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Selfies fördern Narzissmus

Krankhaft selbstverliebt? Wie soziale Medien die Persönlichkeit manipulieren

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Hat häufiges Posten von Selfies in sozialen Medien negativen Einfluss auf unsere Persönlichkeit? Eine Studie will herausgefunden haben, dass dem so ist. Die übermäßige Nutzung von sozialen Medien - speziell das permanente Posten von Bildbeiträgen - steht demnach im Zusammenhang mit dem Ansteigen narzisstischer Merkmale.

Morgens richtet sich der erste sonnige Gruß an die sozialen Kanäle, weil die Frisur mal wieder besonders perfekt sitzt und das ruhig alle wissen dürfen. Zum Lunch darf das alltägliche Insta-Update nicht fehlen: Caesar's Salad mit extra Toppings samt Selfie - das bringt Likes und eignet sich noch für einen #MyBodyIsaTemple. Abends folgt der routinierte 'Boomerang' aus dem Fitness-Studio - #WorkHardPlayHard eben…

Für die einen einfach nur nerviges Gehabe, für die anderen Sinn und Zweck hinter sozialen Medien. Schließlich sind diese Plattformen Selbstinszenierungswerkzeuge in Reinform und begünstigen jene, die sich gern und häufig in Szene setzen. Ein Daumen nach oben gibt dabei nicht nur Bestätigung, er motiviert auch weitere Posts zu veröffentlichen.

Eine neu veröffentlichte Studie von Forschern der Universitäten Swansea (Wales) und Mailand konnte nun erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen exzessiver Social-Media-Nutzung und Persönlichkeitsveränderungen herausstellen: Wer oft Bilder und Selfies postet, der tendiert zum Narzissmus oder läuft Gefahr, dass sich dieses negative Verhalten verstärkt.

Wer viele Selfies postet, agiert auch zunehmend in sozialen Medien

Selbstverliebt und kritikresistent

Narzissmus steht im alltäglichen Sprachgebrauch für eine überproportionale Selbstverliebtheit – jemand, der sich hauptsächlich mit sich selbst befasst und sich in geringem Maße für andere Personen interessiert. Seine Selbsteinschätzung nimmt im Gegensatz zu einer gesunden Portion der eigenen Darstellung krankhafte Züge an. Selbst auf kleinste Kritik reagieren narzisstische Personen empfindlich und es fehlt ihnen an Einfühlungsvermögen gegenüber Mitmenschen.

Die Forscher untersuchten mögliche Persönlichkeitsveränderungen von 74 Personen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren und führten dies über einen Zeitraum von vier Monaten durch. Dabei bezogen sie auch die Nutzung von sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat in ihre Untersuchung mit ein. Vor allem diejenigen, die soziale Medien häufig für Bild-Postings und Selfies nutzen, zeigten eine überdurchschnittliche Zunahme an narzisstischen Verhaltensweisen. Prozentual beziffern die Forscher den Anstieg von Merkmalen wie übertriebene Selbstverliebtheit und der Abnahme an Einfühlungsvermögen auf stattliche 25 Prozent.

Demnach lagen viele dieser Teilnehmer unter Berücksichtigung der hinzugezogenen Messskala über der klinisch festgelegten Grenze einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung – die Selfies trugen also dazu bei, dass beispielsweise übertriebene Selbsteinschätzung und die Gier nach Bewunderung deutlich anstiegen.

Im gleichen Atemzug stellten die Forscher fest, dass Studienteilnehmer mit häufigen Wortbeiträgen nicht von diesen Effekten betroffen sind. Ganz im Gegenteil zu den narzisstisch geprägten Personen, bei denen durch die stetigen Bildbeiträge auch ein genereller Anstieg an Social-Media-Nutzung festgestellt werden konnte. Wer also viele Selfies postet, der interagiert auch generell mehr mit Facebook, Instagram oder Snapchat - hier scheinen die Selbstinszenierungswerkzeuge und Sucht-Faktoren dieser Plattformen (beispielsweise erhaltene Likes) auf fruchtbaren Boden zu stoßen.

Ohne kritische Töne drängen Nutzer ins Rampenlicht

Bis auf eine Person sollen alle Beteiligten die sozialen Medien genutzt haben, so die Studie. Facebook kommt auf einen Nutzeranteil von 60 Prozent, während Instagram (25 Prozent) und Twitter (13 Prozent) einen deutlich geringeren Anteil hätten. Für den Studienleiter, Professor Phil Reed, zeigen diese Ergebnisse einen deutlichen Zusammenhang: "Wenn wir unsere Stichprobe stellvertretend für die Bevölkerung nehmen - wogegen es keine begründeten Einwände gibt - bedeutet dies, dass etwa 25 Prozent der Menschen Gefahr laufen, solche narzisstischen Merkmale zu entwickeln."

Wir müssen die Gefahren in dieser Form der Kommunikation erkennen.

Phil Reed via Swansea University

"Dass die Teilnehmer soziale Medien vor allem visuell nutzten, deutet darauf hin, dass das Wachstum dieses Persönlichkeitsproblems immer häufiger zu beobachten sein wird. Wir müssen die Gefahren in dieser Form der Kommunikation erkennen."

Ein Mailänder Professor führte weiterhin aus, dass das Fehlen von unmittelbarer Kritik in sozialen Medien dazu führen könnte, dass Menschen sich immer narzisstischere Verhaltensmuster angewöhnen und sich so immer mehr Richtung Rampenlicht orientieren.

Quelle: Swansea University

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