Zocken mit Freunden - und Streamern

Google Stadia: So funktioniert Multiplayer mit dem Streaming-Dienst

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von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Stadia nennt Google die Streaming-Plattform, die nichts Geringeres als die Zukunft des Gaming einläuten soll - und das sogar noch in diesem Jahr. Natürlich wurde auf der gestrigen Vorführung erst einmal das Blaue vom Himmel versprochen. Abseits vom Eigenlob gab es aber erfreulich viel Konkretes bezüglich der Möglichkeiten, mit Freunden, der Community und sogar gemeinsam mit Streamern zu spielen.

Stadia ist nicht etwa ein Zuckerersatzstoff, sondern Googles neuer Game-Streaming-Service. Wie erwartet hat Google diesen gestern der ganzen Welt in einer über einstündigen Pressekonferenz mit viel Getöse vorgestellt. Und das, was Google-Chef Sundar Pichai und eine Handvoll anderer Speaker auf der Bühne vorgestellt haben, ließ durchaus hoffen. Zumindest theoretisch könnte Stadia tatsächlich das "Netflix für Games" werden, das in jüngster Zeit von allen Seiten immer wieder herbeigeredet wird.

Schon zum Launch sollen Spiele ohne Verluste in 4K-Auflösung mit konstanten 60 Bildern pro Sekunde gestreamt werden können, ohne spürbare Eingabeverzögerung. Das, was auf dem Bildschirm zu Hause landet, soll laut Google-CEO Sundar Pichai der Qualität entsprechen, die PlayStation 4 Pro und Xbox One X allenfalls in Kombination erzeugen können. Die Rechenleistung dafür kommt von Googles mächtigen Datencentern, ihr braucht nur einen Bildschirm - TV, Monitor, Tablet, Smartphone, egal welcher.

Wenn wir sagen 'eine Spiele-Plattform für jedermann', dann meinen wir es auch so.

Sundar Pichai, Google

Vollmundige Versprechen, die Google jetzt auch halten muss. Ganz besonders in Regionen mit schlechter Breitbandversorgung darf daran wohl noch gezweifelt werden. Immerhin: 100 externe Studios seien von der Technologie bereits überzeugt, mit 'Stadia Games and Entertainment' ist sogar eigens ein Studio für First-Party-Games (Exklusivtitel?) aus dem Boden gestampft worden.

Und der Multiplayer mit Stadia? Wie zocke ich gemeinsam mit anderen, teile Erfahrungen und trete mit der Community in Kontakt? Das scheinen Fragen zu sein, die besonders viele interessieren. Entsprechend räumte Google diesen Themen viel Platz in ihrer Vorstellung ein. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse:

Crowd Play: Per Knopfdruck gegen den Streamer antreten

Keine Umwege mehr, schnell die richtigen Verbindungen schaffen, Überflüssiges entfernen: So oder ähnlich könnte der gemeinsame Nenner der Vortragenden während der Präsentation lauten. Bei kaum einem vorgestellten Feature wurde das so deutlich wie bei 'Crowd-Play'. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich ein Button, den ihr gleich neben den Videos teilnehmender YouTube-Streamer findet. Betätigt ihr ihn, betretet ihr erst eine Warteschlange und werdet dann Teil des im Stream gespielten Games, spielt live mit dem Streamar oder womöglich gegen ihn. Bislang ist so etwas allenfalls mit viel Aufwand und jeder Menge Glück möglich.

Stream Connect: Revival des Sofa-Scharmützels?

Die Rechenarbeit für das Game jedes Stadia-Spielers wird von direkt zugewiesenen Instanzen in Googles Rechenzentren geleistet. Niemand muss sich also Rechenleistung teilen. Für Lead Designer Research and Development Erin Hoffmann-John hat das einen Nebeneffekt, der sich insbesondere auf das Spielen mit Freunden im lokalen Splitscreen positiv auswirkt.

Wir ermöglichen Splitscreen-Multiplayer ohne Performance-Verlust.

Erin Hoffmann-John, Lead Designer R & D

Bisher ist es so: Spielt ihr 'Mario Kart 8' zusammen mit einem Kumpel auf der Switch, muss die Konsole beide Bildschirmhälften simultan berechnen. Entwickler müssen das also einkalkulieren: Sie drosseln gegebenenfalls die Performance, damit die Hardware auch mithalten kann, und begrenzen die maximale Spielerzahl.

Mit dem Stadia-Feature 'Stream Connect' streamt aber jeder zu Hause auf dem Sofa teilnehmende Spieler für sich selbst, erst im Nachgang werden die Games auf einem Bildschirm zusammengefügt. Das könnte Entwickler durchaus ermuntern, das zuletzt etwas stiefmütterlich behandelte Thema 'Couch-Coop' neu aufleben zu lassen.

State Share: Macht weiter, wo euer Freund versagt

Etwas schmucklos, aber genial, wenn's wirklich funktioniert: Per Klick auf einen Textlink dort weitermachen, wo ein Freund gescheitert ist.  

Quelle: (Screenshot / Google)  YouTube 

Etwas schmucklos, aber genial, wenn's wirklich funktioniert: Per Klick auf einen Textlink dort weitermachen, wo ein Freund gescheitert ist.  

Quelle: (Screenshot / Google)  YouTube 

Wenn es denn so funktioniert, wie Gastredner Dylan Cuthbert von 'Q-Games' es beschreibt, könnte 'State Share' das wohl abgefahrenste Multiplayer-Feature des Streaming-Dienstes werden: Mit der Funktion lässt sich - sofern der Entwickler es vorsieht - an praktisch jeder beliebigen Stelle in einem Spiel ein Textlink generieren. Dieser lässt sich über die üblichen Wege verschicken und den Empfänger an der exakt selben Stelle weiterspielen. Ihr kommt an einer Stelle nicht weiter? Ihr wollt sehen, wie sich ein Freund bei eurem Lieblingsboss schlägt? Link kopieren, verschicken, kurze Nachricht anhängen, fertig.

Toll für Streamer und YouTube-Creators: Mit State Share lassen sich regelrechte Wettkämpfe allein in den Kommentaren vom Zaun treten. Wir sind jedenfalls gespannt, was die Community aus dem innovativen Feature alles herausholt.

Und die Latenz? Was ist damit?

In herkömmlichen Multiplayer-Sessions über das Internet kann einem ein zu hoher 'Ping' schon mal die Laune verhageln. Bei einem Game-Streaming-Dienst wie Stadia ist der gefürchtete Input-Lag aus naheliegenden Gründen ein ungleich heikleres Thema: Lässt sich ein Spiel nicht verzögerungsfrei spielen, taugt der ganze Service nichts. Google versichert daher, sich der Problematik intensiv gewidmet zu haben. Die Lösung klingt erst mal einleuchtend: Client und Server bei Stadia sind im Grunde beide Google – es gibt beim Datentransfer keine Umwege über das öffentliche Netz oder Mitspieler mit schlechterer Verbindung. Phil Harrison, neuer Chef von Googles Gaming-Sparte, legt sich in dieser Hinsicht ziemlich weit aus dem Fenster: "Battle Royale Games mit heute hundert von Spielern könnten in Zukunft tausende Spieler haben", orakelt er. Ob er damit recht behält, muss sich zeigen.

So sieht der Controller aus. Mit dem 'Capture-Button' streamt ihr euer Game, den Google Assistant schaltet ihr für Unterstützung im Spiel dazu.  

Quelle:

So sieht der Controller aus. Mit dem 'Capture-Button' streamt ihr euer Game, den Google Assistant schaltet ihr für Unterstützung im Spiel dazu.  

Quelle:

Auch der neue Controller (ja, er sieht so aus wie in dem geleakten Patent) soll dazu einen Beitrag leisten. Dieser wird sich nämlich nicht etwa per USB oder Bluetooth mit eurer verwendeten Hardware verbinden, sondern per WLAN möglichst direkt an Googles Rechenzentren funken. Mit dem sogenannten 'Capture-Button' zeichnet ihr zudem eure Session auf, verschickt sie dann an Freunde oder ladet sie auf YouTube hoch.

Wann kommt Stadia und was kostet es?

Google Stadia soll noch in diesem Jahr mit den ersten Titeln live gehen. Einer davon wird 'Doom Eternal' sein, wie id-Software-Chef Marty Stratton höchstpersönlich versicherte. Viel mehr weiß man bis dato nicht. Was kostet der Service? Gibt es Modelle mit mehreren Profilen? Vor allem: Welche Bandbreite sollte mindestens vorliegen? Wichtige Fragen, zu denen es bisher noch keine Antworten gibt. Auch, wie man mit Stadia Zugang zu spielen erhält, ist noch offen. Google beteuert zwar, dass im Grunde jeder Link, jeder Button im Netz potenziell zu einem neuen Game führen kann, spricht gleichzeitig aber fast nebenbei von einem 'Stedia-Store'.

Auch gibt es keine Informationen hinsichtlich der Vergütung der Studios: Es bleibt zu hoffen, dass kleine, innovative Entwickler im Modell Stadia nicht das Nachsehen haben - der Streaming-Dienst Spotify bezahlt Künstler bekanntermaßen auch nicht gerade fürstlich, ist inwzischen aber zu einem notwendigen Übel für Klangschaffende fast jedweder Couleur geworden. Mehr wissen wir aber vermutlich schon im Sommer, wenn uns Google mit weiteren Informationen versorgen will. Die gestrige Pressekonferenz seht ihr in stark gekürzter Fassung in folgendem Video:

Hier erfährst du mehr über: Google

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