Shampoo, wie die Franzosen sagen ;)

Angela Merkel hat sich heute auf ungewohntes Terrain begeben [Kommentar]

Geschätzte Lesezeit: ca. 10 Minuten

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von Sandra Spönemann (@die_spoent_wohl)-

Ohne Netz und doppelten Boden - Bundeskanzlerin Angela Merkel begab sich am 16. August 2017 auf ungewohntes Terrain. Im Live-Interview durften ihr vier populäre YouTuber nach eigenem Gutdünken Fragen stellen. Während es sich beim Interview mit LeFloid 2015 um eine Aufzeichnung handelte und dieser sich danach viel Schmähkritik gefallen lassen musste, versprach man sich von diesem Live-Event mehr.

Was haben ein Tech-Fan, eine extrem gut gestylte Frau, ein Allgemeinbildungs-Erklärbär und eine junge Studentin gemeinsam? Sie alle durften heute der Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Live-Internetübertragung Fragen zu den Themen stellen, die ihnen besonders am Herzen liegen. Und eins vorweg: Obwohl die Interviews recht seicht begannen und die Antworten unseres Staatsoberhaupts recht "runtergerattert" wirkten, zeigte sich im Verlauf der Veranstaltung, dass die CDU-Politikerin durchaus mit Schlagfertigkeit nachsetzen kann, wenn ihr Gegenüber ihr suggeriert, eine Frage sei ausweichend beziehungsweise unzureichend beantwortet worden.

Falls euch die vier YouTuberInnen übrigens nicht bekannt sind, könnt ihr auf Seite 2 nachlesen, um wen es sich dabei handelt.

ItsColeslaw: Die Schere zwischen arm und reich klafft weiter auseinander

2015 befanden sich 12,9 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze in Deutschland. Eine Zahl mit der Tendenz zu steigen. "Wie verhindern sie, dass die Schere weiter auseinandergeht?" fragt die YouTuberin ItsColeslaw und erhält eine recht allgemein gehaltene Antwort der Kanzlerin. Wichtig sei es, möglichst vielen Menschen die Möglichkeit für Arbeit zu geben und die Bildungschancen zu verbessern. Kritisch sieht Merkel, dass die Arbeit mit Menschen schlechter bezahlt werde, als die Arbeit mit Maschinen. Da beispielsweise Pflegekräfte ihre Ausbildung nicht mehr selbst tragen müssen, hätte sich in diesem Bereich schon etwas getan. Die Situation "muss aber verbessert" werden.

Rechnen, Schreiben, Lesen... und vielleicht noch Programmierung

Um der Netzgemeinde, die mit zeitweise über 56.000 Usern vertreten war, Rechnung zu tragen, wies Merkel auch auf die Bedeutung der Digitalen Bildung hin. Schulen müssten ans Breitbandnetz angeschlossen werden und auch die Lehrer benötigten eine entsprechende Weiterbildung, um in diesem Themenbereich auf dem Neuesten Stand zu sein. In der Diskussion um die deutschlandweite Standardisierung der Schulbildung nennt sie als wichtigste Kenntnisse die vermittelt werden müssten "Rechnen, Schreiben, Lesen... und vielleicht noch Programmierung". Bei dieser Aussage habe ich nicht schlecht gestaunt, ist die Kanzlerin selbst doch nicht unbedingt für eine große Technikaffinität bekannt. Da aber auch der Punkt "Digitale Bildung" noch schnell nachgeschoben wirkte, vermute ich persönlich, dass hier ein Berater seine Finger im Spiel hatte, der diese Begriffe im Hinblick auf das Publikum des Live-Streams erwähnt wissen wollte.

AlexiBexi: Was ist denn nun mit der Elektromobiliät?

Merkels Lieblings-Smiley

Auf die Frage nach ihrem Lieblings-Smiley fällt die Antwort klar aus: der lächelnde. Aber wenn es nicht so gut läuft, dann auch mal "die Schnute".  

Quelle: (Screenshot)  Youtube.com / #DeineWahl 

Merkels Lieblings-Smiley

Auf die Frage nach ihrem Lieblings-Smiley fällt die Antwort klar aus: der lächelnde. Aber wenn es nicht so gut läuft, dann auch mal "die Schnute".  

Quelle: (Screenshot)  Youtube.com / #DeineWahl 

Vielleicht aufgrund des Alters etwas souveräner als seine junge Vorgängerin mit Anfang 20 (was ich für absolut verständlich halte), bombadierte Alexander Böhm, alias AlexiBexi, Merkel mit Fragen zur Autoindustrie. Vor dem Hintergrund des fortwährenden Diesel-Skandals ein erwartbares Thema. Und auch wenn ihr gut vorbereitet wirkender Interview-Partner mehrfach nachsetzte, zeigte sich Merkel präpariert für diese Diskussion. "Die Politik muss Dinge beim Namen nennen" und die Autoindustrie müsse selbst für Wiedergutmachung sorgen. Auch räumte sie ein, dass es falsch gewesen sei, sich darauf einzulassen, dass die Tests von Abgaswerten nicht unter realen Bedingungen stattfanden.

"Können sie uns eine ehrliche Politik garantiert?" fragt AlexiBexi nachdrücklich. Ungewöhnlich konkret nennt die Kanzlerin, die sich sonst häufig allgemein gehalten äußert, zwei Punkte mit denen sie das sicherstellen möchte.

Es hat sich in der Automobilbranche zum Beispiel niemand gefunden, der einen Kleintransporter für die Deutsche Post baut. Die haben das dann selbst gemacht.

Angela Merkel / YouTube.com

Zum einen möchte sie für die Einführung von Stichproben unter Realbedingungen sorgen, sodass es für die Autohersteller schwieriger wird, bei den Abgaswerten zu tricksen. Zum anderen lade sie am 4. September all die Kommunen zu einem Gespräch ein, in denen die höchstens Stickoxidwerte gemessen werden, um gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten. Eventuell könnte diese zukünftig sogar als positives Beispiel fungieren.

Beim Thema Elektromobilität zieht der YouTuber ein Ass aus dem Ärmel, um sein Gegenüber "festzunageln": Wer verspricht, Elektromobiliät auszuweiten, der müsse auch vor der eigenen Haustür kehren. Von den Bundesfahrzeugen sollten zehn Prozent elektrisch betrieben werden, diese Quote hatte die Kanzlerin zugesagt. In der Realität fällt die Zahl wohl wesentlich geringer aus. Als Reaktion benennt Merkel zwar einzelne Kollegen, die solche Fahrzeuge fahren würden oder sogar mit dem Fahrrad zur Arbeit kämen, aber wirklich wird das Ergebnis durch diese Aussagen auch nicht.

So wie man fürs Tanken bezahlt, sollte man auch fürs Laden bezahlen.

Angela Merkel / YouTube.com

In puncto Ladestationen für Elektrofahrzeuge geht es um die Frage, warum wir hierzulande eigentlich für das Laden zahlen sollen, wenn es Beispiele im Ausland gibt, wo die Möglichkeit kostenlos angeboten wird. Anreize seien jedoch, so Merkel, durch Subventionen beim Autokauf und Befreiungen für die KFZ-Steuer bereits ausreichend geschaffen worden. Dass die Ladeinfrastruktur zunächst nur an Autobahnen von der Regierung in Angriff genommen wird, hinge damit zusammen, dass man auch den Fahrern von Benzinmotoren verpflichtet sei.

IschtarIsik: Erstwähler, Feminismus und Sexismus

Über die Wahl der dritten Interviewpartnerin war ich zunächst überrascht. Eine 21-jährige YouTuberin, die sonst nur über Mode und Beauty schreibt, soll die Kanzlerin befragen. Aber diesen Einwand räumt Ischtar Isik gleich selbst aus der Welt: "Viele trauen es mir nicht zu und kritisieren, dass meine Community zu unerfahren ist, um die richtigen Fragen zu stellen, aber genau dort sehen wir im Grunde, wo Politik die jungen Leute nicht erreicht." Was unternimmt die Kanzlerin in dieser Hinsicht? Tatsächlich ist Merkel auf Facebook und Instagram vertreten, auch in Video-Podcasts wird versucht, die jüngeren Generationen zu erreichen.

Ich finde Hass und Zuspitzung sind ein Zeichen von Unfähigkeit, Argumente richtig vorzubringen.

Angela Merkel / YouTube.com

Ein O-Ton sollte an dieser Stelle aber nicht unerwähnt bleiben, weil ich ihn für bemerkenswert halte. Angela Merkel sagt: "Ich finde es im Übrigen ziemlich blöd zu sagen, weil jemand sich vielleicht mit Beauty-Sachen beschäftigt... das heißt ja so nach dem Motto 'jemand der Friseurin ist oder der Kosmetikerin ist, der kann sich gar nicht richtig eine Wahlentscheidung erarbeiten'. Das ist ja nun wirklich absurd." Bravo, Frau Merkel, auch wenn ich mit ihnen politisch nicht immer einer Meinung bin, war das ein gerechtfertigter Hinweis. Als erstes weibliches Staatsoberhaupt Deutschlands möchte sie sich aber nicht als Gallionsfigur des Feminismus betrachten, denn sie will sich nicht Leistungen auf die Fahne schreiben, für die vor ihr bereits Frauen wie Alice Schwarzer seit Jahrzehnten gekämpft hätten.

MrWissen2go: Was denken sie, wenn sie Tweets von Trump lesen?

Die beinharten Themen hat man sich für den Schluss aufgespart: Erdogan, ein möglicher dritter Weltkrieg und Trump. Obwohl Merkel den EU-Beitritt nicht unterstützt, werden weiterhin Gespräche geführt, was viele Deutsche aufgrund des diktatorischen Verhaltens seitens Erdogan ablehnen. In diesem Zusammenhang nennt Merkel einen ganz wichtigen Punkt, der mir selbst vorher nicht klar war: Sie müsse auch an den Teil der Türken denken, der seine Hoffnungen in uns setzt.

Ich möchte auch nicht den anderen 50 Prozent in der Türkei, die auf uns hoffen, die falschen Signale senden.

Angela Merkel / YouTube.com

Während Trump und Kim Jong Un sich atomare Drohungen um die Ohren schmeißen, sieht die Kanzlerin auf Nachfrage keinen Anlass für die Sorgen um einen dritten Weltkrieg. Sprache sei etwas, mit dem man vorsichtig umgehen müsse. Auf die Frage, was sie denke, wenn sie die Tweets des US-amerikanischen Präsidenten lese, weicht sie geschickt aus. Es gebe Meinungsverschiedenheiten, aber es gebe auch Gemeinsamkeiten. Eigentlich schade, wie diplomatisch diese Antwort ausfiel. Insgeheim hätte ich mich über eine etwas authentischere Reaktion gefreut. Aber sie kann sich beherrschen.

Nicht nur ich, sondern ebenso mein Kollege Michael, hat das Interview verfolgt. Neben meiner Meinung zu dem Live-Event, hier auch sein Fazit:

Gute Sache

Klar, Angela Merkel ist ein absoluter Medienprofi und das hat man in den Interviews auch deutlich gesehen. Sie hat sich nicht festnageln lassen, unbequeme Fragen wurden gekonnt umschifft – wer politisch ein wenig informiert ist, hat heute nichts wirklich Überraschendes erfahren.

Das war auch gar nicht der Anspruch. YouTube fragt und Merkel antwortet – das Ganze hat dem abstrakten Begriff "Politik" stattdessen eine persönliche Note gegeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass man mit diesem Format Menschen erreicht, die politische Interviews ansonsten eher scheuen. Mehr als ein Einstieg ist das aber nicht.

Überrascht haben mich die YouTuber. Sie haben ihre Fragen ruhig und überzeugend vorgetragen, haben auch kritisch nachgehakt – die Herren wirkten vielleicht ein wenig souveräner. Lediglich die Twitter-Umfragen fand ich schwach: Suggestive Fragen und geringe Teilnehmerzahlen erzeugten ein verzerrtes Bild. Den Ergebnissen wurde zu viel Beachtung geschenkt, dafür dass eine kritische Einordnung fehlte.

Nur zwischen 60 % und 65 % der 18- bis 25-Jährigen beteiligten sich 2013 an der Bundestagswahl – das darf ruhig mehr werden. Wenn YouTube als Schnittstelle zwischen Politik und jungen Menschen dienen und diesen Anteil steigern kann, sage ich: Mehr davon! Merkel hat sich dem Livestream gestellt, andere Politiker dürfen gerne folgen.

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