Die Hölle, das sind die anderen!

Ghosting: Fieses Verhalten oder Schutzmechanismus? [Kommentar]

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von Sandra Spönemann (@die_spoent_wohl)-

Sie oder er schreibt nicht zurück. Dabei war die Person doch eben noch online. Und außerdem: Man kann wohl kaum etwas posten ohne dabei auch eingegangene Nachrichten zu bemerken!!! - Mit diesen Gedankengängen hat sich fast jeder schon einmal herumgequält. Daher widmet sich dieser Kommentar dem "Ghosting", also dem Kommunikationsabbruch ohne weitere Erklärungen.

Na, wer von euch hat jemanden schon mal sang- und klanglos auf WhatsApp oder bei Facebook blockiert und nie wieder ein Wort mit der betreffenden Person gewechselt? Hm? Ich würde darauf wetten ziemlich viele, mich selbst - ich muss es zu meiner Schande gestehen - mit eingeschlossen. Für dieses ignorieren von Kommunikationsversuchen, ohne dass der andere den Grund dafür erfährt, gibt es die Bezeichnung "Ghosting". Wir erklären jemanden per Nicht-Kommunikation zu nicht-existent. Obwohl in vielen Berichten die Person, die ignoriert, als "Ghost" bezeichnet wird, finde ich, dass diese Bezeichnung viel besser auf das "Opfer" zutrifft und sich das Phänomen nicht nur auf Flirt-Partner, sondern durchaus auch auf Freunde und Bekannte ummünzen lässt.

Psychologen-Meinung

Die Experten fürs seelische Wohl mutmaßen, dass sicher hinter Ghosting die Angst vor Beziehungen und Unsicherheiten verbergen. Eine sehr einseitige Betrachtung, lässt sie doch das Verhalten der betroffenen Person komplett außen vor.

Der simpelste und überhaupt nicht böse gemeinte Grund, um andere zu Geistern zu machen, ist für mich persönlich, wenn es mir zuviel wird. Wenn ich mich bedrängt fühle, das schon deutlich mehrfach gezeigt habe und das Gefühl bekomme, dieser Mensch möchte es einfach nicht verstehen. Ich gebe dann sozusagen auf, weil es einfach zwecklos scheint und ständig für schlechte Laune sorgt, die ich höchst ungern habe.

Ein zweiter Grund, den ich bei anderen beobachtet habe, die mich wiederum in ein kleines, unsichtbares Schlossgespenst transformiert haben, ist der reine Pragmatismus. Die Motivation überhaupt kommuniziert zu haben beruhte auf einem bestimmten Zweck, zum Beispiel um Hilfe abrufen zu können, der später obsolet wurde. Man spricht in Fachkreisen dann von A****geigen, aber wer kann sich schon davon freisprechen, nicht auch mal die Zuneigung eines anderen Menschen ausgenutzt zu haben, wenn auch nur ein bisschen? Schlimm wird es für diejenigen, die nach jahrelangen Beziehungen quasi über Nacht ohne Partner dastehen und nicht wissen, was passiert ist. Aber um diese fürchterlichen Fälle soll es hier nicht gehen, sondern im Kern um eine andere Frage:

Darf man eine Antwort erwarten?

Ein Gespräch sollte auf Freiwilligkeit beruhen dürfen. Nur weil ich eine Nachricht an irgendjemanden abschicke, steht derjenige nicht automatisch in der Pflicht mir zu antworten! Davon bin ich fest überzeugt. Man stelle sich vor, wie es wäre auf jede Chat-Nachricht von jeder Person zwangsläufig reagieren zu müssen, nur weil das Gegenüber es erwartet. Da kann ja jeder kommen. Und schon gar nicht innerhalb von zehn Minuten oder weniger. Gefolgt von beleidigten Nachrichten, was ich denn hätte. Mein Güte, manchmal dusche ich einfach! Oder fahre Motorrad, lese ein Buch oder was auch immer. Ich werde doch noch das Recht haben, mein Smartphone nur dann zu bedienen, wenn ich das möchte. Wer es grundsätzlich nicht abwarten kann und sich jedes Mal so verhält, der wird eben geghostet.

Noch seltsamer wird es, wenn entfernte Bekannte persönliche Fragen stellen, gerne auch zehnmal, ohne Rücksicht auf die Privatsphäre eines anderen. Nicht jeder muss alles wissen. Sich virtuell aufzudrängen ist für niemanden eine gute Idee. Nachhaken sollte erlaubt sein, aber man muss akzeptieren, wenn andere sich nicht austauschen möchten, erzwingen lässt es sich nicht. Cool zu bleiben, lautet die Devise. Und wahre Freunde sagen es, wenn sie etwas stört, bevor sie die zwischenmenschliche Flinte komplett ins Korn werfen. Wie eingangs erwähnt, sind die Gründe fürs Ghosting zudem oft nicht so dramatisch, wie es scheint.

Nach einer langjährigen Partnerschaft den Kontakt plötzlich abzubrechen, ist dagegen etwas ganz anderes. Das möchte ich an dieser Stelle betonen. Haben wir mit einem anderen Menschen unser Seelenleben, Intimität und vielleicht auch eine gemeinsame Wohnung geteilt, gebührt es der Anstand, "Eier zu zeigen" und Dinge zu klären.

Wie sind eure Erfahrungen? Wie schlimm empfindet ihr es, wenn euch jemand ignoriert? Oder tut ihr es selbst recht häufig?

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