Unrealistische Vorstellungen

Filter-OP - der Wunsch, auszusehen wie sein überarbeitetes Selfie

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Foto von Dennie Beneke

von Dennie Beneke (@debeneke)-

Forscher der Universität Boston haben einem neu auftretenden Phänomen einen Fachartikel gewidmet, der aufzeigt, dass mehr und mehr Menschen einem unerreichbaren Schönheitsideal hinterhereifern. Dem Wunsch, auszusehen wie auf den bearbeiteten Selfies.

Herrlich einfach geht das heutzutage: Kurz den digitalen Auslöser am Smartphone betätigt, ein bisschen auf die Lichtverhältnisse geachtet - den Rest bügeln die kinderleicht zu bedienenden Filter-Funktionen von Apps oder sozialen Diensten wie Snapchat, Instagram und Co. aus, die ihre Bildbearbeitungswerkzeuge direkt im Produktumfang mitliefern. Den Grundgedanken hinter diesen Filterfunktionen stellte lange Zeit kaum jemand in Frage. Schließlich ist es nur legitim, etwas an den Bildwerten rumzubasteln, um das Foto beispielsweise strahlender wirken zu lassen. Und irgendwie spricht ja auch nichts dagegen, sich selbst etwas ins bessere Licht zu rücken. Wenn dies dann auch noch schnell und einfach geht, ohne komplexe Bildbearbeitungswerkzeuge anzuwenden – umso besser, oder?

Welche Auswirkungen dieses Bestreben nach dem perfekten Social-Media-Bild jedoch auf unser reales Leben hat, haben Ärzte und Forscher der Boston University nun mithilfe eines neuen Phänomens beschrieben, das den eher sperrigen Namen 'Snapchat-Dysmorphophobie' trägt. Demnach wollen immer mehr Menschen genauso aussehen, wie ihre mit Filtern aufgehübschten Selfies.

Perfekte Haut und Augen wie aus dem Baukasten

Der Trend wurde von der Bostoner Abteilung für Dermatologie in einem Fachartikel der Zeitschrift 'JAMA Facial Plastic Surgery' aufgezeigt. Demnach vergleichen viele Menschen ihre Idealvorstellung von sich selbst mit dem Beispiel ihrer Selfies, wenn sie sich bei Chirurgen über einen kosmetischen Eingriff informieren. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Ich wird verglichen mit der unerreichbaren Idealvorstellung von Filtereinstellungen, die beispielsweise in Snapchat oder der Facetune-App Anwendung finden. "Dies ist ein alarmierender Trend, weil diese gefilterten Selfies oft ein unerreichbares Aussehen haben und die Linie der Realität und Fantasie für diese Patienten verwischen", zitiert Engadget aus dem Bericht.

Dies ist ein alarmierender Trend, weil diese gefilterten Selfies oft ein unerreichbares Aussehen haben und die Linie der Realität und Fantasie für diese Patienten verwischen

Selfies -Living in the Era of Filtered Photographs

Aussehen wie ein überzeichneter Anime-Charakter mit großen, blitzenden Augen, weichen Konturen, perfekter Haut und unrealistischen Wangenknochen? Zumindest in den Filtereinstellungen ist dies kaum ein Problem, für Schönheitschirurgen jedoch nicht umsetzbar. Während der Bericht beschreibt, dass Patienten vor dem Aufkommen der Filterfunktionen eher mit Bildern von Prominenten gewünschte Veränderungen beschrieben, würden heutzutage viele einfach nur ein Bild aus der eigenen Selfie-Galerie präsentieren.

Ärzte raten zu anderen Lösungen, statt Filterwünsche umzusetzen

Vor allem beeinflussbare Jugendliche und Personen mit diagnostizierter psychischer "körperdysmorpher Störung" seien gefährdet von den Auswirkungen des Selfie- und Filter-Hypes. Weshalb die Ärzte statt einer Schönheits-OP in der Regel eher zu einer psychologische Betreuung raten würden, wenn Patienten mit diesen Wünschen an sie herantreten.

Keine wirklich neue Erkenntnis ist es hingegen, dass sich Studien und wissenschaftliche Artikel mit den Gefahren von sozialen Netzwerken und den psychischen Folgen für junge Menschen beschäftigen. Soziale Netzwerke erzeugen ein immenses Suchtpotenzial und spiegeln vor allem die geschönten Seiten des Lebens anderer wieder - Urlaube, Konzerte, schönes Essen und ein ereignisreiches Leben. Wenn andere daraus Vergleiche ziehen und sich selbst und ihr Leben als nicht so ereignisreich empfinden, entsteht eine unter Experten erkannte Unzufriedenheit, die zu Lasten der Psyche geht.

Mit der 'Snapchat-Dysmorphophobie' gesellt sich ein weiteres Problem zu dieser Liste hinzu, die gefühlt immer länger wird. Einmal mehr wird deutlich, dass Nutzer Aufklärung für einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Netzwerken benötigen. Soziale Netzwerke bilden halt nur einen Ausschnitt der Realität wieder, der sich dazu noch nach Belieben anpassen lässt.

Quelle: engadget.com

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