Die alte Leier

Royaler Quatsch: Prinz Harry will Fortnite verbieten [Kommentar]

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Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Der britische Prinz Harry hat sich öffentlich gegen Fortnite ausgesprochen und dabei alte Klischees neu aufgewärmt. Tenor: Solche Videospiele machen süchtig, sind gefährlich und sollten besser verboten werden. Das sehen wir anders.

Sie wollen nicht abreißen, die Diskussionen um die Risiken des Computerspielens. Und immer wieder werden dabei dieselben Vorurteile hervorgekramt: Zocken macht aggressiv, Zocken macht einsam, Zocken macht süchtig. Kein Wunder, wenn selbst Prominente auf den Zug aufspringen und die alte Leier öffentlich zum Besten geben. So geschehen nun in England, wo der britische Prinz Harry gegen 'Fortnite' wetterte. Am Rande einer Charity-Veranstaltung in London zum Thema "Mentale Gesundheit" gab er zu verstehen, dass er ein Verbot des weltweiten beliebten Battle-Royale-Spiels offenbar für keine schlechte Idee hält:

"Dieses Spiel (Fortnite, Anm. d. Red.) sollte nicht erlaubt sein. Welchen Nutzen hat es, es in deine Familie zu bringen? Es wurde geschaffen, um süchtig zu machen. Eine Sucht, die dich möglichst lange vor einem Computer halten will. Es ist total unverantwortlich. Es ist, als würde man darauf warten, dass es Schaden anrichtet und Kinder vor der Haustür auftauchen und Familien zusammenbrechen."

Britischer Prinz Harry, Herzog von Sussex

Wie der Prinz zu dieser Einschätzung gelangte, blieb leider offen. Natürlich kann man der Auffassung sein, dass Jugendliche (und auch Erwachsene) zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Ob Fortnite diesen Umstand besonders begünstigt, will das britische Parlament nun prüfen. Doch mit seiner Zuspitzung schießt der Prinz übers Ziel hinaus und verfehlt trotzdem den Kern des Problems. Denn es ist leicht, Fortnite (oder irgendein anderes Spiel) als Sündenbock anzuprangern – aber die eigentlichen Ursachen bleiben davon unberührt.

Zu viel ist immer schlecht

Unbestritten ist, dass zu viel Zeit vor dem Computer schädlich sein kann. Zu wenig Bewegung, zu wenig Sonne, zu wenig Sauerstoff, zu wenig Schlaf, zu wenig echte soziale Interaktion – all das schlägt sich schnell auf Körper und Geist nieder. Untersuchungen des 'Oxford Internet Institute' kamen dennoch zu dem Schluss, dass nur 0,3 Prozent der Zocker ernsthafte Schwierigkeiten damit hätten, sich ihre Spielzeit vernünftig, sprich gefahrlos, einzuteilen. Die breite Masse baue beim Zocken sogar Stress ab, ziehe also einen positiven Nutzen aus dem "Gedaddel".

Kind spielt Fortnite

"Geschaffen, um süchtig zu sachen": Prinz Harry findet, Fortnite "sollte nicht erlaubt sein".

Quelle: (Jennie Book)  Shutterstock.com 

Kind spielt Fortnite

"Geschaffen, um süchtig zu sachen": Prinz Harry findet, Fortnite "sollte nicht erlaubt sein".  

Quelle: (Jennie Book)  Shutterstock.com 

Die melodramatische Fokussierung auf Fortnite ist daher überflüssig, sie wärmt nur alte und nachweislich falsche Klischees auf. Geschichten davon, dass ein Arzt einem 11-Jährigen zwei Wochen Fortnite-Abstinenz verordnete, dass ehemalige Ehepaare das Spiel sogar wiederholt als Scheidungsgrund nannten, sorgen zwar für Schlagzeilen und Klicks – doch sie stützen sich auf Extremfälle, die eigentlichen Probleme liegen woanders. "Zu viel" ist der Definition nach immer schlecht, egal wovon.

Verbote ersetzen keine Eigenverantwortung

Denn, und das ist ja der Vorwurf des Prinzen speziell an Fortnite, was ist denn heute nicht so gestaltet, dass es den Spieler, den Zuschauer, den Konsumenten nicht versucht zu binden, nicht schon halb zum Wiederkommen zwingt? Ob YouTubes Autoplay oder der unweigerliche Cliffhanger am Ende einer Netflix-Folge, ob Endlos-Scrolling bei Facebook oder immer mehr Likes auf Instagram. Ob Zigaretten, Alkohol, Energy-Drinks oder Fast-Food-Essen, selbst spannende Krimi-Romane: Vieles ist so gestaltet, dass wir mehr wollen, immer mehr. Die Unternehmen reiben sich die Hände, denn das sichert ihren Profit. So schließt sich unweigerlich der Kreis eines wachstumsorientierten Wirtschaftssystems, in dem es immer um das "Mehr" geht.

Einfacher ist es, immer neue Verbote zu fordern, die nur an den Symptomen herumdoktern und letztlich gar nichts ändern.

Um diese unzähligen Verlockungen in der Balance zu halten, braucht es keine Verbote, sondern Selbstreflexion, die Eigenverantwortung jedes Einzelnen – bei Kindern stehen die Eltern in der Pflicht. Die Menschen sollten sich selbst beantworten können, wie sie ihre Zeit verbringen, warum sie ihr Geld wofür ausgeben. Sie sollten selbst beurteilen können, ob ihre Handlungen dem Wohle ihres Körpers und Geistes zuträglich sind. Der steinige, beschwerliche Weg dorthin führt über Aufklärung und Bildung, er fordert Gesellschaft und Politik gleichermaßen. Doch das ist mühsam und kompliziert. Deutlich einfacher ist es, immer neue Verbote zu fordern, die nur an den Symptomen herumdoktern und letztlich gar nichts ändern.

Quelle: BBC

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