Keine Frustrationstoleranz mehr

Kingdom Come: Deliverance - sind moderne AAA-Spiele zu leicht?

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von Benjamin Krämer -

Moderne AAA-Produktionen sind zu leicht und fordern Spieler nicht mehr zum Nachdenken heraus - das sagt Martin Klima, ausführender Produzent von 'Kingdom Come: Deliverance'. Er könnte damit die Achillesferse großer Titel wie Assassin’s Creed oder Call of Duty ansprechen. Mit seinem gerade erschienenen Titel hat er so etwas wie den Anti-Entwurf zu diesem Problem vorgelegt.

Ich gehöre zu der Gamer-Generation, die mit bockschweren Titeln wie 'Syndicate', 'X-Com: Terror from the Deep' und 'Die Fugger 2' groß geworden ist. Handbücher zu studieren und sich monatelang die Fingernägel abzukauen, beim Versuch sie durchzuspielen, gehören für mich zu normalen Erfahrungen der Jugend. Ich erinnere mich noch, wie meine Mitschüler mir auf die Schulter geklopft haben, als ich verkünden konnte, 'Dune 2' und 'Half Life' durchgespielt zu haben. Damals gab es immerhin noch keine Walkthrough's und Myriaden von Foreneinträgen, in denen die Lösungen für kniffelige Spielinhalte diskutiert wurden - oder zumindest waren sie schwieriger zu finden. Diese Zeit wünschen sich nicht nur Spieler wie ich zurück, sondern auch Entwickler wie Martin Klima, der mit 'Kingdom Come: Deliverance' ein Spiel vorgelegt hat, das auch von der Nostalgie dieser Zeit lebt.

Kingdom Come: Deliverance will zur Abwechslung mal herausfordern

Das Gros moderner Spiele ist deutlich simpler geworden, als noch vor 10 oder 20 Jahren

Viele Spieleportale bemängeln bei dem Hardcore-Rollenspiel, dass es kein freies Speichern gibt und man bei den schwierigen Schwertkämpfen schnell stirbt. Wenn das passiert, müsse man schlimmstenfalls eine halbe Stunde nochmal spielen. Als ich das gelesen habe, dachte ich: Na gut, das musste ich früher doch auch ständig? Das hat den Reiz ausgemacht, immerhin konnte man sich dafür tagelang darüber freuen, eine Herausforderung gemeistert, oder ein Spiel gar vollendet zu haben.

Moderne AAA-Produktionen wie Assassin’s Creed böten dagegen ständig Hilfestellungen an und spielten sich im Prinzip von selbst, meint Martin Klima - auch ohne das Zutun der Spieler. Auf dem 'weekly blog' des Entwicklers 'Warhorse' kritisiert er, dass Spieler mit Hilfen wie Tool-Tips, Markern, Richtungspfeilen und so weiter kaum noch herausgefordert würden.

Zwischen Indie und Top-Produktion

Im Grunde genommen sei Kingdome Come: Deliverance, das ähnlich wie die 'Gothic'- oder 'Dark Souls'-Reihe auf Realismus und das Mitdenken seiner Spieler setzt, ein Indie-Game im Gewand eines AAA-Spiels. Denn Indie-Spiele seien heutzutage oftmals die einzigen, die noch originelle Stories erzählten und Gamer vor Herausforderungen stellen. Zugleich erkennt Klima aber auch an, dass Assassin’s Creed oder 'Shadow of War' sich gut verkaufen und entsprechend den Nerv einer großen Spielerzahl träfen. Indie-Spiele müssen ihre Vision vom nostalgischen Frust-Trip darum mit geringen Budgets und deshalb auch mit Spar-Grafik umsetzen. Mit Kingdom Come: Deliverance will der Tscheche mit seinem Studio beweisen, dass auch ein Spagat zwischen Indie und AAA gelingen kann. Die Verkaufszahlen geben ihm im Moment noch recht.

Anspruch futsch - sind Konsolen Schuld am Simpel-Trend?

Woran liegt dieser Trend hin zu "Spielen, die sich selbst spielen" und fehlendem Anspruch? Ich habe meine eigene Theorie und die hängt mit dem Aufstieg der Konsolen zusammen. Ich selbst bin PC-Spieler im Herzen und werde es wahrscheinlich immer sein, denn ich kann nichts damit anfangen, wenn ein Spiel mir sagt, ich solle jetzt 'Raute', dann 'Dreieck' drücken, um einen Endboss zu zerlegen. Das ist mir zu simpel.

Aber die weite Verbreitung von Konsolen hat auch Vorteile, die ich anerkenne: Durch sie sind Videospiele aus dem Schatten des 'Nerdkrams' herausgetreten und einer breiten Masse zugänglich geworden, die nicht gerne frustriert an einem virtuellen Problem knobelt, sondern einfach nach der Arbeit oder Schule bei einem gut aussehenden Abenteuer entspannen möchte.

Außerdem hat gerade Dark Souls gezeigt, dass sich beides verbinden lässt. Es hat im Grunde genommen eine Brücke zwischen Spielern wie mir und modernen Konsoleros geschlagen und das finde ich gut. Darum finde ich es toll, dass es Kritiker wie Martin Klima gibt, ebenso wie Lieferanten für die breite Masse wie Ubisoft mit der Assassins Creed-Reihe und Indiestudios, die mit Matschgrafik aber einem Spiel mit Charakter auftrumpfen können. Der Spielemarkt war noch nie so vielfältig wie heute und mal im Ernst: Auch ich als Frust-Nostalgiker muss anerkennen: Die Zeit, als es ausschließlich bockschwere Games auf 84 Floppy-Disks gab, wünsche ich mir nicht zurück.

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