Wer nichts hört, kann besser lernen

Macht Spotify aus, wenn ihr kreativ sein müsst

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von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Wer im Büro oder beim Lernen Musik hört, weil das ja beim "kreativen Arbeiten" hilft, unterliegt anscheinend einem Irrtum. Wie Wissenschaftler jetzt bewiesen haben wollen, ist nämlich genau das Gegenteil der Fall: Wer wirklich kreativ sein will, macht die Musik aus.

Dreht ihr die Musik auf, wenn ihr für die Schule lernt? Setzt ihr Kopfhörer auf, wenn ihr euch im Büro konzentrieren müsst? Oder wenn ihr einen Artikel für ein Online-Magazin verfassen wollt? Dann gibt es jetzt schlechte Nachrichten: Musik fördert die Kreativität nicht, sondern beeinträchtigt sie – zumindest hat das eine Forschergruppe jüngst in einem Experiment herausgefunden. Selbst der Mythos, dass die eigene Lieblingsmusik anregend oder beflügelnd wirke, stimme nicht. Selbst vermeintlich beruhigende Hintergrundbeschallung, wie etwa ein laufender Fernseher, wirke sich negativ aus.

Die Kreativität leidet, auch wenn die Musik gefällt

Um herauszufinden, wie genau Lautstärke auf den kreativen Prozess wirkt, sind die Wissenschaftler wie folgt vorgegangen: Den 36 Probanden (23 weiblich, 13 männlich) wurden Wortfindungsaufgaben vorgelegt – sogenannte 'CRATs' –, die in der Wissenschaft häufig zum Einsatz kommen, wenn kreatives Denken untersucht werden soll. Während die Teilnehmer die Aufgaben lösten, wurden sie mit Musik beschallt. Dabei kamen insgesamt drei verschiedene Szenarien zum Einsatz:

1. Musik mit fremdsprachigen Lyrics

2. Instrumentalmusik

3. Musik mit Texten in der Muttersprache

Das Ergebnis: In allen drei Fällen hatten die Probanden, verglichen mit einer vollkommen stillen Umgebung, mehr Schwierigkeiten, die Aufgaben zu lösen. Auch habe überhaupt keine Rolle gespielt, ob den Teilnehmern die Musik gefallen oder ob sie die Musik in eine bessere Stimmung versetzt habe – Lautstärke beim Lösen der Aufgabe habe stets einen negativen Effekt gehabt. Lediglich eine Variation des Experiments mit "Bibliotheksgeräuschen" statt Musik habe Ergebnisse geliefert, die von einer völlig ruhigen Umgebung kaum zu unterscheiden waren.

Zusammengenommen widerlegen die Ergebnisse aus den drei Experimenten (...) die populäre Meinung, dass Hintergrundmusik die Kreativität fördert.

Threadgold et al., Applied Cognitive Psychology

Die Forscher begründen die schlechte Nachricht für jeden strebsamen Musikliebhaber unter anderem mit einem Phänomen, das jedem bekannt vorkommen dürfte: "Lautes Denken". Oder präziser: Dem Ausbleiben desselben. Gerade die in dem Versuch verwendeten CRATs würden sich nachweislich besser lösen lassen, wenn Teilnehmer ihre Gedanken verbal ausdrücken. Hintergrundgeräusche, besonders Musik, störten diesen Vorgang jedoch.

Müsst ihr jetzt auf Spotify bei der Arbeit verzichten?

Wie immer darf bei so einer Untersuchung der Hinweis nicht fehlen: Natürlich sind die Erkenntnisse, so gut sie in dem Versuch auch belegt werden mögen, nicht der Weisheit letzter Schluss. Wie verhält es sich zum Beispiel mit völlig anderen kreativen Beschäftigungen, wie dem Malen eines Bildes oder dem Anfertigen einer Holzschnitzerei? Damit haben sich die Forscher jedenfalls noch nicht beschäftigt.

Ferner müssen sich noch andere Wissenschaftler an dem veröffentlichten Papier abrackern und gegebenenfalls zu gleichen Erkenntnissen kommen, bevor es als hieb- und stichfest gilt. Fehler werden so systematisch ausgemerzt, interessengeleitete Ergebnisse auch als solche entlarvt. Anders formuliert: Wenn sich 99 Prozent der modernen wissenschaftlichen Community über ein Phänomen einig sind, kommt es der Wahrheit in der Regel sehr nah. 'Peer-Reviewing' nennt der Fachmann diesen Prozess, mit dem sich nicht nur Flacherde-Verfechter und andere Verschwörungsbeschwörer mal genauer beschäftigen dürfen. Alle anderen verzichten vorerst hin und wieder auf Spotify und Co., wenn ihrer Kreativität mal wieder einiges abverlangt wird. Übertreibt es nur nicht, Spaß bei der Arbeit schadet schließlich in den seltensten Fällen. Ich schalte meine Playlist jedenfalls jetzt wieder an.

Quelle: Applied Cognitive Psychology

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