Alles für ein bisschen Ruhm

Jetzt auch noch kochendes Wasser: Wenn Internet Challenges aus dem Ruder laufen

Geschätzte Lesezeit: ca. 5 Minuten

Foto von Sebastian Hardt

von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Während die Ice-Bucket-Challenge im Sommer 2014 eher harmlos daher kam und einem guten Zweck dienen sollte, bewegen sich andere Aktionen, die im Netz an Popularität gewinnen, am Rande des Wahnsinns. Warum verletzen User sich (und andere!) freiwillig und sind bereit dauerhafte Schäden billigend in Kauf zu nehmen?

Sich dabei filmen zu lassen, wie man sich selbst mit eiskaltem Wasser übergießt, war eine humorvolle Freizeitbeschäftigung in den Sommermonaten vor dreieinhalb Jahren. Es ging darum, sich selbst dieser 'Challenge' zu stellen, die Aktion auf der eigenen Social-Media-Seite bei Facebook zu posten und Freunde und Bekannte zu nominieren.

Wer nominiert wurde, musste die Herausforderung innerhalb von 24 Stunden annehmen, um nicht 100 Dollar/Euro statt 10 Dollar/Euro an die ALS Association (ALSA) spenden zu müssen. Gedacht war dieser Wettbewerb als Spendenkampagne für die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) - ein Gewinn für alle Beteiligten also. Spaßig, aufklärend und vor allem eines: harmlos. Doch schon kurz danach ist irgendwie alles aus dem Ruder gelaufen.

Eis und Salz Challenge: Ernsthafte Hautverletzungen

Denn anders als bei der Ice Bucket Challenge, ging es bei der kurze Zeit später viral gegangenen 'Ice and Salt Challenge' um das Überwinden von echtem Schmerz. Die Ice Bucket Challenge hatte noch ein Spotlight auf eine schlimme Krankheit geworfen, die vielen nicht einmal ein Begriff war. Die Ice and Salt Challenge wiederum hat niemandem auch nur im Ansatz geholfen.

Es entstehen Narben, die dem "Teilnehmer" ein Leben lang erhalten bleiben.

Bei dieser Mutprobe galt es eine Schicht Salz auf die eigene Haut zu streuen und Eis darauf zu legen. "Was soll da schon passieren?" fragt man sich auf den ersten Blick. Was sich so harmlos anhört, ist in Wirklichkeit jedoch eine heftige chemische Reaktion. Die Kombination von Salz und Eis führt zu einer extremen Kälte-Entwicklung, die nicht selten zu Frostbeulen beziehungsweise Kälteverbrennungen führen kann. Es entstehen Narben, die dem "Teilnehmer" ein Leben lang erhalten bleiben.

Folgen der Ice Salt Challenge

Durch das Gemisch aus Salz und Eis wird der Gefrierpunkt abgesenkt.

Folgen der Ice Salt Challenge

Kälteverbrennungen, die zu offenen Wunden führen.

Folgen der Ice Salt Challenge

Schwere Folgen: Das Gemisch hat nicht nur Haut, sondern auch tiefer liegendes Gewebe zerstört.

Folgen der Ice Salt Challenge

Durch das Gemisch aus Salz und Eis wird der Gefrierpunkt abgesenkt.

Folgen der Ice Salt Challenge

Kälteverbrennungen, die zu offenen Wunden führen.

Folgen der Ice Salt Challenge

Schwere Folgen: Das Gemisch hat nicht nur Haut, sondern auch tiefer liegendes Gewebe zerstört.

Weltweit präsentierten vor allem Kinder und Jugendliche auf ihren Profilen bei Facebook, YouTube oder Instagram stolz ihr entstelltes Hautbild. Nicht selten mussten sie anschließend beim Arzt oder sogar im Krankenhaus behandelt werden. "Funny" und "cool", so beschrieben die Challenge-Teilnehmer ihre Erfahrung. Erschreckenderweise luden schon wirklich junge Kinder ihr "spaßiges Gruppenerlebnis" hoch.

'Fire Challenge': Jugendliche zünden sich selbst an

Wer die Eis und Salz Challenge schon verstörend findet, der wird bei diesem Wettbewerb vom Glauben abfallen: User, die sich der 'Fire Challenge' stellen, übergießen sich selbst mit brennbaren Flüssigkeiten und zünden sich an. Diese extrem gefährlichen Aktionen begannen schon 2014 und kosteten einem erst vierzehn Jahre alten Jungen das Leben.

Während sich bei diesem vermeintlichen viralen Hit die Teilnehmer selbst verletzten, richtete sich der Internet-Trend "Punch4Punch" gegen andere. Wie der Name bereits andeutet, schlugen sich zwei Wettbewerber abwechselnd so hart wie möglich, bis einer von beiden in die Knie ging. Auch dabei wurde wieder fleißig mit dem Handy drauf gehalten, immer in der Hoffnung mit dem veröffentlichten Video möglichst viel Online-Applaus zu ernten.

Hot Water Challenge: Jetzt werden schon Unbeteiligte verletzt

Vor einigen Monaten galt die 'Tide Pod Challenge' noch als Gipfel der Dummheit. Für 15 Minuten Ruhm hatten zahllose Jugendliche extrem giftige Wäschereinigungs-Tabs (sogenannte 'Tide Pods') gegessen und sich dabei gefilmt. Auf YouTube hatte das alles vielleicht noch ganz lustig ausgesehen, spätestens im Krankenhaus dürfte den Teilnehmern aber das Lachen vergangen sein. Unglaublich aber wahr: Sogar der Hersteller hat inzwischen reagiert und die Verpackung mit einer Kindersicherung versehen. Doch das Verspeisen des Flüssigwaschpulvers war offenbar noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Die 'Hot Water Challenge' ist die neueste Schnapsidee, über die jüngst unter anderem die 'Time' berichtet hat. Während durch die vorangegangenen Challenges wenigstens nur diejenigen verletzt worden waren, die sich freiwillig darauf eingelassen hatten, werden bei dieser Dummheit sogar nichtsahnende Dritte in Mitleidenschaft gezogen. Die Vorgehensweise lautet wie folgt: Ein Idiot erhitzt einen Kessel mit Wasser bis er kocht, schüttet den Inhalt über einen "Freund" und nimmt alles auf Video auf.

Dem 15-jährigen Kyland Clark aus Indiananapolis ist genau das erst Anfang Juli passiert. Sein Kumpel hatte gewartet, bis er eingeschlafen war und ihn dann mit brodelndem Wasser übergossen. Glücklicherweise hat er den Anschlag überlebt, obwohl er Verbrennungen zweiten Grades auf Rücken, Brust und Gesicht erlitten hatte. "Meine Haut ist einfach von meiner Brust abgefallen", so sein lakonischer Kommentar gegenüber der Time.

Warum tut jemand so etwas ?

Wir haben den Internetzsoziologen Dr. Stephan G. Humer nach dem "Warum" gefragt. Mutproben gab es auch vor dem Internet-Zeitalter schon offline. Aber diese krasse Form der Wettbewerbe, deren teils erschreckende Konsequenzen im Netz gepostet werden, scheint doch etwas anderes zu sein.

Letztlich spielt der Reiz des Neuen, Spannenden, Spektakulären eine große Rolle.

Warum sind Menschen bereit sich für digitale Aufmerksamkeit selbst zu verletzen? Was erhoffen sie sich von dieser Aufmerksamkeit und warum sind so viele bereit da mitzumachen?

Dr. Stephan G. Humer: Es gibt gerade im digitalen Bereich meist nicht nur die eine Antwort bzw. den einen Antrieb. Immer noch ist das Internet - medienhistorisch betrachtet - neu, so dass letztlich der Reiz des Neuen, Spannenden, Spektakulären eine große Rolle spielt. Zudem sieht man heute Extreme, die man früher kaum für möglich hielt - die Messlatte wurde also höher gelegt. Heute überzeugt man nicht mehr mit "Kleinkram". Außerdem kann durch die Skalierbarkeit eines Trends weltweiter Ruhm die Folge sein, das motiviert natürlich auch mehr, als wenn nur die besten drei Kumpels applaudieren. Soziale und technische Aspekte spielen hier also insgesamt eine große Rolle.

Eklig, aber harmloser: Die Banane-Sprite-Challenge

Absolut hip schien Anfang vorletztes Jahr übrigens eine weniger gefährliche, aber reichlich ekelhafte Aktion gewesen zu sein. Bei der 'Banana-Sprite-Challenge' gilt es mindestens zwei Bananen komplett aufzuessen und direkt im Anschluss reichlich Sprite zu trinken. "Stolzer" Gewinner ist, wer seinen Mageninhalt für sich behalten kann. Außer Magenschmerzen und dem Risiko sich zu verschlucken, besteht hier wenigstens keine unmittelbare Gefahr bleibender Schäden.

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