Katz- und Mausspiel der verschiedenen Ansichten

Nervige Werbung – weshalb Adblocker nur die Symptome kaschieren [Kommentar]

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Das Internet in Zeiten aufdringlicher Werbeeinblendungen, datenstehlenden Tracking-Diensten und einer Alles-Umsonst-Mentalität. Tools wie Ghostery bieten auf den ersten Blick einen wirksamen Schutz gegen Tracking und nervtötende Werbung an – gerne auf Kosten seriöser Content-Ersteller. Soll man diese Erweiterungen nun empfehlen oder verteufeln?

Die Macher der Anti-Tracking-Erweiterung 'Ghostery' haben angekündigt, ihren Dienst zukünftig Open Source anzubieten und somit den Quellcode hinter der Datenschutz- und Werbeblocker-Erweiterung offenzulegen. Rums! Für simple Anwender wie mich, die sich eher als Nutzer denn als Affiliate-Netzwerk-Szenekenner bezeichnen, kommt dieser Schritt durchaus überraschend.

Wer sich Ghostery installiert, sieht zunächst einmal ziemlich gut, was da alles so im Hintergrund abläuft, wenn man Webseiten besucht. Die Datenschutzerweiterung zeigt Tracker, Retargeting- und Analyse-Tools an, die im Auftrag von Webseiten im Hintergrund ihrer Dienste nachgehen und blockiert sie. Einmal installiert verrichtet es seinen Dienst sachlich und blockt nebenbei noch lästige Werbeeinblendungen.

Angenehm für Nutzer, schlecht für Seitenbetreiber und Affiliate-Netzwerke, und dennoch – Ghostery kämpft noch heute mit den Geistern der Vergangenheit, weshalb der Schritt in Richtung Open Source das Image weiter stärken soll.

Ghostery predigte Wasser und trank Weinschorle

Das über die Jahre in Mitleidenschaft gezogene Image des Tools litt unter anderem daran, dass Ghostery auf der einen Seite Webseiten-Tracking unterdrückte, um auf der anderen Seite selbst Nutzerdaten zu erheben, die dann gewinnbringend verkauft wurden. Schon irgendwie komisch: Da installiert man sich als Nutzer ein Anti-Tracking-Tool, um Tracking, Werbung und das Sammeln personenbezogener Daten zu verhindern, nur um die daraus resultierenden Daten dann dennoch verkauft zu wissen.

Es seien vor allem anonyme Informationen darüber, auf welche Ad-Tracker Nutzer während ihrer Web-Suche treffen, die in der Folge für Performance-Analysen an Webseiten verkauft wurden.

Und obwohl sich diese veräußerten Daten nach Aussage der Ghostery-Verantwortlichen deutlich von herkömmlichen unterschieden, war das Kind zu diesem Zeitpunkt schon in den Brunnen gefallen. Es seien vor allem anonyme Informationen darüber, auf welche Ad-Tracker Nutzer während ihrer Web-Suche treffen, die in der Folge für Performance-Analysen an Webseiten verkauft wurden. Für Skeptiker und Kritiker Grund genug die Seriosität von Ghostery anzuzweifeln, weshalb die Erweiterung in der Folge das Heil in der Offensive suchte.

Mit der Offenlegung des gesamten Quellcodes und einem neuen, zweigleisigen Umsatzmodell betreiben die Ghostery-Entwickler nun auch ein Stück weit Vergangenheitsbewältigung und sehen sich im Vergleich zu anderen Adblockern - vor allem im Umgang mit der seriösen Datenerhebung - gut aufgestellt. Zum einen schreibt der Wired-Artikel über ein zukünftiges kostenpflichtiges Premium-Modell, 'Ghostery Insights' genannt, das professionellen Anwendern detaillierte Einblicke in die Tracker-Thematik verspricht. Zum anderen plant der Dienst einen Modell, genannt 'Ghostery Rewards', das relevante Angebote für Nutzer einblendet – also Anzeigen aus dem Internet entfernt und durch eigene "nützliche" Angebote ersetzt.

Nun also Ghostery – die uneingeschränkte Alternative unter den Tracking- und Adblocking-Tools und der Heilsbringer für das werbeüberladene Internet? Zwar lässt sich die Erweiterung nun im Gegensatz zum Branchenprimus AdBlock Plus oder Googles hauseigenem Chrome-Blocker jetzt in die Quell-Karten schauen, doch am eigentlichen Problem ändert das meiner Meinung nach nichts:

Webseiten haben Nutzer durch aufdringliche Werbung und Tracking vergrault, die sich mithilfe von Adblockern zur Wehr setzen. Adblocker freuts, Webseiten bekämpfen hingegen Adblocker, weil sie ihnen die finanzielle Grundlage entziehen. Der Nutzer verliert, weil ihn weder schlechte Werbeformate noch die Flucht in vermeintlich gute Adblocker-Alternativen schützen. Denn Adblocker sind auch nicht kostenlos - man bezahlt mit Daten.

AdBlocker fördern das Katz- und Mausspiel

Generell sind Adblocker und Erweiterungen, die uns vor Trackern schützen, eine willkommene Abhilfe im Kampf gegen lästige und betrügerische Anzeigen auf Webseiten. Vor allem aus Nutzersicht verstehe ich vollkommen, wieso man Tools wie AdBlock Plus oder Ghostery verwendet – schließlich sind es auch meine Daten, die ich vor dem Zugriff Fremder schützen will. Nicht zu vergessen die zahlreichen Buttons, Banner und bildschirmfüllenden Werbeeinblendungen, die uns den letzten Nerv rauben.

Tools wie Ghostery werden das generelle Problem nicht lösen, sondern fördern vor allem das Katz- und Mausspiel zwischen Webseitenbetreibern, Werbenetzwerken und den Erweiterungen, die Werbung verhindern möchten.

Auf der anderen Seite stehen die Seitenbetreiber, Content-Produzenten und Mitarbeiter von Webseiten, die in einem sich immer schneller drehenden Medium arbeiten. Hier wird der Einsatz dieser Tools deutlich kritischer gesehen, denn am Ende des Tages bezahlen diese Werbeeinblendungen in Form von Bannern, kurzen Einspielern vor Videos oder Affiliate-Links zu Online-Shops (um nur ein paar zu nennen) die Rechnungen der Leute, die Nutzern täglich Inhalte bereitstellen.

Erweiterungen werden also das generelle Problem nicht lösen, sondern fördern vor allem das Katz- und Mausspiel zwischen Webseitenbetreibern, Werbenetzwerken und den Erweiterungen, die Werbung verhindern möchten. Auch die Ghostery-Verantwortlichen selbst wissen, dass sich Anzeigenblockierung negativ auf das Verhalten von Verlagen und Content-Erstellern auswirkt: Man sei sich darüber bewusst, dass die digitale Wirtschaft einen Motor der Monetarisierung benötige. Ob dieses neue Ghostery-Modell nun auch die Seitenbetreiber mitnimmt und alle Seiten zufrieden stellt, wird sich zeigen.

Dennoch: das Verteufeln dieser Dienste schießt ebenso über das Ziel hinaus, wie sie auf ein Podest zu heben. Ghostery verhindert immer noch das Tracking von Webseiten und schützt Nutzer vor sogenannten 'Bad Ads' - also Anzeigen, die als schädlich, irreführend und anstößig eingestuft werden. Ein guter Schutz gegen unseriöse Tools und Inhalte, die Nutzer aufs Kreuz legen wollen. Wie immer liegt die Wahrheit also irgendwo in der Mitte.

Maßvolle Werbung und die Erkenntnis, dass es ohne nicht geht

Bleibt alles beim alten, können wir alle eigentlich nur verlieren, denn in dieser Form opfert das werbefinanzierte System viel zu häufig die Daten der Nutzer für seine eigenen Zwecke. Nur, was ist die Alternative? Aus Nutzersicht heißt es wohl zukünftig, die Arbeit derer wertzuschätzen, die das Internet mit viel Herzblut und Aufopferung zu dem machen, was es heute ist – ein unüberblickbar großer Pool aus Wissen, Meinungen, Entertainment und sozialem Austausch. Werbung zulassen, die maßvoll ist und die Nutzererfahrung nicht wesentlich beeinträchtigt.

So lange sich nichts an diesem finanziellen Standbein des Internets ändert, müssen Nutzer, Seitenbetreiber und Werbenetzwerke eine gemeinsame Basis finden, damit es zukünftig keiner Tools mehr bedarf, um aufdringliche, schädliche oder irreführende Ads von Seiten zu verbannen. Sie würden ersetzt werden durch akzeptable Werbeformen, um Inhalte weiterhin kostenlos anzubieten.

Quelle: wired.com

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