Neue Informationen

Netz.de im Gespräch mit Vivaldi-Gründer Jon von Tetzchner

Foto von Eike Betsch

von Eike Betsch (@bulltosh)-

Obwohl Vivaldi erst vor rund zwei Monaten die Betaphase verlassen hat, gilt der Webbrowser für viele Nutzer schon jetzt als gelungene Alternative zu Firefox und Chrome. Wir haben in einem ausführlichen Interview mit Jon von Tetzchner - dem CEO von Vivaldi Technologies - gesprochen und dabei einige interessante Hintergrundinformationen erfahren, die wir Euch nicht vorenthalten möchten.

Von Eike Betsch und Sven Schäfer

Netz.de: Hallo Herr von Tetzchner und danke, dass Sie sich die Zeit für mich nehmen. Es freut mich, ein Interview mit dem CEO von Vivaldi Technologies führen zu können. Als gebürtiger Isländer leben und arbeiten Sie derzeit ja in Boston, Massachusetts - wie kam es zu diesem Standortwechsel?

Eine Portraitaufnahme von Jon Stephenson von Tetzchner

Jon Stephenson von Tetzchner - CEO von Vivaldi Technologies  

Quelle:  Vivaldi.com 

Eine Portraitaufnahme von Jon Stephenson von Tetzchner

Jon Stephenson von Tetzchner - CEO von Vivaldi Technologies  

Quelle:  Vivaldi.com 

Jon von Tetzchner: Das war eigentlich ein Entwicklungsprozess. Ich habe sechs Monate lang meine Optionen abgewägt, nachdem ich das Unternehmen Opera verlassen hatte. Ich wollte versuchen, irgendwo anders auf der Welt zu leben und hatte dabei mehrere Standorte im Blick. Ich glaube dies ist die kürzeste Distanz, die man nach Europa haben kann und es gibt hier zudem eine sehr gute Tech-Community - das sind die Gründe gewesen, hier her zu ziehen.

Ich wusste nicht wirklich, was ich zu diesem Zeitpunkt machen wollte. Ich dachte sogar daran zu studieren. Es schwirrten einige Fragen in meinem Kopf herum und ich hatte mich noch nicht entschieden, was ich tun werde. Außerdem ist es hier wirklich schön. Allerdings sind wir hier nicht wirklich in Boston. Ich lebe etwas nördlich davon, in einem kleinen Fischerdorf namens Gloucester. Und egal wie man ihn betrachtet, ist es ein großartiger Ort.

Netz.de: Also ist es dort sehr ruhig? Sie können an Ihrem Projekt arbeiten, ohne in eine Stresssituation zu geraten?

Jon von Tetzchner: Ja. In Gloucester leben nur rund 30.000 Menschen. Und in meinem Stadtteil sogar gerademal 3.000. Es ist ein wirklich nettes kleines Fleckchen. Zudem sind wir auch nur 45 Minuten von Boston entfernt.

Netz.de: Apropos Standort: Ihr Unternehmen Vivaldi Technologies hat den Hauptsitz auf Island, allerdings arbeiten viele Ihrer Mitarbeiter von anderen Standorten aus, beispielsweise Oslo, Helsinki und Prag - gibt es aufgrund dieser Entfernungen denn keine Komplikationen in Bezug auf die Zusammenarbeit und den Entwicklungsprozess?

Jon von Tetzchner: Eigentlich ist die Firma mittlerweile in Norwegen beheimatet - in Oslo um genau zu sein. Wir haben ein Tochterunternehmen auf Island und eines in den USA. Und ja, wir haben zahlreiche Mitarbeiter, die von verschiedenen Standpunkten aus arbeiten. Einer sitzt in Prag, einer in Russland, ein anderer in Finnland und einer arbeitet sogar hier an der Westküste in den USA. Also sind wir ziemlich verteilt. So zu arbeiten, benötigt viel Sorgfalt. Man muss daran arbeiten, damit es funktioniert.

Zum Beispiel finden wir uns noch in diesem Monat hier in den USA zusammen. Wir haben hier einen Ort, der "Innovation House" genannt wird, ein altes Gasthaus mit 18 Schlafzimmern. Also kommen die Leute und bleiben auch. Einige bringen dann auch ihre Familien mit. Das ist der Weg für uns, damit das Team entspannt zusammenarbeiten kann.

Netz.de: Das klingt ziemlich familiär. So mit allen Mitgliedern und deren Familien zusammen.

Das Team von Vivaldi bei einem treffen in Island

Das Team von Vivaldi bei einem Treffen auf Island.  

Quelle:  Vivaldi.com 

Das Team von Vivaldi bei einem treffen in Island

Das Team von Vivaldi bei einem Treffen auf Island.  

Quelle:  Vivaldi.com 

Jon von Tetzchner: Ja, es ist wirklich ein großartiges Gefühl. Die Leute kommen hier her und das Wetter ist im Juni hier im Norden nicht wirklich heiß, aber wunderbar. Die Leute grillen und wir sind hier direkt am Meer. Also können wir mit dem Kajak fahren und Spaß haben. Ich denke, dass es eine großartige Kombination aus Arbeit und Spielen ist. Daher glaube ich, dass dies ein Rahmen ist, in dem man innovative Gedanken sprudeln lassen kann.

Netz.de: Eine so enge und unkomplizierte Zusammenarbeit ist sicherlich eine Voraussetzung für den Erfolg von Vivaldi - gerade bei dem harten Konkurrenzkampf, der schon seit einiger Zeit auf dem Browser-Markt herrscht. Wie entstand eigentlich die Idee, trotzdem noch einen weiteren Browser auf den Markt zu bringen?

Jon von Tetzchner: Als ich Opera verlassen habe, dachte ich eigentlich nicht, dass ich noch einmal einen weiteren Browser entwickeln werde. Aber dann gab es da eine Entscheidung vom Opera-Team - oder eher dem Management - die Philosophie zu ändern. Und Teile dieser Entscheidung haben einfach mal 19 Jahre Arbeit in den Mülleimer verfrachtet. Also haben sie den gesamten Code über den Haufen geworfen, den wir geschrieben haben. Und ich glaube, dass dies sehr viele unglückliche Nutzer zurückgelassen hat - und wir hatten damals bei Opera eine ziemlich starke Bindung zu unseren Nutzern.

Die Nutzer haben sowohl mir, als auch den Verantwortlichen bei Opera davon erzählt. Und ich konnte mir die Kommentare dazu überall angucken. Ich war selbst in einer ähnlichen Situation. Ich habe viele der Funktionen genutzt, die in Opera integriert sind - wie beispielsweise den Mail-Client. Und dann habe ich gesehen, dass ich keinen Browser mehr habe, der das macht, was ich möchte und brauche.

Von diesem Standpunkt aus gesehen gab es also eine Nachfrage auf dem Markt.

Von diesem Standpunkt aus gesehen gab es also eine Nachfrage auf dem Markt. Und mal ganz ehrlich: Die Browser, die bisher auf dem Markt sind, bewegen sich alle in die gleiche Richtung. Sie zielen alle auf Vereinfachung ab und schaffen gleichzeitig zahlreiche Funktionen ab, indem sie versuchen, so einfach wie möglich zu sein - und am Ende hat man einen Browser, der nicht mehr das macht, was man will. Man will in der Lage sein, mit vielen Tabs auf einmal umzugehen. Man will vielleicht ein paar Hotkeys verwenden und auch mal das Aussehen seines Browsers anpassen. Und genau deshalb haben wir uns dazu entschlossen anders zu sein.

Netz.de: Dass sind also die Dinge, die Sie von Ihren Konkurrenten unterscheiden. Aber was ist Ihrer Meinung nach das größte Alleinstellungsmerkmal?

Jon von Tetzchner: Das Wichtigste ist auf jeden Fall die Philosophie. Unsere Philosophie ist, dass jeder Nutzer genau den Browser bekommt, den er haben will. Wir glauben beispielsweise daran, dass es nicht nur die eine richtige Benutzeroberfläche gibt. Manchmal stellt sich einfach eine Frage, womit die Leute am besten zurechtkommen. Manche Nutzer mögen mehr (oder weniger) Kontrast, oder wollen die Buchstaben ganz groß (oder sehr klein) einstellen. Aber natürlich gibt es auch die grundlegende Frage, ob die Leute ihre Tabs rechts, links oder vielleicht sogar unten haben wollen. Und warum sollte man ihnen das nicht erlauben? Manche Leute benutzen lieber Tastenkürzel, anstatt alles nur mit der Maus zu machen. Dies ist eine Entscheidung, die wir unterstützen wollen.

Aber es geht natürlich noch um mehr. Da sind Sachen wie - und hier gehen wir mehr auf die einzelnen Features ein - der Umgang mit den Tabs. In den Grundeinstellungen ist alles so, wie man es vorher zurückgelassen hat - was wir für das Natürlichste halten. Aber natürlich können die Nutzer selber entscheiden, wie sie damit umgehen wollen. Man kann auch Unmengen an Tabs offen haben, also haben wir Tab-Gruppierung eingeführt, indem man einfach einen Tab auf den anderen zieht. Man kann sie also einfach in kleine Gruppen packen, damit die Übersicht gewahrt bleibt.

Dann haben wir noch die Tab-Kacheln. Wenn man einen großen Bildschirm hat - sagen wir mal 20 Zoll oder größer und eine 4K Auflösung - nutzt der Browser nur einen geringen Teil des Bildschirms. Also könnte man sich mehrere Tabs nebeneinander anschauen, indem man einfach die Tab-Sektion aufteilt. Es gibt viele Details wie diese, die man sich einfach angucken und ohne weiteres nutzen kann. Man hat die Kontrolle darüber, wie Seiten dargestellt werden, einfachen Zugriff auf die Zoom-Funktion, wie die Seite an sich aussieht und natürlich hat man auch die Kontrolle über die Bilddarstellung - falls man beispielsweise eine langsame Internetverbindung hat.

Netz.de: Ich nutze es auch und ich mag die Tab-Kontrolle wirklich, da sie die Informationsbeschaffung deutlich erleichtert. Seit dem offiziellen Release von Vivaldi am 6. April dieses Jahres konnten Sie zahlreiche User von dem alternativen Browser überzeugen (derzeit rund eine Millionen aktive Nutzer pro Monat). Sind Sie mit den aktuellen Zahlen zufrieden?

Wir sind glücklich darüber, dass so viele Leute unseren Browser heruntergeladen haben und nutzen.

Jon von Tetzchner: Das ist ein wirklich guter Start. Wir sind glücklich darüber, dass so viele Leute unseren Browser heruntergeladen haben und nutzen. Und wir werden in Zukunft auch weiter daran arbeiten, neue Features hinzuzufügen und mehr User für uns zu begeistern. Wir benötigen ein paar Millionen Nutzer, um aus den roten Zahlen zu kommen und von da an werden wir dann weiter sehen.

Netz.de: Hat der Umstieg auf Chromium 50 Ihrer Meinung nach zu Einbußen bei den Userzahlen geführt? Denn immerhin können die Besitzer eines älteren Computers, der mit Windows XP, Vista oder einer Mac OS-Version unterhalb von 10.9 läuft, Vivaldi ab der Version 1.1 nicht mehr nutzen.

Jon von Tetzchner: Da sollte man sich anschauen, was wir damals bei Opera gemacht haben. Wir haben beispielsweise Windows 95 und 98 sehr lange unterstützt, auch dann noch, als selbst Microsoft den Support eingestellt hatte. Also macht mich das schon ein wenig traurig, da es in manchen Ländern leider so ist, dass auf 10 bis 20 Prozent der Rechner immer noch Windows XP oder Vista installiert ist. Das ist wirklich schade. Ich wünschte, dass es die Möglichkeit für uns gäbe, uns anders zu entscheiden, aber das können wir leider nicht, da wir Chromium benutzen.

Ich hoffe einfach nur, dass die Leute schnell auf Windows 7, 8 oder 10 upgraden. Aber ich kann auch verstehen, wenn sie es nicht tun, da es viele alte Rechner gibt, bei denen das einfach keine Option ist. Auch das ist schade. Bei Opera ging es immer darum, wie wir es den Leuten möglichst einfach machen konnten. Dazu gehört natürlich auch, dass es den Nutzern ermöglicht wird, den Browser auf einem 10 oder sogar 20 Jahre alten System zu nutzen. Da wir jedoch Chromium verwenden, mussten wir leider die Entscheidung treffen, die eine oder andere Plattform abzustoßen.

Netz.de: Stichwort Profitabilität: gibt es eine Zielsetzung Ihrerseits in Bezug auf die kommenden Monate? Oder planen Sie eher langfristiger?

Jon von Tetzchner: Wir planen langfristig. Wir haben darüber geredet, wie man Einnahmen generieren kann. Es ist halt einfach nur eine Frage der Nutzerzahlen, um profitabel arbeiten zu können. Das wird natürlich ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, aber das geht schon in Ordnung.

Netz.de: Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Thema: mobile Anwendungen. Der Markt wächst rasant und immer mehr User surfen fast nur noch mobil - doch Vivaldi soll erst 2017 für die Android-Plattform erscheinen - warum so spät? Gibt es andere Prioritäten?

Da wir ein verhältnismäßig kleines Team sind, haben wir beschlossen, dass wir uns erst mal nur auf die Desktop-Variante konzentrieren werden.

Jon von Tetzchner: Als wir mit der Arbeit begonnen haben, starteten wir auch den Prozess für die Android-Version. Hier sind wir jedoch auf ein paar Probleme gestoßen. Da wir ein verhältnismäßig kleines Team sind, haben wir beschlossen, dass wir uns erst mal nur auf die Desktop-Variante konzentrieren werden. Danach wollen wir noch ein paar weitere Features einführen. Zurzeit läuft die Arbeit für die Android-Version also eher im Hintergrund ab - und wir wollen vor 2017 auch nicht allzu viele Ressourcen darauf verwenden.

Netz.de: Einige unserer Leser werden sich jetzt sicherlich fragen: und was ist mit iOS? Wird Vivaldi auch für Apples mobiles Betriebssystem erscheinen? Gibt es eventuell sogar schon einen geplanten Release-Termin?

Jon von Tetzchner: Darüber müssen wir uns im nächsten Schritt Gedanken machen. Problematisch dabei ist, dass Apple uns nicht erlaubt, auf den verschiedenen Plattformen den gleichen Code zu benutzen. Wir haben also einen Browser gebaut, der unter Windows, Mac OS und Linux funktioniert - und zukünftig werden wir einen Browser haben, der auch auf Android-Systemen läuft. Das Problem bei iOS ist, dass sie uns nicht erlauben, den gleichen Code zu nutzen.

Wenn Apple also die eigene Politik überdenken würde, würde uns das sehr entgegenkommen.

Sie wollen, dass wir etwas ganz spezielles machen: anstelle von Chromium sollen wir ihren Browser und ihre Engine nutzen. Und das ist ein Problem. Das würde Unmengen an Arbeit unsererseits bedeuten und am Ende würde dabei nicht der gleiche Browser herauskommen. Wenn Apple also die eigene Politik überdenken würde, würde uns das sehr entgegenkommen. Und ich hoffe, dass sie das in Zukunft auch machen werden. Wenn nicht, wird die iOS-Version von Vivaldi leider noch länger auf sich warten lassen.

Netz.de: Derzeit erscheint bekanntlich alle sechs Wochen ein neues Update für den Vivaldi Browser. Wird das auch in (naher) Zukunft bei diesem Rhythmus bleiben?

Jon von Tetzchner: Bei diesem Rhythmus werden wir bleiben. Zum einen wird es schlicht und einfach durch Chromium vorgegeben. Sie veröffentlichen alle sechs Wochen eine neue Version. Und da das unsere Grundlage ist, wollen wir natürlich nicht, dass unsere Nutzer eine unsichere Chrome-Version verwenden. Dementsprechend können und wollen wir uns nicht unnötig viel Zeit lassen.

Netz.de: Wann dürfen wir denn mit dem nächsten größeren Update rechnen (Vivaldi 2.0)? Und auf welche neuen und innovativen Features können sich die User freuen?

Jon Stephenson von Tetzchner hält einen Vortrag auf einem Podium

Jon Stephenson von Tetzchner bei einer Live-Präsentation  

Quelle:  Vivaldi.com 

Jon Stephenson von Tetzchner hält einen Vortrag auf einem Podium

Jon Stephenson von Tetzchner bei einer Live-Präsentation  

Quelle:  Vivaldi.com 

Jon von Tetzchner: Ich glaube, dass man schon in dem kommenden 1.3er-Update neue und innovative Features sehen wird, ähnlich wie bei dem Update auf die Version 1.2. Es wird auf jeden Fall Themes beinhalten, was ziemlich cool ist. Wenn man gerne das Aussehen seines Browsers beeinflusst, wird man diese Option lieben. Und wir werden auch weiterhin solche Dinge in den Browser integrieren. Ich glaube die größte Änderung in der 2.0-Version wird die Einführung des E-Mail Clients sein.

Netz.de: Werden auch andere Dienste mit einbezogen, sodass ich meine derzeitige E-Mail-Adresse nutzen kann?

Jon von Tetzchner: Es ist ein Client. Also wird er auch mit verschiedenen Anbietern zurechtkommen, egal ob man nun Gmail, Hotmail oder Yahoo nutzt, oder einen der hundert anderen Anbieter, die es da draußen gibt. Es wird funktionieren, solange die IMAP-Oberfläche genutzt wird.

Netz.de: Zum Abschluss noch eine indiskrete Frage: welchen Browser nutzen Sie eigentlich privat?

Jon von Tetzchner: Ich nutzte natürlich nur Vivaldi. (lacht) Wenn man sich die Situation ansieht, dass wir angefangen haben einen Browser zu bauen, weil wir das Gefühl hatten, dass uns kein anderer Browser das geben kann, was wir benötigen, ist das natürlich klar. Wir bauen einen Browser für uns selbst, für all unsere Freunde und natürlich sind auch alle anderen willkommen, die sich für Vivaldi interessieren.

Netz.de: Vielen Dank für das nette Interview, Herr von Tetzchner. Das Team von Netz.de wünscht Ihnen auch weiterhin viel Erfolg - und seien Sie versichert: wir werden den weiteren Weg von Vivaldi im Auge behalten.

(Hier geht es zum englischen Original-Interview)

Sag uns deine Meinung!

Um einen Kommentar zu verfassen, melde Dich an oder registriere Dich jetzt auf Netz.de!

Mehr zum Thema...
Werbung
Ab ins Netz mit dir