Tim Berners-Lee zieht Bilanz

Diagnose: Pervers – zum 30. Geburtstag des WWW spricht der Erfinder Klartext

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von Michael Springer -

Das World Wide Web wird heute 30 Jahre alt. Tim Berners-Lee, Erfinder des WWW und der HTML-Sprache, zieht zu diesem Jubiläum Bilanz: Ja, das Internet sei weit gekommen, aber momentan befinde es sich auf dem Weg in die völlig falsche Richtung.

Am 12. März 1989 legte Tim Berners-Lee mit der Vorstellung seines Projekts zum verbesserten Informationsmanagement den Grundstein für das Internet, wie wir es heute kennen. Sein Ansatz galt eigentlich dem effizienteren Austausch von wissenschaftlichen Informationen: Zwar konnten Computer auch schon damals über große Distanzen miteinander kommunizieren, das gestaltete sich in der Praxis aber als umständlich.

Berners-Lee (und Kollegen) vereinfachten diesen Datenverkehr in der Folge enorm und setzten dabei auf die Idee eines weltweit gespannten Netzes von untereinander verknüpften Informationspunkten. Das World Wide Web, das WWW war geboren.

Das WWW wird 30: Viel Licht, viel Schatten

Anlässlich des Geburtstags seines geistigen Kindes setzt Berners-Lee in einem öffentlichen Brief nun an zum Resümee: "Heute, 30 Jahre nach meinem ursprünglichen Vorschlag […], ist die halbe Menschheit online." Das Internet habe sich zum öffentlichen Raum entwickelt, zur Bücherei, zur Arztpraxis, zum Shoppingcenter, zur Schule, zum Designstudio, zum Büro, zum Kino, zur Bank und zu vielem mehr.

Heute, 30 Jahre nach dem ursprünglichen Vorschlag, ist die halbe Menschheit online.

"Das Netz hat Chancen eröffnet, es hat marginalisierten Gruppen eine Stimme gegeben und unser Leben einfacher gemacht." Trotzdem erleichtere es ebenso das genaue Gegenteil: "Dank" des Internets habe nun auch der Hass eine weltweit hörbare Stimme. Es biete Betrügern riesige Spielräume und begünstige kriminelle Machenschaften.

Gerade im Lichte der aktuellen Schlagzeilen rund um Privatsphäre- und Datenskandale sei es verständlich, dass Menschen sich verunsichert fühlen. "Im Angesicht dessen, wie sehr sich das Netz in den letzten 30 Jahren verändert hat, wäre es pessimistisch und einfallslos anzunehmen, das Web könnte sich in den nächsten 30 Jahren nicht verbessern lassen." Wir alle seien gefordert: "Wenn wir nun die Arbeit an einem besseren Internet aufgeben, dann wird uns nicht das Internet im Stich gelassen haben – wir werden das Internet im Stich gelassen haben."

Tim Berners-Lee erkennt drei zentrale Probleme

Viel Pathos vermischt mit in einer nüchternen Erkenntnis: Wer sich ein besseres Internet wünscht, sollte sich dafür einsetzen. Jeder kleine Schritt trägt weiter als kein Schritt. Tim Berners-Lee identifiziert daher drei große Probleme, an denen es besonders zu arbeiten gelte. Nur wenn wir sie klar umreißen und benennen, können wir sie beheben:

  • Bewusst böswillige Absichten ("deliberate, malicious intent"): Besonders staatlich unterstützte Hacker- und Cyberangriffe stoßen ihm auf, aber auch kriminelle Machenschaften oder Onlinebelästigung. Auch wenn Berners-Lee sich bewusst ist, dass dieses Problem sich unmöglich komplett ausradieren lässt, sieht er doch die Gesetzgeber in der Pflicht: "Regierungen müssen ihre Gesetze und Regulierungen in das digitale Zeitalter übertragen." Sie hätten eine Verantwortung, die Rechte und Freiheiten ihrer Bürger auch online zu schützen. Dazu schlägt er etwa die Schaffung neuer Ämter vor, die sich allein mit dieser Aufgabe befassen sollten.
  • Perverse Anreize ("perverse incentives"): Berners-Lee meint Perversion hier wörtlich, als Abkehr von der ursprünglichen Idee. Denn klick- und werbebasierte Geschäftsmodelle würden Clickbait und Fake News nicht zulassen, sondern sogar begünstigen – die Qualität oder der Wahrheitsgehalt der verbreiteten Informationen seien dabei weitestgehend egal. Dieses Design könne der Öffentlichkeit Schaden zufügen. "Firmen müssen besser sicherstellen, dass ihre kurzfristigen Profite nicht auf Kosten der Menschenrechte, der Demokratie, der wissenschaftlichen Fakten und der öffentlichen Sicherheit eingefahren werden." Ein klarer Wink Richtung Facebook, YouTube und Co.
  • Unbeabsichtigte, negative Konsequenzen ("unintended negative consequences"): Obwohl Facebook, Twitter oder WhatsApp etwa dem Design, der Konzeption nach Menschen näher zusammenbringen wollen, bieten sie vermehrt die Plattform für klare Frontenbildung und Schwarz-Weiß-Malerei. Dieses Phänomen gelte es mit tiefergehender Forschung und veränderten oder neuen Modellen zu bekämpfen. Wie er sich das im Detail vorstellen könnte, lässt Berners-Lee offen.

Jeder Bürger könne dabei helfen, an diesen Problemen zu arbeiten, indem er keine Politiker wählt und keine Unternehmen unterstützt, die ihre Wichtigkeit nicht anerkennen. Es sei "unsere Verantwortung", die jedes Einzelnen, "diese Themen auf die Prioritätenlisten der Regierungen weltweit zu setzen". Politik, Wirtschaft und Bürger sollten gemeinsam an einem Strang ziehen, um neue, klare Normen, Gesetze und Standards zu etablieren. Ein Weg dahin sei die internationale Kampagne #ForTheWeb, die die von Berners-Lee ins Leben gerufene 'Web Foundation' initiiert hat. Sie will bis zum Jahresende konkrete Verhandlungsergebnisse vorlegen.

Quelle: Web Foundation

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