Russische Trollfabrik perfekt durchgetaktet

Fake-News und Internet-Propaganda: Ein Profi-Lügner packt aus

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von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Ein ehemaliger Mitarbeiter einer russischen Fake-News-Fabrik hat sich jetzt mit überraschend detaillierten Schilderungen seiner Arbeit an die Öffentlichkeit gewandt. Auf vier Stockwerken seien in St. Petersburg professionell die Meinungen zur Ukraine-Krise und US-Wahl im Internet und sozialen Medien manipuliert worden. Der Kreml aber weiß von nichts.

Man soll ja nicht alles glauben, was man im Internet liest. Gerade in den sozialen Medien, so heißt es immer wieder, treiben Trolle und professionelle Lügner ihr Unwesen, die Meinungen verbiegen und Stimmung machen. So richtig greifbare Fakten zu diesem Thema findet man aber leider nur höchst selten - bis jetzt: Der ehemalige Journalist Vitaly Bespalov hat in einem Interview mit der amerikanischen Nachrichten-Seite 'NBC News' überaus detailliert über seinen Job in einer russischen 'Troll-Fabrik' gesprochen.

Lügenmaschinerie auf vier Stockwerken

"Ich glaube nichts, was ich in den sozialen Medien sehe."

Vitaly Bespalov

Auf vier Stockwerken, so Bespalov, habe das Unternehmen 'Internet Research Agency' weltweit für Misinformation gesorgt. Erschreckend ist, mit welch perfider Präzision die Strippenzieher hinter der Fake-News-Firma die Wahrheit verdrehen:

Im dritten Stockwerk verfassten die Mitarbeiter unzählige, zumeist tendenziöse Blog-Beiträge über die Ukraine-Krise und den jüngsten US-Wahlkampf. Im ersten Stock wiederum saßen Angestellte, die aus eben diesen Blog-Einträgen Nachrichten-Artikel strickten. Jetzt kamen die Mitarbeiter Im dritten und vierten Stock ins Spiel, deren einzige Aufgabe das Kommentieren dieser und anderer News-Seiten war. Ein Heer an Marketing-Mitarbeitern im zweiten Stock war dann dafür zuständig, die Misinformation über die sozialen Medien zu streuen.

Bespalov sagt, im Grunde sei die 'IRA' durchstrukturiert wie ein ganz normales IT-Unternehmen: Es gebe Tag- und Nachtschichten, eine Kantine und Großraumbüros. Abgesehen von Essens- oder Raucherpausen habe es aber fast keinen Kontakt unter den Mitarbeitern gegeben. Offenbar wurde viel Wert darauf gelegt, dass untereinander möglichst wenig kommuniziert wurde. "Wir hatten aber alle den gleichen Lügenjob", so der 26-Jährige.

Computer-Propaganda: Der Kreml weiß von nichts

Die Auswirkungen solch gut durchgetakteter Märchenfabriken können enorm sein, wie NBC News weiter berichtet. "Diese Trollfarmen können ein derartiges Ausmaß an Inhalten mit Hashtags und Themen produzieren, dass es organische Unterhaltungen völlig verzerrt", zitiert das Nachrichtenmagazin Clint Watts, Wissenschaftler am Foreign Policy Research Institute. Genannt werde dies 'computational propaganda' (etwa 'Computer-Propaganda'): Allein durch die schiere Masse erschienen viele Informationen glaubwürdiger als in organischen Konversationen.

Bespalov sei überzeugt, dass die Firma - ein viertsöckiger, von bewaffneten Männern bewachter Betonklotz in St. Petersburg - enge Verbindungen zum Kreml unterhält. Beweisen kann er dies aber nicht. Der Kreml hätte aber inzwischen auf die Vorwürfe reagiert, jegliche Kenntnis abgestritten und nahegelegt, dass es sich bei dem Bericht um Fake News handeln könnte.

Quelle: NBC News

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