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Zweifel am ASMR-Trend - wenn Kids mit Sinnesreizen Geld verdienen

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

YouTube ist im ASRM-Hype! In ihren Videos triggern YouTuber ihre Follower im Flüsterton, klappern mit den Fingernägeln und erzeugen eine seichte Geräuschkulisse. Was für Außenstehende schon schwer zu greifen ist, wird umso seltsamer, wenn jetzt auch noch Kids auf den ASMR-Zug aufspringen und für Views ins Mikro schmatzen.

Teils befremdlich und sonderbar, wenn einem plötzlich sanfte Sätze ins Ohr gehaucht werden, während die Fingernägel des YouTubers an unterschiedlichen Materialien rumrascheln, kratzen oder klopfen - alles ganz leise, sachte, unaufgeregt. "Sonderbar" für die Einen, pure Reizüberflutung und dieses wohlig prickelnde Gefühl, das durch den Körper schießt, für die Anderen.

Die 'Autonomous-Sensory-Meridian-Response'-Videos (kurz: ASMR - auf Deutsch etwa "selbstauslösende Sinneshöhepunkte") liegen voll im Trend, bescheren ihren Schöpfern neben Millionen von Views und Abonnenten auch einen dementsprechend warmen Geldregen.

Es ist eine wachsende Subkultur auf YouTube, die für Außenstehende nur schwer zu greifen ist, denn: Wer von diesem Reaktionsphänomen nicht betroffen ist, wer durch die visuellen und auditiven Trigger kein beruhigend angenehmes Gefühl vermittelt bekommt, für den können die Videos schnell seltsam wirken.

Wenn dann noch Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen und erfolgreich ASMR-Videos produzieren, wie der britische Ableger Wired UK in einem Bericht aufzeigt, sorgt das nicht nur für Likes, sondern wirft auch die Frage auf, ob dieses Format - Geräusche machen und posieren vor einem Millionenpublikum - für Minderjährige überhaupt angemessen ist. Die Eltern fördern und unterstützen und YouTube "liegt der Schutz seiner Jüngsten am Herzen". Doch wer trägt letztendlich die Verantwortung und gewährleistet die Unversehrtheit der Jüngsten? Werden offensichtliche Bedenken wie Öffentlichkeitsdruck, Anfeindungen und Zweckentfremdung der Videos zu Gunsten von Klicks und Aufmerksamkeit in den Hintergrund geschoben?

ASMR - Reizthema und Hype zugleich

Das Thema ist heikel und vielschichtig, ohne Frage. Denn während die ASMR-Videos einen wohltuenden, entspannenden Trigger bei empfänglichen Personen auslösen sollen, stießen sich laut 'Wired UK' unter anderem die chinesische Regierung wie auch PayPal an den Inhalten. Während China die ASMR teils als "vulgär" und mitunter "pornographisch" betitelt und Videos kurzerhand blockte, unterband PayPal (zeitweise) den Zahlungsverkehr zwischen ASMR-Produzenten und privaten Auftraggebern, die dafür bezahlten, dass YouTuber in ihren Videos mit speziellen Gegenständen hantierten.

Werbetreibende und Stars stehen dem Trend hingegen wohlwollender gegenüber - sehen in den Videos nichts sexuelles und nutzten das Phänomen unter anderem für Werbung während des aktuellen Super Bowls oder erstellen eigene ASMR-Videos, um auf der Welle der Aufmerksamkeit zu reiten (siehe Rapperin Cardi B).

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Cardi B's Video erlangte über 16 Millionen Hits auf YouTube

Wo liegt nun die Wahrheit? Schließlich stößt dieses Format auf der einen Seite auf breiten Zuspruch, während es auf der anderen Seite mit Reizen spielt und es nicht ausgeschlossen ist, dass zwielichtige Online-Gestalten die Inhalte zweckentfremden und in einen sexuellen Kontext setzen.

Die Suche nach der Antwort wird noch verzwickter, denn während die erfolgreichste ASMR-Künstlerin Taylor Darling mit ihren über 2,2 Millionen Abonnenten bereits die Stufe der Volljährigkeit erklommen hat und selbst bestimmt, was und wie sie etwas mit der Öffentlichkeit teilt, berichtet Wired vor allem über junge Schöpferinnen wie die 13-Jährige Makenna Kelly - die ebenfalls über 1 Millionen Abonnenten vorweisen kann.

Eignen sich nun ASMR-Videos dafür, von Kindern und Jugendlichen produziert zu werden, die entweder für Klicks oder gegen Bezahlung Videos produzieren, in denen sie für andere an Dingen klopfen oder Sachen essen? Fällt das unter künstlerische Freiheit und Selbstfindung oder sollte man das Spielfeld doch lieber den Erwachsenen überlassen, die schon von Rechtswegen eigene Entscheidungen treffen – unter Umständen sogar die potenzielle Tragweite solch intimer Videos einschätzen können?

Junge ASMR-Künstler sind beliebt und erfolgreich

Mit ihren 1,3 Millionen Abonnenten und den Klickzahlen ihrer Videos errechnete der YouTube Tracking-Service 'SocialBlade' laut Wired erst kürzlich, dass Makenna Kelly's Kanal 'Life With MaK' an einem einzigen Tag über 1.000 US-Dollar an Werbeeinnahmen erwirtschaftet. Nicht wenig Geld für eine junge YouTuberin und deren Familie. Das Beispiel zeigt deutlich: Bereits junge Schöpfer können an diesem Trend neben einem ganzen Haufen Aufmerksamkeit und Likes gutes Geld verdienen.

Vielleicht ist es weniger das Geld als die Berühmtheit, welche die kleinen ASMR-Sternchen inspiriert diese Form von Videos zu kreieren. Doch spätestens dann, wenn die Klickzahlen steigen und sich das Hobby zu einer lohnenden Einnahmequelle entwickelt, treffen die guten Vorsätze der 'Autonomous-Sensory-Meridian-Response'-Videos auf die Anonymität und die Gefahren des Internets. Spätestens dann ist es Zeit abzuwägen – doch dann kommt auch der Geldaspekt erneut ins Spiel. Wired ging in diesem Zusammenhang auch auf den Schutz der jungen Künstler ein, der gewährleistet sein müsse und stellte die Frage, wer die Verantwortung trägt - Eltern oder YouTube selbst?

Sind ASMR-Videos von Kids und Jugendlichen vertretbar?

Für YouTube steht nach eigener Aussage der Schutz seiner jungen Talente im Fokus - gerade bei einem so kontrovers diskutierten Format wie ASMR. Weshalb sich Claire Lilley, YouTube's Managerin für Kindersicherheitsrichtlinien auf Wired-Nachfrage wie folgt äußert:

"Wir glauben, dass die Technologie große Chancen für junge Menschen bietet, sich kreativ auszudrücken und Zugang zu nützlichen Informationen ermöglicht. Aber wir wissen auch, dass wir eine Verantwortung für den Schutz junger Schöpfer und deren Familien tragen und die möglichen Auswirkungen neuer Trends auf sie berücksichtigen müssen. Wir haben mit Experten zusammengearbeitet, um unsere Durchsetzungsrichtlinien für Gutachter zu aktualisieren, um ASMR-Videos von Minderjährigen zu entfernen, die an intimeren oder unangemesseneren Handlungen beteiligt sind. Wir arbeiten mit Experten zusammen, um sicherzustellen, dass wir junge Kreative schützen und gleichzeitig ASMR-Inhalte ermöglichen, die Kreative und Zuschauer auf positive Weise miteinander verbinden."

Die Videoplattform ist sich ihrer Verantwortung demnach bewusst und versucht - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - den Schutz von Jugendlichen zu gewährleisten, ohne das Thema ASMR zu brandmarken.

Doch auch die Eltern und das Umfeld der ASMR-Kids spielen eine zentrale Rolle, wie Wired Uk in seinem Artikel weiter ausführt.

(@deBeneke)
Reizthema benötigt kritische Betrachtung

ASMR-Videos haben sicherlich ihre Berechtigung und können gut oder schlecht gefunden werden – ganz, wie es jedem beliebt. Die Auswahl an Videos und Schöpfern (ob männlich oder weiblich) ist vielfältig und hat keine sexuelle Konnotation per se. Dennoch spielen die Videos mit Sinnesreizen und werden mitunter auch gern als Seelenmassagen bezeichnet.

Wenn sich Volljährige mit dem Thema beschäftigen, tendiert mein Interesse hier gegen Null. Doch Wired wirft die Frage auf: Sollten Kinder einem anonymen Millionen-Publikum, das nicht nur aus Gleichaltrigen besteht, Seelenmassagen verteilen? Ich für meinen Teil finde dies unangemessen und mehr als befremdlich, wenn es Minderjährigen gestattet ist, für Likes, Abos und Geld fremden Menschen etwas vorzukauen, ins Ohr zu säuseln und damit reihenweise "Seelenmassagen" oder (wie es der Volksmund hier und da betitelt) "Eargasms” zu verteilen.

Vor dem vom Wired-Artikel angesprochenem Hintergrund, dass die betitelten Akteure beispielsweise Videoleistungen gegen Vergütung verkaufen, muss dieses von Gefühlen und Reizen bestimmte Format nach meiner Auffassung zumindest kritisch betrachtet werden - wenn nicht von den Eltern, dann von YouTube.

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