Selbst, wenn ihr gar nicht angemeldet seid

Ist das noch privat? Was soziale Medien mithilfe eurer Freunde über euch wissen

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

In sozialen Netzwerken teilen Nutzer bereitwillig private Details über sich - keine große Überraschung. Doch haben wir noch Einfluss darauf, welche Informationen wir über uns preisgeben, selbst wenn wir nicht auf Seiten wie Facebook und Co. angemeldet sind? Oder hängen wir längst in der "Big Data" Schleife, die es uns unmöglich macht, über unsere Daten zu wachen?

Dem Anschein nach liegt es natürlich in unserer Hand, wie wir mit persönlichen Informationen umgehen, wo wir sie preisgeben und auf welche Dienste wir setzen. Es steht schließlich jedem frei, seine persönlichen Informationen sozialen Netzwerken zu überlassen, die Telefonnummer für die Verifizierung zu hinterlegen oder Webseiten, Kommentare und Posts zu liken oder Einsicht in die eigenen Vorlieben und Ansichten zu geben. Im Gegenteil: Es wird niemand gezwungen, überhaupt einen Fuß in soziale Netzwerke wie Facebook zu setzen.

It’s not something you can solve on your own. It’s everyone’s problem or it's no one’s problem

David Garcia

Die Realität scheint jedoch eine andere zu sein, denn unsere Freunde verraten mehr über uns, als es uns lieb sein kann. Sind sie in einem sozialen Netzwerk aktiv, seid ihr dort auch vertreten, lautet die These, die aus dem Artikel in ScienceNews.org hervorgeht. Dort bezieht sich die Autorin unter anderem auf Aussagen von David Garcia, Social Scientist am 'Complexiity Science Hub Vienna', der uns die volle Kontrolle über unsere eigenen Daten abspricht. Es liegt demnach nicht nur an uns, sondern ebenso an unseren Kontakten, ob unsere Daten im Netz auftauchen - egal, was wir unternehmen, um unsere Privatsphäre zu schützen.

Plattformen können Infos in Relation setzen und daraus schlussfolgern

Kern eines Sozialen Netzwerkes ist das Finden und Interagieren mit Freunden, womit bereits automatisch der Grundstein für die Datenschutz-Problematik gelegt wird. Und was wäre leichter, als dem Netzwerk die eigene Kontaktdatenliste samt Telefonnummer und E-Mail anzuvertrauen, um schnell und einfach die ersten digitalen Kontakte aufzubauen.

Datenschutz geht nur gemeinsam

Garcia veranschaulicht die Sicht auf unsere Privatsphäre mit einem bildhaften Beispiel. So sieht er Privatsphäre viel weniger als einen "Raum voller Schlüssel", in den wir fremde Personen reinlassen. Vielmehr tragen wir unsere Privatsphäre wie ein feuchtes, farbiges Tuch mit uns herum. Jede Interaktion mit einem Freund oder einem Bekannten hinterlässt auf diese Weise einen Handabdruck, der am Gegenüber hängen bleibt.

Garcia sieht an dem Verhalten zunächst einmal nichts Verwerfliches: "People giving contact lists, they’re not doing anything wrong [...] You are their friend. You gave them the e-mail address and phone number." Soll heißen: In der Regel wollen wir mit unseren Freunden in Kontakt bleiben und geben unsere Kontaktdaten deshalb gerne freiwillig her - teilweise gelte dies natürlich auch für Netzwerke wie Facebook und Co. Was die Seiten dann allerdings mit den einfach übermittelten Daten anstellen, steht auf einem anderen Blatt.

Denn die personenbezogenen Daten holen euch ein, auch wenn ihr euch kaum irgendwo anmeldet und nichts preisgebt. Soziale Plattformen besitzen die Fähigkeit, Informationen zu sammeln, sie in Relation zu setzen, Verknüpfungen zu ziehen und daraus sogenannte "Schattenprofile" zu kreieren. Was folgt, ist ein (aus Datenschutzsicht) durchaus bedenklicher "Worst Case", der Menschen in ein vorgefertigtes Korsett aus Informationen presst, das erschreckend gut sitzt.

Karteileichen lassen Rückschlüsse auf Sexualität oder politische Einstellung zu

Wie schnell sich private Daten verselbstständigen, die man noch nicht einmal preisgegeben hat, führt der Artikel anhand eines Facebook-Bugs vor, der 2013 über 6 Millionen E-Mail-Adressen und Telefonnummern versehentlich veröffentlichte. Obwohl der Fehler zeitnah behoben wurde, stellten viele Facebook-Nutzer im Anschluss fest, dass ihre Telefonnummern mit den Profilen verknüpft wurden - ohne die Nummern selbst hinterlegt zu haben.

Auf dieser Grundlage stellte sich Garcia die Frage, ob sich auch Schattenprofile von Personen anlegen lassen, die kein aktuelles Profil auf Netzwerken besitzen. Zu diesem Zweck nutzte er den Zugang über das Internet-Archiv 'archive.org', um rund 100 Millionen alte Nutzerprofile des 2015 offline gegangenen Friedster zu beziehen. Auf Grundlage der Kontaktangaben konnte Garcia Charakteristiken erstellen, aus denen sich beispielsweise Sexualität, politische Haltung oder Standort eines Accounts bestimmen ließen. Nutzer, die demnach viel über sich selbst preisgeben, lassen umso mehr Rückschlüsse auf andere Personen ihres Bekanntenkreises zu - auch wenn diese selbst gar nicht im Netzwerk vertreten sind oder sich größte Mühe geben, ihre Privatsphäre zu wahren.

Garcia schließt daraus, dass sich Einzelpersonen noch so anstrengen können, Privates geheim zuhalten. Denn am Ende ist es ein gesellschaftsübergreifendes Problem, das man ebenso wenig alleine lösen könne, wie ein einzelner Mensch dazu imstande sei, den Klimawandel zu stoppen.

(@deBeneke)
Datenschutz muss breiter diskutiert werden

Ich interpretiere Garcias Aussagen nicht als Aufforderung, sich keine Gedanken mehr um seine eigene Privatsphäre zu machen. Vielmehr versucht er anhand seiner Ergebnisse das Bewusstsein zu schärfen, wozu Webseiten, Programme oder soziale Netzwerke anhand von Algorithmen und logischen Rückschlüssen heutzutage bereits in der Lage sind.

Die Vorteile durch Auswertung von "Big Data" lassen sich ebenso lang und breit aufzählen, wie die begründeten Bedenken der Datenschützer. Doch wirkliche Lösungen lassen sich nach Garcia nur finden, wenn wir ein breites Bewusstsein für die Chancen und Risiken in der Bevölkerung schaffen, was den Umgang mit Daten betrifft.

Was ist also die Lösung? Für mich ist es vor allem die ständige Bereitschaft, sich immer wieder aufs Neue der Diskussion um Datenschutz zu stellen. Stets mit nachvollziehbaren Beispielen zu vermitteln, dass es Sinn macht, bewusst und sorgfältig mit den eigenen Daten im Netz umzugehen. Die Frage, die sich jeder stellen sollte: Was will ich alles über mich preisgeben, wie viel ist nötig, wo wird es gefährlich?

Hier erfährst du mehr über: Datenschutz

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