Briefgeheimnis anyone?

Gmail analysiert eure E-Mails und zeigt sie hunderten von Firmen [Update]

Geschätzte Lesezeit: ca. 3 Minuten

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von Benjamin Krämer -

E-Mails fallen unter das Postgeheimnis, dürfen also nicht mitgelesen werden. Google scheint sich um diesen Umstand nicht zu scheren, denn das Wall Street Journal deckte jetzt auf, dass eure Mails bei Gmail mitgelesen, analysiert und mit Hunderten von Unternehmen geteilt werden. Warum? Natürlich für personalisierte Werbung, Googles Kerngeschäft.

Gmail gibt es bereits seit 14 Jahren und seit Beginn steht Google mit seinem E-Mail-Angebot in der Kritik. Schon damals monierten Datenschützer, dass Google E-Mails mitlese und für Werbezwecke auswerte. Man könnte sogar sagen, dass Gmail nichts anderes ist, als eine von Googles Datenquellen, um ihre monströsen Mengen werberelevanter Bits und Bytes zu sammeln und gewinnbringend zu verkaufen. Rein praktisch grasten Algorithmen wie riesige Mähdrescher die Posteingänge sämtlicher Nutzer ab um zu analysieren, was das Zeug hält. Grasten deshalb, weil man in Mountain View versprach, diese Praxis nicht mehr weiter zu verfolgen. Das klingt ja erstmal ganz nett. Es zeigt sich aber, dass das auch gar nicht das Schlimmste war oder wäre, denn laut der Gmail-AGB, die man beim Einrichten des Kontos akzeptiert, erhalten externe Entwickler Zugriff auf den Posteingang.

Datenaustausch à la Facebook gibts auch bei Google

Gmail Inbox wurde geupdatet

Nicht nur KIs wühlen sich durch eure Mails, sondern teilweise auch Menschen: Datenanalysten, die die KIs trainieren.  

Quelle: (Rawpixel.com)  Shutterstock.com 

Gmail Inbox wurde geupdatet

Nicht nur KIs wühlen sich durch eure Mails, sondern teilweise auch Menschen: Datenanalysten, die die KIs trainieren.  

Quelle: (Rawpixel.com)  Shutterstock.com 

Facebook geriet durch den 'Cambridge Analytica' Skandal ins Schlingern, der Zuckerbergs Social-Media-Giganten noch immer auf Trab hält, weil auf wöchentlicher, teils täglicher Basis neue Skandälchen ans Licht kommen. Was war passiert? App-Entwickler hatten dank großzügiger AGB, bei denen die Daten stärker im Fokus stehen als die Nutzer, die sie generieren, Zugriff auf die Daten der Nutzer und ihrer Kontakte. Bei Gmail liegt der Hund ähnlich begraben: Drittentwickler dürfen sich per eigener Geschäftsbedingungen Zugriff auf die Postfächer von Gmail-Kunden verschaffen, mitlesen und auswerten.

Die Google AGB erlauben diesen Vorgang ja bereits. Laut den Recherchen des Wall Street Journal handelt es sich um mehrere hundert Firmen, die nachsehen, was da so aus euren Fingern kommt. Wer sich jetzt erhofft, dass nur KIs mitlesen, wird leider enttäuscht: Es wurde auch offen gelegt, dass teilweise menschliche Datenanalysten mitlesen, um beim Trainieren der Algorithmen auszuhelfen, wenn diese an ihre Grenzen stoßen.

Die Lösung: AGBs Lesen. Leider

Die Lösung des Problems lautet wie immer: Wir müssten die AGBs lesen, denen wir da zustimmen, wir mit ihnen Rechte verteilen, die potentiell große Konsequenzen nach sich ziehen. So wird beispielsweise das Postgeheimnis ausgehebelt, was in Deutschland ein großes Datenschutzproblem darstellt, in den USA weniger. Leider liest kaum jemand, was genau er da akzeptiert und das wird sich so schnell auch nicht ändern, da die Texte extrem lang, oft verklausuliert und unverständlich sind.

Außerdem kennen wir es alle: Wir möchten einen Dienst nutzen und klicken schnell auf "weiter", damit es endlich losgeht. Bequemlichkeit ist der größte Vorteil und der größte Nachteil der Digitalisierung. Eine nachträgliche Lösung gibt es aber dennoch: Wenn ihr bei Gmail im Menü auf "Anmeldung & Sicherheit" klickt, seht ihr "Apps mit Kontozugriff". Diesen Zugriff könnt ihr dort deaktivieren.

(+++Update 05.07.2018+++)

Google nimmt Stellung

Google hat sich mittlerweile in Bezug auf den Artikel des Wall Street Journal geäußert und sich offenbar genötigt gesehen, den genauen Umfang und die Beschaffenheit des Datenaustauschs mit Fremdfirmen zu erläutern. Im Zuge dessen stellte der Konzern aus Mountain View klar, dass der Zugriff durch Drittentwickler mehrfach überprüft werde: Zum einen gibt es eine automatisierte Überprüfung dieser Entwickler, also eine Art Hintergrundrecherche, die dann manuell von Menschen wiederholt wird. Dann wird eine Bewertung der Datenschutzrichtlinien der Firmen vorgenommen (über deren Homepage) und im letzten Schritt die App selbst getestet.

Voraussetzung für das Zulassen dieser Applikationen ist einerseits, dass klar kommuniziert wird, für was die erhobenen Daten genutzt werden und andererseits, dass nur jene Daten erhoben werden, die für diese Nutzung notwendig sind. Andernfalls droht eine Sperrung. Weiterhin betonte Google in seiner Stellungnahme, dass keine E-Mail-Analysen mehr für Werbezwecke durchgeführt würden und dass kein Mitarbeiter je private E-Mails mitlese, außer er werde im Zuge eines Support-Tickets explizit darum gebeten.

(+++Ende Update 05.07.2018+++)

Quellen: Winfuture, Google Blog

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