EIn Genre im Umbruch

PUBG, Battle Royale und die Zukunft der Multiplayer-Shooter

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Der Battle-Royale-Modus ist gekommen, um zu bleiben – daran kann der Erfolg von Playerunknown’s Battlegrounds (PUBG) keinen Zweifel lassen: Das Spiel hat einen Nerv getroffen, doch es kämpft auch mit Schwierigkeiten. Wie wird es für PUBG weitergehen und was bedeutet das für andere Multiplayer-Shooter?

Seitdem es Ende März auf Steam erschienen ist, hat 'Playerunknown’s Battlegrounds' die PC-Gaming-Welt auf den Kopf gestellt. Jeden Monat konnte der Titel neue Höhen in den Steam-Charts erklimmen, neue Rekord-Spielerzahlen verzeichnen. Gaming-Riesen wie 'Grand Theft Auto 5' (GTA V), 'Counter-Strike: Global Offensive' (CSGO) und 'Dota 2' wurden nacheinander auf die hinteren Plätze verwiesen. Auf Twitch zählt PUBG zu den beliebtesten Spielen, die Zuschauerzahlen spielen in einer Liga mit 'League of Legends' (LoL) und 'Hearthstone'. Und das, obwohl das Spiel offiziell noch immer in der 'Early-Access'-Phase steckt.

Der Erfolg von Playerunknown's Battlegrounds in einer Grafik

Der Erfolg von PUBG in einer Grafik: Schneller steigt nur der Bitcoin.

Quelle: (Screenshot) steamcharts.com

Der Erfolg von Playerunknown's Battlegrounds in einer Grafik

Der Erfolg von PUBG in einer Grafik: Schneller steigt nur der Bitcoin.  

Quelle: (Screenshot) steamcharts.com

Eines steht unmissverständlich fest: Gamer wollen Battle Royale. Sie wollen es selbst spielen und sie wollen anderen dabei zuschauen. Und zwar überall auf der Welt, in den USA, in Deutschland, in China. Neu ist das Spielprinzip freilich längst nicht mehr. Schon 'DayZ' und besonders 'H1Z1: King of the Kill' haben mit diesem Modus eine kleine Fangemeinde aufgebaut. Neu sind allerdings die Dimensionen des Erfolgs: PUBG hat gezeigt, dass sich mit Battle-Royale-Spielen ein großer Haufen Geld verdienen lässt – das lockt die großen Fische an. Weg aus der Nische, ab in den Mainstream.

Battle Royale: Von der Nische in den Mainstream

PUBG ist der Türöffner, der Battle Royale bislang zum Durchbruch gefehlt hat. 'DayZ' und 'H1Z1: King of the Kill' haben zwar den Weg bereitet, der letzte Punch fehlte ihnen aber. Sie waren nicht "rund" genug. PUBG musste das Rad also nicht neu erfinden, sondern konnte auf seine Vorgänger aufbauen. Herausgekommen ist ein Battle-Royale-Shooter, der in allen Belangen das kleine, wichtige Stückchen besser ist als seine Konkurrenten – und obwohl PUBG noch genügend Probleme hat, macht das den Unterschied. Diese feinschleifende Evolution eines Genres ist im Gaming keine Ausnahme, es ist die Regel: 'World of Warcraft' (WoW) hat seinerzeit beispielsweise MMOs zum Massenphänomen gemacht, dasselbe gilt für League of Legends und MOBAs. Nun bringt PUBG einen Battle-Royale-Shooter für den Mainstream, den VentureBeat "den wichtigsten Shooter seit 'Call of Duty: Modern Warfare' nennt". Das Spiel rüttelt ein ganzes Genre auf.

Die Frage ist, ob PUBG tatsächlich einen ähnlichen Weg gehen kann wie WoW oder LoL, die seit ihrem Erscheinen die Publikumslieblinge ihres Genres geblieben sind und wohl noch einige Zeit bleiben werden. Beide Titel wurden von ihren Entwicklern kontinuierlich optimiert und ausgebaut. Viele Fans blieben den wegweisenden Spielen deshalb treu, neue Anhänger kamen hinzu. Gleichzeitig versuchten zahllose Publisher ihr Pendant auf dem MMO- oder MOBA-Markt zu etablieren – mit mäßigem Erfolg. Heute kann allein Dota 2 als ernstzunehmender Konkurrent auf dem MOBA-Markt gelten. Trotzdem bleibt LoL dort nach allen Metriken der Platzhirsch. Im MMO-Bereich konnte kein einziger Anwärter auch nur annähernd die Messlatte erreichen, die WoW gelegt hat.

PUBG hat noch viele offene Baustellen

Dass PUBG sich einen vergleichbaren Status erarbeiten kann, darf zumindest bezweifelt werden. Momentan kämpft das Spiel jedenfalls mit grundlegenden Problemen. Ganze Cheater-Schwadronen überschwemmen die Server und sorgen für zunehmende Wut auf Reddit und Twitter. Zahllose Kommentatoren schreiben, fast jede zweite Runde werde von Cheatern zerstört (besonders Third-Person-Server sollen betroffen sein). Außerdem wird PUBG seit Release von schwankender Server-Performance und zum Teil katastrophaler Trefferabfrage geplagt. Für die Probleme wird der 'netcode' (zu Deutsch etwa "Netzwerk-Programmcode") verantwortlich gemacht, der spielentscheidende Berechnungen auf den Klienten (also den Computer des Spielers) auslagert und sie nicht serverseitig bestätigt. Das sorgt für Synchronisierungsprobleme und macht Manipulationen einfach.

Das Problem vieler Early-Access-Spiele: Es folgt Anbau nach Anbau, während die Grundmauern löchrig bleiben

Auf Beschwerden zu diesem Thema gehen die Entwickler häufig nicht oder nur zögerlich ein. Angekündigte Nachbesserungen blieben größtenteils fruchtlos, einige grundsätzliche Probleme – etwa in puncto Trefferabfrage, Fahrzeug-Physik oder Clipping – bestehen seit Release. Stattdessen kündigen die Macher vollmundig neue Maps oder neue Spielmechaniken an, schwärmen von eSport-Szenarien. Sogar mit Mikrotransaktionen wurde experimentiert. Es folgt sozusagen Anbau nach Anbau, während die Grundmauern löchrig bleiben – ein Problem, das schon viele 'Early-Access'-Titel plagte. Spiele wie 'DayZ', 'Rust', 'H1Z1: King of the Kill' oder 'ARK: Survival Evolved' konnten ihre Kinderkrankheiten nie überwinden und blieben hinter ihren Versprechen zurück. Dass es PUBG ähnlich ergehen könnte, ist vorstellbar.

Die großen Publisher schlafen nicht

Ob PUBG seine Probleme in den Begriff bekommt oder nicht: Die großen Publisher - sei es EA, Ubisoft oder Activision Blizzard - haben das Battle-Royale-Prinzip garantiert schon genau unter die Lupe genommen. Wenn ein Spiel wie PUBG innerhalb von nur sechs Monaten an die Spitze der Steam-Charts schießt und zu Spitzenzeiten mehr als 2 Millionen gleichzeitig aktive Spieler vorzuweisen hat, können die Großen der Branche das nicht ignorieren. Weil Publisher heute gerne auf Mikrotransaktionen und kontinuierliche Monetarisierung setzen, muss das Battle-Royale-Prinzip noch mal attraktiver wirken: Exklusive Maps, Spieler- und Waffen-Skins oder ein Lootbox-System lassen sich perfekt integrieren. Jedenfalls zeigt PUBG schon jetzt, was Spieler für besonders seltene Items zu zahlen bereit sind: Vorbesteller bekamen ein exklusives Bandana geschenkt, das nun für rund 1000 Dollar gehandelt wird.

Fortnite: Battle Royale

Mit 'Fortnite: Battle Royale' hat Epic Games, einer der großen Publisher, seine Battle-Royale-Interpretation ins Rennen geschickt.  

Quelle: Epic Games/Fortnite: Battle Royale

Fortnite: Battle Royale

Mit 'Fortnite: Battle Royale' hat Epic Games, einer der großen Publisher, seine Battle-Royale-Interpretation ins Rennen geschickt.  

Quelle: Epic Games/Fortnite: Battle Royale

Bis jetzt hat zwar allein 'Epic Games' seine Interpretation des neuen Genres in den Ring geschickt – den Free-to-Play Comic-Shooter 'Fortnite: Battle Royale' –, doch weitere Kandidaten dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen. Besonders für EA, genauer EA DICE, scheint ein Battle-Royale-Titel dank der jahrelangen Erfahrung mit der 'Battlefield'-Reihe nahezuliegen. Die Entwickler könnten auf ihr Know-how im Umgang mit massiven Multiplayer-Shootern zurückgreifen. Auch 'Battlefield' hatte früher wegen seiner großen Schlachten mit Performance- und Serverproblemen zu kämpfen. Mittlerweile sind diese Schwächen allerdings ausgemerzt worden: 'Battlefield 1' ist ganz sicher nicht fehlerfrei, doch im Vergleich zu PUBG läuft es deutlich flüssiger, der 'netcode' ist ausgereifter. Dass PUBG viele, viele Spieler verlieren könnte, wenn EA (oder irgendein anderer großer Publisher) einen ähnlich polierten Battle-Royale-Shooter auf den Markt bringen würden, ist leicht vorstellbar.

Außerdem kann das Battle-Royale-Prinzip noch in viele Richtungen erweitert werden. Es lässt sich etwa mit weltbekannten Fantasiewelten verknüpfen: Ein Überlebenskampf im Star-Wars-Universum, auf Yavin IV, Naboo oder Hoth, mit Blasterwaffen und Glidern? Das vermarktet sich quasi von allein. Funktioniert Battle Royale auch im Mittelalter-Setting oder mit mächtigen Kampfrobotern à la 'Titanfall'? Das gilt es auszuprobieren – noch ist das Genre nahezu unbefleckt, die Möglichkeiten sind riesig.

Battle Royale und eSport – geht so

Bevor Battle Royale allerdings eine ernstzunehmende Option für den eSport werden kann, müssen grundlegende Probleme überwunden werden. In PUBG etwa hat das immer kleiner werdende Spielfeld einen großen Einfluss auf den Spielverlauf. Manchmal zwingt es einige Spieler ins offene Feld, während die Kontrahenten in ihrer Deckung lauern dürfen. Darüber entscheidet allein der Zufall – und ein zu hoher Zufallsfaktor ist Gift für einen fairen Wettkampf. CSGO oder LoL sind seit Jahren so beliebt, weil sie diesen Faktor auf ein Minimum reduzieren: Im Schnitt gewinnt der bessere Spieler, nicht der glücklichere. Auf PUBG trifft das nur mit deutlichen Abstrichen zu.

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Übertragbarkeit von eSport im Battle-Royale-Modus. Während PUBG ein Highlight auf Twitch ist, wo einzelne Streamer mit ihrer Perspektive eine große Fangemeinde aufbauen konnten, sind komplette Matches eher umständlich zu verfolgen. Wenn 100 Spieler aufeinander losgehen, ist es kaum möglich, die Highlights live einzufangen – zu viele Dinge passieren gleichzeitig. Das gilt auch für Team-Matches: Während bei CSGO oder LoL jeweils zwei Teams im direkten Duell gegeneinander antreten, sind es bei PUBG mehr als 20 Teams (bei Vierergruppen). Hier zu justieren ist problematisch, denn je geringer die Spielerzahl, desto geringer der Battle-Royale-Faktor.

Wie auch immer spätere Titel das Battle-Royale-Genre umformen werden, noch steht PUBG an seiner Spitze. Es darf allerdings begründet bezweifelt werden, ob der Überraschungshit diese Position langfristig verteidigen kann. Denn das Early-Access-Spiel ist zurzeit noch mit vielen Makeln behaftet – und sobald ein ernstzunehmender Konkurrent ohne diese Mängel daherkommt, könnte es für Playerunknown’s Battlegrounds schnell eng werden. Fest steht: Einzelne Spiele mögen wieder verschwinden, das Battle-Royale-Genre wird uns allerdings durch die nächsten Jahre begleiten.

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