aus FaceApp entfernt. Andere Stimmen halten diesen Schritt für übertrieben. Tenor: Man solle "die Kirche im Dorf lassen", es gehe nur um ein paar digitale Bildchen, niemand erleide irgendeinen Schaden.

FaceApp fällt nicht das erste Mal auf

FaceApp hatte schon einmal Probleme mit fragwürdigen Effekten. Der "Hot"-Filter sollte das Motiv attraktiver machen. Er kaschierte Falten und Hautunreinheiten, hellte jedoch gleichzeitig die Hautfarbe auf und formte Gesichtszüge nach eurozentrischen Schönheitsvorstellungen um. Auch der "Hot"-Filter wurde nach einem ähnlichen Shitstorm entfernt – eine Lektion war das den FaceApp-Machern offenbar nicht. Vielleicht steckt dahinter aber auch Methode, ganz getreu dem Motto "Jede Publicity ist gute Publicity".

Die Debatte im Netz wird jedenfalls heiß geführt. Was sagt ihr zum Shitstorm gegen die Entwickler – begründet oder übertrieben?

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