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Quality-Time mit dem Bildschirm

Digitale Diät – wenn vor lauter Smartphone der Alltag auf der Strecke bleibt

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Während sich Technik und Digitalisierung immer weiter in unseren Alltag fressen, befassen sich immer mehr Studien und Experten mit den Auswirkungen von überhöhtem Smartphone- und Medienkonsum. Müssen uns erst unangenehme Erlebnisse zur Erkenntnis bringen, dass wir mit unserem Smartphone "Schluss machen" sollten?

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie viel Zeit ihr täglich am Smartphone verdaddelt, euch von sozialen Medien, Apps und Gruppen-Chats berieseln lasst, während um euch herum das "echte Leben" um Aufmerksamkeit kämpft? Ab wann ist es eigentlich zu viel des Guten? Dieser Frage gehen zahlreiche Studien nach, die sich mit den Folgen zu hohen Handy-Konsums befassen - den mentalen Beschwerden, der digitalen Vereinsamung oder der Schlaflosigkeit infolge von zu viel Blaulicht. Doch wer sagt schon von sich selbst, dass er in diese Kategorie der ungesunden "Vielnutzer" fällt.

Und irgendwie sollte doch jeder für sich selbst einschätzen dürfen, wie viel Zeit man dem Mobiltelefon schenkt, ob man während einer Verabredung ständig auf das Dingeln reagiert oder ob man es okay findet zu spät zu kommen, weil der Akku noch laden muss.

Der Bildschirm als erweitertes Sichtfeld, oder: Wenn der Alltag auf der Strecke bleibt

Die Leute, die Apps entwickeln, wollen unbedingt unsere Aufmerksamkeit, denn so verdienen sie Geld. Haben Sie sich jemals gefragt, warum so viele Social-Media-Apps kostenlos sind?

Catherine Price | New York Times

Doch in der Realität sieht das leider etwas anders aus. Wirft man einen Blick auf die Entwicklungen, hat die Frage nach einem verantwortungsbewussten Gebrauch des Smartphones durchaus ihre Berechtigung. Bereits jetzt beziffern Experten die tägliche Nutzungsdauer auf mehrere Stunden pro Kopf. Die Zahlen variieren zwischen Altersgruppen und Geräten, dennoch sprechen wir hier von einer immer deutlicheren Zunahme von geräteübergreifender 'Screen Time' - also der Zeit, die wir vor irgendeinem Bildschirm verbringen. Spätestens 2021 soll das momentan noch vom Desktop-PC verdrängte Smartphone laut einer von CISCO VNI Forecast in Auftrag gegebenen Studie den wichtigsten Online-Zugang darstellen. Der Bildschirm als erweitertes Sichtfeld unserer Realität - schon lange keine Vision aus einer weit weit entfernten Zukunft mehr.

Dass dann neben den normalen Pflichten auch der Alltag und die Personen um einen herum in gewisser Weise auf der Strecke bleiben, ist auch kein wirkliches Geheimnis - schließlich geht nicht beides: Die Augen auf das Display werfen und gleichzeitig am Geschehen teilnehmen.

Diese Erkenntnis machte auch die junge Mutter Catherine Price, als sie ihre kleine Tochter eines Abends auf dem Schoß hielt, um ihr die Flasche zu geben. Ein dunkler Raum, ein (eigentlich) sehr intimer Moment der Zweisamkeit, den sie im Nachhinein als einschneidenden Wendepunkt in ihrem Leben beschreibt - und das Verhältnis zu ihrem Smartphone grundlegend in Frage stellt. Was war geschehen?

"Wie mache ich mit meinem Smartphone Schluss?"

Während sie ihre Tochter stillte, scrollte sich Price nebenbei munter durch eine Liste "viktorianischer Türknaufangebote" auf eBay. Als sie nach circa einer Viertelstunde den Blick von ihrem Bildschirm abwendete um ihre Tochter anzusehen - in der Dunkelheit angestrahlt vom Blaulicht des Displays - brach es ihr fast das Herz. Denn während sich die junge Mutter durch die Belanglosigkeit von eBay-Anzeigen klickte, hatte ihre kleine Tochter nur Augen für den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Dieser Moment, in dem sie realisierte, dass das Smartphone ihr die Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Dinge raubte, veranlasste Price zum Umdenken. Es stellte sich plötzlich die Frage: "Wie mache ich mit meinem Smartphone Schluss?".

Was folgte, waren rund eineinhalb Jahre digitale Diät, in denen sich die 'New York Times'-Autorin Stück für Stück von ihrem Smartphone entwöhnte. Wie sie das anstellte, beschreibt sie detailliert in ihrem Artikel 'How to Break Up With Your Phone'. Dabei stand niemals zur Debatte, das kleine Technikwunder zu verteufeln oder es vollkommen aus ihrem Leben zu verbannen. Vielmehr ging es ihr um eine gesunde Beziehung zur Technik und den Annehmlichkeiten, die uns das Smartphone bereitstellt.

Sie beschloss zu handeln und verordnete sich ein neues Bewusstsein: Die Zeit, die sie in ihr Smartphone stecken würde, wollte sie lieber in die Personen und die Ereignisse um sie herum investieren. Und anstatt sich Gedanken darüber zu machen, was ihr womöglich gerade alles im digitalen Raum durch die Lappen geht, wollte sie lieber an den reinen Gewinn an Lebenszeit durch die Smartphone-Abstinenz denken.

Die Macher des Videos 'This Panda is Dancing' aus 2016 schlagen in die gleiche Kerbe wie Price, richten ihren Appell jedoch gegen Plattformen, App-Betreiber und alle, deren Geschäftsmodell darauf ausgelegt ist, uns immer länger vor den Bildschirm zu fesseln.

Mit offenen Augen die fortschreitende Digitalisierung meistern

Mit ihrer Geschichte hat Catherine Price sicherlich einen Nerv getroffen, die Autorin regt zum Nachdenken im eigenen Umgang mit dem Smartphone an. Wie viel Zeit räumen wir unseren technischen Spielereien und den zahllosen Unterhaltungsformaten ein? Was ist noch ein als "gesund" bezeichneter Konsumzeitraum und ab welchem Zeitpunkt zeugt der ausufernde Blick auf den Bildschirm von klassischem Suchtverhalten?

Ich wollte mein Telefon immer noch benutzen, wenn es hilfreich oder lustig war. Aber ich wollte auch eine neue Beziehung - eine mit besseren Grenzen, über die ich mehr Kontrolle hatte.

Catherine Price | New York Times

Die Autorin schreibt in ihrem Artikel darüber, mit ihrem Smartphone "Schluss zu machen", weil sie ihr Erlebnis selbst als Anzeichen einer ungesunden Beziehung ansieht. Sie macht darauf aufmerksam, was Technik und Digitalisierung trotz ihrer zahlreichen guten Seiten mit uns anstellen kann, wenn wir kein gesundes Maß finden.

Ihr hat ein Blick auf die eigenen Gewohnheiten und die des eigenen Umfelds geholfen. Sich selbst zu fragen, wem man eigentlich seine Zeit schenken möchte, welche Bedeutung man diesem kleinen Hilfsgerät beimessen möchte. Die Digitalisierung wird sich mehr und mehr in unseren Alltag fressen. Wir müssen schlicht und einfach ein gesteigertes Bewusstsein für die Chancen und Risiken entwickeln, um einen verantwortungsvollen Umgang sicherzustellen.

Neben ihrem Artikel in der New York Times hat die Autorin "Schlussmachen mit dem Smartphone" ausführlich in ihrem gleichnamigen Buch 'How to Break Up With Your Phone' thematisiert. Darin geht sie detailliert darauf ein, wie man eine gute Langzeitbeziehung zu seinem Smartphone eingeht, ohne den Nutzen dahinter zu verteufeln.

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