[Kommentar]

Happy Birthday SMS! Weißt du noch, damals?

Foto von Dennie Beneke

von Dennie Beneke (@debeneke)-

Während Instant-Messenger einen Nutzungsrekord nach dem anderen aufstellen, fristet die klassische SMS dahinter ein eher tristes Dasein. Dabei hat der Service gestern Geburtstag gehabt – doch was bleibt, außer nostalgischer Verbundenheit und den kreativen Wortschöpfungen des guten alten T9?

Glückwunsch Short-Message-Service, du bist fast auf den Tag genau 25 Jahre alt geworden. Ein Grund zum Feiern ist es allerdings nur bedingt, denn obwohl du eigentlich aus dem Gröbsten raus sein und jetzt richtig durchstarten solltest, haben dich die "hippen" und zudem noch kostengünstigeren Dienste wie WhatsApp, Facebook Messenger oder Telegram an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt.

Deine Betreiber sind darüber natürlich alles andere als erfreut, schließlich hast du den großen Mobilfunkanbietern in Spitzenzeiten Milliardensummen in die Kassen gespült – 2012 sind allein in Deutschland rund 160 Millionen kurze Textnachrichten von Mobiltelefon zu Mobiltelefon versendet worden – pro Tag! Je nach Anbieter hat das schon mal 20 Cent pro SMS gekostet, allerdings blieb es selten dabei, denn nach 160 Zeichen war Schluss. Hier drin mussten die wichtigsten Informationen enthalten sein - zur Not einfach abgehackt -, um das gerade erst frisch aufgeladene Prepaid-Guthaben nicht unnötig zu strapazieren.

2012 sind rund 160 Millionen kurze Textnachrichten versendet worden – pro Tag!

Klar, irgendwann konnte man dein Zeichenlimit zwar umgehen, indem man einfach mehrere SMS in eine zusammenhängende Kurznachricht bündelte. Günstiger wurde das allerdings nicht. Mit diesen Problemen müssen sich Nutzer der aktuellen Messenger-Dienste nicht rumschlagen. Hier wird munter drauflos getippt, ohne Punkt und Komma. Zur Not wird einfach eine minutenlange Sprachnachricht versendet, wenn das Schreiben irgendwann zu anstrengend wird – alles Funktionen, von denen du nur träumen kannst.

Anrufe zur Unzeit – schick mir doch bitte einfach 'ne SMS!

Trotzdem: Ohne dich ging es lange Zeit nicht! Telefonieren war einfach "out" – war es doch viel entspannter, eine kurze Nachricht zu schreiben, anstatt sich durch den ewig gleichen Smalltalk zu quälen, bevor man auf den Punkt kam. Außerdem kommt ein Anruf eigentlich immer zur Unzeit! Er drängelt sich wie ein ungebetener Gast in den Moment und zwingt uns mit seinem durchdringenden Klingelton alles stehen und liegen zu lassen, nur um dann feststellen zu müssen, dass der Grund des Anrufs kaum banaler hätte sein können.

Darüber hinaus bist du keine Datenschleuder wie WhatsApp und Co.

Hier und da behauptet zwar immer mal wieder jemand, dass wir das Telefonieren und Miteinandersprechen verlernt hätten, aber mal ehrlich: Diese ständige Erreichbarkeit hat nicht nur Vorteile. Da kamst du damals gerade richtig – kurz, schmerzlos und abrufbar, wenn und wann man möchte. Hier hast du deinen internetbasierten Diensten übrigens einiges voraus: Zwar liegst du als kleines Brief-Symbol ebenfalls erbarmungslos in der Benachrichtigungsleiste des Mobiltelefons, darauf wartend, dass dich endlich mal jemand bemerkt. Aber zumindest bleibt es dabei. Du verrätst uns nicht, wann der Empfänger der Nachricht das letzte Mal online war, gibst auch keine Auskunft darüber, ob überhaupt jemand irgendwann mal diese Nachricht gelesen hat und kommst auch noch an, wenn das Datenvolumen mal wieder zur Neige geht. Vor allem die erstgenannten Punkte nehmen Druck aus der Konversation - nicht umsonst sind die Messenger nachgezogen und stellen die 'gelesen'-Funktion nun optional zur Verfügung.

Darüber hinaus bist du keine Datenschleuder wie WhatsApp und Co. und verlangst keine Zugriffsrechte auf Telefonbücher, Bilder, Mikrofone oder den allumfassenden Abtritt der Privatsphäre im Allgemeinen. Doch was nützen deine Vorzüge gegenüber einer Konkurrenz, die allzu mächtig erscheint? An den sinkenden Nutzungszahlen wird sich in naher Zukunft voraussichtlich nichts ändern, eher im Gegenteil. Nicht nur für die Mobilfunkanbieter stellt sich die Frage, ob wir dir auch zu deinem 30. Geburtstag noch gratulieren werden.

Verfall der Sprache oder Urvater des heutigen Netz-Jargons?

Man sagt dir auch gerne nach, dass du der Urvater des sprachlichen Verfalls bist, dass dir die Rechtschreibung nie wirklich am Herzen lag – ganz besonders im Land der Dichter und Denker: Hier wird Rechtschreibung noch groß geschrieben, hier erlauben Wortschöpfungen aus zusammengesetzten Substantiven die kreativsten Berufsbezeichnungen wie den allseits bekannten Donaudampfschifffahrtskapitän, hier bringen unzählige Ausnahmeregelungen selbst den geübtesten Fremdsprachler auf die Palme. "Kein Wunder, wenn man mit seinen Zeichen geizt!" liegt es vielleicht dem einen oder anderen auf der Zunge.

T9 sei dir im Übrigen verziehen… und keine Sorge: Mein Daumen hat sich wieder eingigermaßen erholt.

Doch was mit dir vielleicht seinen Anfang nahm, hat sich in der Zwischenzeit zu einer eigenen Sprache entwickelt – auch bekannt als Netz-Jargon. Dass du durch deine kurzen Nachrichtenblöcke daran nicht ganz unschuldig bist, muss nicht zwangsläufig zu deinem Nachteil ausgelegt werden oder zum Verfall der Rechtschreibkultur in unserem Land geführt haben. Auch in diesem Punkt dreht sich die Zeit weiter. Während sich Duden-Fetischisten über die Form der Akronym-geprägten Rechtschreib-Anarchie reihenweise die Hände vors Gesicht schlagen, wenn sie einen Chat-Verlauf von Schülern in die Finger bekommen, verteidigen Netzveteranen diese Form der "neuen" Schreibkultur als kreative Weiterentwicklung einer globalisierten, weltoffenen Sprache. 'OMG', 'LOL' oder 'fyi' – nur drei Beispiele für ozeanüberwindende Kommunikation und fester Bestandteil der heutigen Netzkultur.

Auch in diesem Punkt liegt die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte. Die alleinige Schuld trägst du nicht, ganz unschuldig bist du allerdings auch nicht – siehe Twitter, das sich an deiner Zeichenbegrenzung orientierte und den Netz-Jargon durch seine Funktionsweise entscheidend mitprägte. Kommunikation 'FTW', möchte man meinen.

Am Ende steht vor allem, dass du mit deinen 25 Jahren einen bleibenden Eindruck hinterlassen hast – egal, ob und wie dein Weg in Zukunft weiter geht. T9 sei dir im Übrigen verziehen… Obwohl das Eingabesystem zum damaligen Zeitpunkt eine (nicht selten zur Belustigung beisteuernde) Erleichterung darstellte, hat mein Daumen das wohl nicht ganz verstanden. Aber keine Sorge: Er hat sich im Großen und Ganzen wieder gut erholt, sich in seine ursprüngliche Form zurückgebildet und der Verschleiß an Gelenken und Sehnen hat keine ernsthaften Konsequenzen nach sich gezogen.

Happy Birthday, SMS! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, abseits von Info-Benachrichtigungen meines Telefonanbieters oder den TAN-Mitteilungen der Hausbank.

Hier erfährst du mehr über: Instant Messenger

Sag uns deine Meinung!