Verlierer ist der Kunde

SNES Classic Mini sofort ausverkauft – was soll das? [Kommentar]

Geschätzte Lesezeit: ca. 5 Minuten

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Endlich! Heute ist der offizielle Verkaufsstart der Retro-Konsole 'SNES Classic Mini'. Wer allerdings denkt, das Gerät jetzt ganz einfach irgendwo kaufen zu können, der ist wohl noch neu im Spiel. Der SNES Classic Mini ist – natürlich, möchte man sagen – überall ausverkauft. Was soll das? Ein Kommentar.

Das Drama, das sich schon vor einem Jahr rund um das 'NES Classic Mini' abspielte, wiederholt sich nun mit dem SNES Classic Mini. Nach Minuten ausverkaufte Vorbesteller-Kontingente in Onlineshops, elend lange Warteschlagen in den Ladengeschäften und horrende Preise auf den Wiederverkaufs-Plattformen. Nintendo hatte zwar versprochen, diesen Fehler nicht zu wiederholen, doch erneut gucken viele Fans in die Röhre. Zugegeben: Hierzulande ist die Situation etwas besser als in den USA – aber auch bei uns können Vorbesteller der ersten Minute leer ausgehen. Die Nachfrage ist schlicht höher als das Angebot.

Lange Warteschlange vor einem Laden

Vor einem Walmart in den USA stehen Fans für einen SNES Classic Mini Schlange. Die meisten gingen leer aus: Der Laden hatte nur 36 Geräte vorrätig.  

Quelle: (romulan267)  Reddit 

Lange Warteschlange vor einem Laden

Vor einem Walmart in den USA stehen Fans für einen SNES Classic Mini Schlange. Die meisten gingen leer aus: Der Laden hatte nur 36 Geräte vorrätig.  

Quelle: (romulan267)  Reddit 

Wenn wir es mit einem Überraschungserfolg zu tun hätten, ließe sich die Geräteknappheit ja noch verstehen. Aber wir reden hier über aufgemotzte Neuauflagen von zwei der erfolgreichsten Konsolen überhaupt. Im Internet war der Hype um den NES Classic Mini schon direkt nach der ersten Ankündigung riesig. Allen, wirklich allen war klar: Dieses Ding wird sich bombastisch verkaufen. Genauso kam es, überrascht war niemand.

Welche Prognose man anschließend für die SNES-Variante stellen durfte, könnt ihr euch selbst beantworten. Und was wir wissen, weiß Nintendo schon lange. Warum beginnt also dasselbe Schauspiel von vorn? Ich sehe zwei Erklärungsmöglichkeiten: Eine offizielle und eine logische.

Zwei Erklärungsversuche

Die offizielle Begründung, vertreten von höchster Stelle durch Reggie Fils-Aimé, den Boss von Nintendo Amerika, geht so: Man (Nintendo) habe gerade sehr viel zu tun und die Ressourcen seien nicht unbegrenzt. Heißt: Man würde zwar gerne mehr Retrokonsolen produzieren, muss sich aber auch um die Switch oder den 3DS kümmern. Geht also leider nicht.

But from our perspective, it's important to recognize where our future is and the key areas that we need to drive. We've got a lot going on right now and we don't have unlimited resources.

Reggie Fils-Aimé, Chef von Nintendo Amerika

Das überzeugt mich ehrlich gesagt wenig. Denn die Hardware, die man für die NES- oder SNES-Emulation benötigt, ist heute Ramsch-Ware. Die Controller und Gehäuse sind im Grunde nur Plastik. Wo liegt das Problem?

Dass ein Weltkonzern wie Nintendo nicht die Kapazitäten aufbringen kann, um ein solch – vermutlich! – spottbillig zu produzierendes Gerät in ausreichender Stückzahl herzustellen, kann ich mir nur schwer vorstellen. Zumal für die SNES-Variante dieselben Komponenten wie für den Vorgänger verwendet wurden. Der Absatz der neuaufgelegten Konsolen ist darüber hinaus fast garantiert, sie verkaufen sich quasi von allein. Nintendo müsste sie nur bauen – doch sie tun es nicht.

Für wahrscheinlicher, weil logischer, halte ich es daher, dass Nintendo bewusst auf Knappheit setzt. So schaffen es die Retro-Konsolen nämlich als absolute Verkaufsschlager in die Schlagzeilen: Ansturm auf SNES Classic Mini riesig – Neuauflage des Klassikers überall ausverkauft. Nintendo steht als Marke da, die so nachgefragte Geräte auf den Markt bringt, dass man selbst gar nicht genug davon herstellen kann. Außerdem sind Kunden bereit, einen höheren Preis zu zahlen, weil das Produkt limitiert und damit wertvoller ist.

Nicht jeder, der gern einen SNES Classic Mini hätte, wird einen bekommen.

Beweisen kann man das von außen natürlich nicht, nur mutmaßen. In vermarktungstechnischer Hinsicht lehnt sich die Überlegung allerdings nicht allzu weit aus dem Fenster. Welchem der beiden Erklärungsversuche man auch folgen mag, das Ergebnis bleibt dasselbe. Nicht jeder, der gerne einen SNES Classic Mini hätte, wird einen bekommen. Stattdessen entstehen rund um das (unnötig?) knappe Gut Wucherpraktiken, die nur einen Verlierer kennen: Uns, die Fans, die Kunden.

Die Fans löffeln die Suppe aus

Wiederverkäufer horten so viele Konsolen, wie sie auf allen erdenklichen Wegen bekommen können, um sie anschließend für horrende Preise wieder unters Volk zu bringen. Schon jetzt werden auf dem Amazon Marketplace oder bei eBay SNES Classic Minis zum doppelten oder dreifachen Originalpreis gehandelt – am Tag des offiziellen Verkaufsstars! Viele Einzelhändler wollen diese Praxis erschweren, indem sie den Verkauf auf ein Gerät pro Kunde beschränken.

SNES Classic Mini Bundles bei ThinkGeek

Gleichermaßen teure wie fragwürdige SNES-Classic-Mini-Bundles in einem Onlineshop.  

Quelle: (Screenshot)  via www.usgamer.net 

SNES Classic Mini Bundles bei ThinkGeek

Gleichermaßen teure wie fragwürdige SNES-Classic-Mini-Bundles in einem Onlineshop.  

Quelle: (Screenshot)  via www.usgamer.net 

Auch größere Onlinehändler bekleckern sich nicht mit Ruhm. Der US-amerikanische Anbieter ThinkGeek packt die SNES Classic Mini in überteuerte Bundles mit Fan-Artikeln, die ansonsten wohl eher im Lager verstauben würden (zum Beispiel eine Tetris-Lampe oder eine Trinkflasche in Form einer NES-Spielkassette). Wer unbedingt eine SNES Classic Mini haben möchte, kann in den sauren Apfel beißen und die Konsole samt dem angehängten Plunder zum überhöhten Preis kaufen. Für viele Fans ist das offenbar eine Option: Alle Bundles dieser Art sind ebenso ausverkauft.

Genau da liegt letztlich die Krux. Schließlich wird niemand gezwungen, den SNES Classic Mini zu kaufen oder die absurden Preise der Drittanbieter zu zahlen. Die Schmerzgrenze der Fans liegt offenbar hoch – was ich nicht wirklich verstehen kann. Denn Nintendo scheint die Situation nicht zu verbessern. Fan-Service sieht jedenfalls anders aus. Und ganz ehrlich: Nachdem die Nostalgie verflogen ist, liegt die Kiste sowieso in der Ecke. Kann man die Scheine da nicht besser woanders investieren?

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