Von wegen zwei Milliarden Nutzer

Facebook: Die Hälfte aller Profile ist womöglich Fake

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von Michael Springer -

Vor einiger Zeit hat Facebook nach eigenen Angaben die Grenze von zwei Milliarden aktiven Usern überschritten – jeder vierte Erdbewohner wäre damit in dem sozialen Netzwerk unterwegs. Ein neuer Bericht erhebt nun große Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Nutzerzahl.

Momentan hagelt es von allen Seiten auf Facebook ein: Transparenz-Bemühungen scheinen nicht zu fruchten, neue Studien rücken die Plattform immer wieder in schlechtes Licht und selbst ein alter Mentor des Facebook-Chefs kehrt der Plattform öffentlich den Rücken zu.

Ein Licht am Ende des Tunnels dürfte für das Netzwerk nur schwer zu erkennen sein, denn die Serie der Negativmeldungen will einfach nicht abreißen. Nun meldet sich Aaron Greenspan, ein ehemaliger Weggefährte des CEOs Mark Zuckerberg, zu Wort und erhebt schwere Vorwürfe: Nach seiner Schätzung besteht Facebook zur Hälfte aus unechten Profilen – von wegen zwei Milliarden Nutzer.

Das Cover von Reality Check: Facebook von Aaron Greenspan

Aaron Greenspan zieht in seinem Bericht einen beinah unglaublichen Schluss: Die Hälfte aller Facebook-Profile soll Fake sein.  

Quelle: (Aaron Greenspan)  Reality Check: Facebook 

Das Cover von Reality Check: Facebook von Aaron Greenspan

Aaron Greenspan zieht in seinem Bericht einen beinah unglaublichen Schluss: Die Hälfte aller Facebook-Profile soll Fake sein.  

Quelle: (Aaron Greenspan)  Reality Check: Facebook 

Facebook im 'Reality Check': Stimmen die Nutzerzahlen wirklich?

Die Anschuldigungen finden sich in einem 75-seitigen Report, in dem Greenspan Facebooks aktuelle Situation analysiert und Bezüge zur Geschichte des Unternehmens herstellt – die Themen reichen vom Skandal um 'Cambridge Analytica' bis zur internen Firmenkultur. Der Titel des Ganzen klingt nach Zielsetzung und Kampfansage zugleich: 'Reality Check'.

Ein besonderes Augenmerk legt der Harvard-Absolvent dabei jedenfalls auf die Nutzerzahlen der Plattform, denen er das längste Kapitel seiner Arbeit widmet. Über zwei Milliarden Menschen sollen auf Facebook aktiv sein, sagt das Unternehmen – Greenspan hält diese Angabe für völlig irreführend. Er zeichnet daher nach, wie findige Unternehmer in Bangladesch und Ägypten das Geschäft mit dem Verkauf von gefälschten Profilen entdeckten, wie ebendiese Profile andernorts im großen Stil zur Manipulation, zum Spammen und zum Betrug genutzt wurden.

Er beleuchtet, wie Facebook zwar zugab, ein Problem mit Fake-Profilen zu haben, wie es die zahlenmäßige Dimension des Phänomens aber offenbar bewusst mit sich ständig ändernden Definitionen, Kategorisierungen und juristischen Verklausulierungen verschleierte. Greenspan kommt letztlich zu einem Schluss, der zunächst unglaublich klingt: Er hält über die Hälfte aller Facebook-Profile für Fake.

Reality Check: Facebook

Auch wenn sich Aaron Greenspans Bericht in Teilen wie eine persönliche Abrechnung liest, sind viele seiner fundierten Argumente nicht von der Hand zu weisen. Ein Blick in den Report lohnt sich.

Facebook-Nutzerzahlen: Je mehr, desto besser

Doch man führe sich vor Augen, dass Facebook nach eigenen Angaben allein in einer Zeitspanne von sechs Monaten knapp 1,5 Milliarden Fake-Accounts gelöscht hat – und das sind logischerweise nur die, die das Unternehmen zweifelsfrei identifizieren konnte. Weil die Schummler immer raffinierter vorgehen, wird das nämlich zunehmend schwieriger.

Außerdem legen sich auch echte User Zweitaccounts an, um etwa in Apps den Facebook-Login nutzen zu können, ohne alles mit dem tatsächlichen Konto verknüpfen zu müssen. Die zahllosen Profile, die Menschen darüber hinaus offenbar von ihren Haustieren anlegen, sind dann nur noch das Sahnehäubchen auf der Nutzerstatistik. Sofern diese Accounts einmal monatlich eingeloggt werden, zählen sie zu Facebooks aktiven Nutzern.

Nimmt man all das zusammen, wirkt Greenspans Einschätzung schon etwas weniger fantastisch. Vielleicht mag "die Hälfte der Profile" zu hoch gegriffen sein – dass aber längst nicht alle von Facebooks zwei Milliarden propagierten Nutzern tatsächlich existieren, kann man sich ohne Schwierigkeiten vorstellen.

Wenn Fake-Accounts die Statistik aufplustern, kann das für Facebook sogar profitabel sein.

Erschwerend kommt hinzu: Facebook dürfte kein großes Interesse daran haben, seine Nutzerzahlen zu schmälern. Aktive User sind die Lebensader eines sozialen Netzwerks – je mehr, desto besser. Und weil Wachstum das A und O ist, besonders aus Sicht der Aktionäre, geht es bestenfalls immer weiter aufwärts. Wenn der ein oder andere Fake-Account die Statistik aufplustert, kann das für Facebook paradoxerweise sogar profitabel sein.

Greenspan und Facebook haben eine Vorgeschichte

Vergessen darf man bei all dem aber nicht, dass Aaron Greenspan kein unbeschriebenes Blatt ist: Er besuchte während seiner Zeit in Harvard gemeinsam mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg verschiedene Seminare. Auch Greenspan entwickelte damals ein soziales Netzwerk, genannt 'houseSYSTEM'.

Den Streit darüber, ob Facebook in seiner Entstehungsphase von diesem abgekupfert hat, haben Greenspan und das Unternehmen außergerichtlich beigelegt – wodurch Greenspan finanziell offenbar ausgesorgt hat. Trotzdem wirkt der nun veröffentlichte Report in Teilen wie eine persönliche Abrechnung, auch wenn viele seiner mehrheitlich gut belegten Argumente nicht von der Hand zu weisen sind.

Quelle: (Aaron Greenspan) Reality Check: Facebook

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