"you’re never gonna see a video like this again"

Logan Paul filmt Leiche im Suicide Forest und sorgt für Youtube-Skandal

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Der YouTuber Logan Paul bringt mit seinem Neujahrsvideo das Netz zum kochen. Wenige Stunden später entfernt er die Aufnahmen von seinem Trip in den 'Suicide Forest' wieder, doch die Frage bleibt: Wer setzt die Grenzen, wenn Menschen für Klicks ans Limit des Vertretbaren gehen und welche Verantwortung trägt YouTube dabei?

Als 'Sea of Trees' werden die Wälder rund um den Mount Fuji oft von den einheimischen Japanern bezeichnet, denn die Bäume in dieser Region stehen an manchen Stellen so dicht, dass kaum ein Lichtstrahl den Boden berührt. Für viele Touristen gehören der Berg (oder besser gesagt 'semi-aktiver Vulkan') und die umliegende Naturlandschaft zum festen Bestandteil der Reiseroute.

This is not Clickbait, this ist the most real Vlog i've ever posted [...] Now with that said: Buckle the f**k up, because you’re never gonna see a video like this again.

Logan Paul | YouTube

In unseren Breitengraden erlangte der Wald mit dem Namen Aokigahara in den letzten Jahren aber auch größere Bekanntheit durch Hollywood, denn der Abschnitt ist auch als 'Suicide Forest' berüchtigt, in dem zahlreiche Menschen Jahr für Jahr den freiwilligen Tod als letzten Ausweg wählen.

Grund genug für den Amerikaner Logan Paul selbst mal nachzusehen, was es mit diesem legendenumwobenen Ort auf sich hat. Am ersten Januar stellte der bekannte YouTuber, der vor allem durch seine zahlreichen Späße als Entertainer und Influencer von sich reden macht, die Aufnahmen seinen rund 15 Millionen Abonnenten bereit. Generell nichts Verwerfliches - er ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein, der dort filmt.

Hätte er jedoch gewusst, was sein Video in der Netzgemeinde auslöst, hätte er es sich vielleicht doch zweimal überlegt, ob er die Aufnahmen veröffentlicht, denn der Shitstorm nahm daraufhin so richtig Fahrt auf.

Zelten im Suicide Forest – Logan Paul sucht nach Abgeschiedenheit und erntet Vorwürfe

Zusammen mit seiner Crew geht der YouTuber in typischer Manier seiner Arbeit nach, wirft gut gelaunt und hyperaktiv Grüße Richtung Community und beschreibt, dass er sich für das Jahresende noch einmal einen besonderen Wunsch erfüllen wolle: In sich zu gehen und den Ausklang in einer ruhigen, isolierten Umgebung einmal ganz besinnlich (ohne Party) zu zelebrieren.

Die Wahl fällt auf Zelten im 'Suicide Forest'. Der Clip zeigt unter anderem schnittige Kamerafahrten mit ernsten Passagen, in denen Logan etwas zur Umgebung erzählt, nur um kurz darauf wieder einen markigen Spruch in die Kamera zu senden. Doch als die Crew und der engagierte Guide plötzlich auf den Körper eines vermuteten Suizidopfers treffen, nimmt es eine fast schon herbeigerufene Wendung: Was machen, wenn man beim Filmen plötzlich vor der Wahl steht, an dieser Stelle dem leblosen Körper Respekt zu zollen und abzubrechen, oder – wie von großen Teilen der Community im Nachhinein kritisiert – draufzuhalten und Reaktionen filmen?

Logans Crew hält drauf und verpixelt zumindest das Gesicht des vermeintlichen Selbstmordopfers, zeigt allerdings immer wieder Nahaufnahmen von Händen und der Tasche, in der sich nach Angaben von Polygon sogar noch die Börse befinden soll.

Im Vorspann sorgte Logan Paul für Warnhinweise, gab weiterhin an, dass das Video gefährdendes Material inklusive Selbstmord enthält, setzte nachträglich eine Altersbeschränkung auf 18 Jahre und sagte vorab, dass er das Video nicht kommerzialisieren – also mit Werbebanderolen ausstatten – würde. Die Community und diverse YouTube-Größen kümmerte das wenig. Sie werfen dem Social-Media-Star unter anderem jugendgefährdendes Verhalten vor und unzureichenden Umgang mit seiner Verantwortung als Kanalbetreiber, unter dessen Abonnenten nicht zuletzt auch Jugendliche sind. Auch das kommerzielle Ausschlachten eines Selbstmordes und Geschmacklosigkeit zum Zweck der Aufmerksamkeit werden Paul zum Vorwurf gemacht.

YouTube oder Kanalbetreiber – wer trägt die Verantwortung?

Der YouTuber erkannte den Aufschrei und löschte daraufhin das Video. Hätte er das Video nicht gelöscht, wäre vermutlich die Videoplattform eingeschritten, die in ihren Richtlinien deutlich das Hochladen von "verstörendem und anstößigem" Filmmaterial verbietet.

Daraufhin gab Paul zunächst via Twitter und kurz darauf auch in seinem offiziellen YouTube-Kanal eine Stellungnahme ab, wo er seine Entscheidungen nochmals darlegte, seine Reaktionen erläuterte und sich nicht nur bei der Community, sondern auch beim Opfer und den Angehörigen entschuldigte. Diese Entschuldigung gehört respektiert, selbst wenn der Verdacht nahe liegt, dass der Social-Media-Profi hätte wissen müssen, welche Reaktionen auf das Video folgen würden - getreu dem Spruch: Auch schlechte Werbung ist Werbung.

Trotzdem gibt das Video gleich mehrere Anlässe zur Diskussion. Neben der Verantwortung von YouTubern gegenüber ihrem jüngeren Publikum als Influencer stellt sich die Frage: In welcher Verantwortung steht YouTube? Erst Anfang November machte das Videoportal durch fragwürdige, verstörende Videos in Kinderkanälen Schlagzeilen, woraufhin das Portal die Reißleine zog und unter anderem eine strengere Content-/Kommentarkontrolle beschloss, sowie weitere professionelle 'Flagger' einstellte.

Sicherlich ist YouTube nicht der Urheber dieser Videos und somit nicht Hauptverantwortlicher. Allerdings ist die Google-Tochter nicht schuldfrei, wenn es um die Frage geht, wie die vorherige Regulierung stattgefunden hat und wie konsequent man bei Verstößen vorgeht.

Im Fall von Logan Paul wird nun einmal mehr deutlich: YouTube steht in der Verantwortung, die Inhalte seiner Profi-Content-Producer zu vertreten und unter Umständen auch Strafen zu verhängen. Schwierig, ohne Frage – sind große YouTuber wie beispielsweise PewDiePie oder eben Logan Paul doch Zuschauermagneten und schrauben mit ihren Millionen an täglichen Klicks nicht unwesentlich am Gewinn des Videoportals.

Wenn Menschen auf der Suche nach den täglichen Klicks bis ans Limit des vertretbaren Geschmacks gehen, um die Gunst der Zuschauer nicht zu verlieren, muss YouTube regulieren – zum Schutz von Zuschauern und letztendlich auch der Producer. Im Fall von Paul hat es seiner Bekanntheit sicherlich nicht geschadet und nicht wenige Fans verteidigen den YouTuber. Bereits vor der großen Welle der Entrüstung klickten Hunderttausende den Like-Button, bevor Paul auf die aufkommende Kritik reagierte.

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