Aufgeben ist keine Option

Online meets Offline - ein Gespräch voller Missverständnisse [Kommentar]

Geschätzte Lesezeit: ca. 6 Minuten

Foto von Dennie Beneke

von Dennie Beneke (@debeneke)-

Wer schon mal versucht hat, jemandem ohne Hintergrundwissen den simplen Nutzen oder den Unterhaltungswert des Internets näher zu bringen, hat mein vollstes Mitgefühl. Wenn passionierter Digitalarbeiter auf Offline-Kontakt trifft, prallen zwei Welten aufeinander - Ausgang offen!

"Sie arbeiten doch im Internet, oder?"

"Ja...", erwidere ich voller Erwartung auf die Dinge, die da kommen, während mein Hirn bereits reflexartig damit beginnt, jedes aufgeschnappte Stückchen Wissen aus den hintersten Gedächtnisecken hervorzukramen. Gleichzeitig zwingt sich mein inneres Ich dazu, Ruhe zu bewahren und nicht sofort mit zig impulsiven Themenfetzen vorzupreschen, denn dieses Szenario ist mir nur zu gut bekannt: Digitalarbeiter und leidenschaftlicher Netz-Enthusiast trifft auf Offline-Kontakt.

Hier prallen in den nächsten zwei Minuten Welten aufeinander - Ausgang offen! Die Sinne sind geschärft. Je nachdem, wie sich das Gespräch entwickelt, steckt darin genug Potenzial für einen prall gefüllten Abend - gespickt mit düsteren Legenden und dem Aufzeigen ungeahnter, neuer Möglichkeiten.

"... In einer Online-Redaktion, um genau zu sein. Quasi bei der Zeitung, nur für eine Internetseite", füge ich an.

Soweit so gut - Zeitungen kennt schließlich jeder und als Beispiel für die Arbeit lässt sich dieser Vergleich gut anwenden.

In den nächsten zwei Minuten prallen Welten aufeinander - Ausgang offen!

Jetzt liegt es an mir, das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken: HYPE! Das Internet - unendliche Weiten - prall gefüllt mit Wissen, Entertainment und zahlreichen Formaten, in denen das Netzwerken über Ozeane und kulturelle Grenzen hinaus so leicht möglich ist wie niemals zuvor. Das größte globale Netzwerk, mit über einer Milliarde an Websites, rund 3 Milliarden Internetnutzern und mit mehr internetfähigen Smartphones im Umlauf, als es Menschen auf der Erde gibt - Tendenz steigend.

"Bitte wenden!" - zwischen Hype und Ernüchterung

Ich werde konkret, spreche über die Datensammelsucht von "kostenfreien Diensten oder Apps", den allgemeinen Sicherheitsproblematiken, denen sich Nutzer und Unternehmen ausgesetzt sehen oder berichte über meine gesammelten Erkenntnisse zu den diversen Streaming-Anbietern. Das anfängliche Interesse meines Gesprächspartners weicht schnell einer allgemeinen Skepsis.

Dies äußert sich vor allem im Staunen darüber, "wie viel Zeit sich doch vor so einem Monitor verbringen lässt" - vor allem mit dieser Art "Spielerei".

"Ich selbst könnte das nicht den ganzen Tag! Da habe ich auch eigentlich keine Zeit für", bekomme ich als Antwort. Ernüchterung setzt ein...

Wo bin ich falsch abgebogen? Ich wollte doch HYPE vermitteln... Hab ich vielleicht zu viel von Gaming erzählt? Aber die Gaming-Industrie generiert doch mehr Umsätze als Hollywood, und Filme schaut doch schließlich auch so gut wie jeder?! Oder habe ich für mein Statement zur allgemeinen Lage der Sicherheit im Netz zu weit ausgeholt? Sicher, das Thema ist nicht sonderlich sexy - wer hört schon gerne, dass sein Passwort mit "123Nachname" nicht ausreicht... Aber mal ehrlich: Kann man sich heutzutage noch leisten, sich nicht mit der Thematik auseinanderzusetzen?!

Die Frage nach Netzsicherheit - kann man sich noch leisten, sich nicht damit zu befassen?

Für mich ist klar: Der technische und digitale Fortschritt werden sich unweigerlich in unser aller Leben drängen, ob wir wollen oder nicht. Damit ist nicht nur das Smartphone gemeint, das uns bereits jetzt durch seine permanent abrufbaren, "smarten" Antworten fest im Griff hat.

Die Digitalisierung von alltäglichen Abläufen wird im Verlauf der nächsten Jahrzehnte so zunehmen, dass es viel umständlicher sein wird, sich nicht auf "neue" Techniken oder Hilfsmittel einzulassen. Nicht zu vergessen: Die Art der Kommunikation und wie sie sich bereits jetzt auf unser Sozialverhalten auswirkt.

So schnell gebe ich nicht auf...

Wenn es mir nicht schon vorher unter den Nägeln brannte, ist es spätestens ab diesem Zeitpunkt meine Aufgabe, die Welt zu einem besseren Ort zu machen!!1 In der Theorie benötige ich nur rund 1 ½ Stunden uneingeschränkte, predigtartige Sprechzeit, um meinem Gegenüber aufzuzeigen, welch ungeahnte Möglichkeiten das Internet bereithält - "Ja, auch für dich, mein Freund!", es liegt mir auf der Zunge.

Don Quijote und Sancho Panza reiten auf Pferden windmühlen entgegen

Im wohl bekanntesten Teil der Abenteuer des Romans fechtet Don Quijote einen ausweglosen Kampf gegen Windmühlen.

Quelle: (Renata Sedmakova)  Shutterstock.com 

Don Quijote und Sancho Panza reiten auf Pferden windmühlen entgegen

Im wohl bekanntesten Teil der Abenteuer des Romans fechtet Don Quijote einen ausweglosen Kampf gegen Windmühlen.  

Quelle: (Renata Sedmakova)  Shutterstock.com 

Offline vs. Online: Die Frage nach der Wahl

Das Problem mit unterschiedlichen Ansichten ist, dass man ein Gefühl für die Perspektive seines Gegenübers bekommen muss, um seine Sicht der Dinge nachzuvollziehen. Erzählt mir mein Offline-Gegenüber beispielsweise von seiner Arbeit, kann ich in der Regel etwas damit anfangen, denn im Gegensatz zu ihm bewege ich mich in zwei Welten – online und offline. Auch ohne Fachkenntnis oder Weiterbildung erwarte ich beim Zahnarzt keinen Haarschnitt oder haue in Gedanken einen Hammer mit dem Nagel. Zwar stößt dieser Vergleich irgendwann an seine natürlichen Grenzen, aber umgekehrt stellt sich das Ganze schon deutlich schwieriger dar.

Es ist deshalb hilfreich, sich einmal mehr vor Augen zu führen, welche Hürden es für netzfremde Personen zu überwinden gilt, die sich dieser Subkultur - außerhalb von Zalando, eBay oder Amazon - quasi vom Nullpunkt aus nähern. Neben den Gepflogenheiten, der Schnelllebigkeit und dem eigenen "Netzjargon" sind es zudem auch die technischen Hürden, denen sich Netzneulinge stellen müssen - ein gewaltiger Schritt ohne eine helfende, erklärende Hand.

Können wir uns leisten, nicht davon zu erzählen, wie toll das Internet ist?

Im weiteren Gesprächsverlauf gebe ich mein Bestes, anhand von einfachen Beispielen Zusammenhänge zu knüpfen, doch vieles geht für den Moment zu weit.

"Haben Sie ein Smartphone? Benutzen Sie Facebook oder haben Sie vielleicht einen eBay-Account? Können Sie sich vorstellen, welche Prozesse da im Hintergrund ablaufen und wie sich das generell auf Ihr Leben auswirken könnte - sofern man sich nicht mit der Thematik und dem Schutz der personenbezogenen Daten befasst?"

Es entwickelt sich zu einem Kampf gegen Windmühlen, zu dem mich (um fair zu bleiben) allerdings auch keiner gezwungen hat. Selbst mein vor Begeisterung nur so strotzender Vortrag über die Bedeutung von Memes und deren Spaß-Grad von 'Loool' bis zu 'Made my Day' versandet - habt ihr schon mal einen Witz erklärt?

Die Schlacht ist verloren, mein Wille gebrochen. Aber Aufgeben ist keine Option, denn wir können uns nicht leisten, nicht mehr vom Internet zu schwärmen - geschweige denn damit aufhören, über die Tücken zu sprechen und aufzuklären. Letztendlich ist jedoch beiderseitiges Interesse und ein gewisses Maß an Lernbereitschaft notwendig. Möglicherweise genügt auch einfach nur ein kompletter Abend voller düsterer Legenden, aber vor allem: Das Aufzeigen ungeahnter, neuer Möglichkeiten!

"Gut und schön, aber für mich ist das alles nichts. Freut mich dennoch, dass Sie sich damit so beschäftigen können. Als was arbeiten Sie noch mal genau?"

Ich merke, wie mein PC nach mir ruft.

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