Erst Vorleistung, dann der Ertrag

Music From The Heart – so trickste sich ein Schlitzohr zum Spotify-Millionär

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Über eine Hintertür in Spotifys Bezahlsystem ergaunerte sich ein mutmaßlicher Bulgare über eine Million US-Dollar und hat sich dem Anschein nach nicht mal strafbar gemacht. Möglich machten dies rund 1.200 Premium-Accounts, zwei Playlists und eine Bot-Armee.

Der Musik-Streaming-Dienst Spotify stellt nicht nur für große Major-Labels eine Heimat dar – auch kleineren Künstlern und Hobby-Musikern bietet die Plattform eine Anlaufstelle, um deren Werke online bereitzustellen. Musik hochladen, sich selbst als Urheber registrieren, schon können selbst kleinere Bands auf einen prominenten Link zu Spotify verweisen.

Selbst Geld verdienen ließe sich hier, zumindest theoretisch. Mindestens 30 Sekunden muss ein Track laufen, damit Spotify einen geschätzten Betrag von 0,004 US-Dollar überweist. Das heißt gleichzeitig, dass man sich auch einen Mist-Track rund eine halbe Minute antun muss, damit eine verschwindend geringe Gage für den Künstler fällig wird. Das Modell lohnt sich also nur für große Player, die in Hitlisten auftauchen, Marketing-Budget haben und sich auch auf Spotify positionieren können.

Unsere Quellen weisen darauf hin, dass der Betrug - und vergessen Sie nicht, wir vermuten, dass es ein Betrug war - vier Monate lang lief, bevor Maßnahmen ergriffen wurden.

MusicBusinessWorldwide

Trotz dieser (für kleine Künstler eher marginalen) Entlohnung ist es einem bulgarischen Playlist-Ersteller Medienberichten zufolge gelungen, Spotify "durchzuspielen" und über einen Trick eine geschätzte Summe von über einer Million Euro aus Tantiemenzahlungen zu generieren.

Bislang ist allerdings noch nicht klar, ob diese Aktion auf den bislang einzigen Verdächtigen zurückzuführen ist, oder ob hinter dieser List eine organisierte Gruppe steckt. Nach Meinung von Experten sei diese Täuschung zudem auch noch im Rahmen der Spielregeln und somit legal, wenn auch sicherlich nicht nach dem Geschmack von Spotify.

Bot-Armee und Premium-Accounts greifen 24/7 auf die Spotify-Playlists zu

Demnach soll der bulgarische 'Scammer' zunächst hunderte eigener Songs bei Spotify hochgeladen haben, um diese mithilfe von mindestens zwei Third-Party-Playlists anschließend über Monate hinweg quasi in Endlosschleife abgespielt zu haben. Die Songs hätten dem Bericht zufolge gerade einmal die minimale Länge besessen, die für eine Vergütung nötig ist. Konkret geht es vor allem um die Playlists mit dem Namen 'Soulful Music' und 'Music From The Heart', mit denen die Drahtzieher sogar zwischenzeitlich auf Platz 35 der klickstärksten Listen im weltweiten Spotify-System rangierten. Nur, wie hat er das angestellt?

Spotify Playlist Soulful mit Titeln

Die Spotify-Playlist 'Soulful' soll in einem Zeitraum von über 4 Monaten dazu beigetragen haben, den unter Verdacht stehenden Bulgaren reich zu machen. Die Echtheit dieser Liste soll vor allem die Kürze der Tracks bestätigen.  

Quelle: (Screenshot)  musicbusinessworldwide.com 

Spotify Playlist Soulful mit Titeln

Die Spotify-Playlist 'Soulful' soll in einem Zeitraum von über 4 Monaten dazu beigetragen haben, den unter Verdacht stehenden Bulgaren reich zu machen. Die Echtheit dieser Liste soll vor allem die Kürze der Tracks bestätigen.  

Quelle: (Screenshot)  musicbusinessworldwide.com 

Das britische Fachportal 'Music Business Worldwide' berichtet, dass die erfolgreiche Playlist 'Soulful Music' mit 467 Tracks bestückt war und der längste Song rund 43 Sekunden dauerte.

Monatelang soll der Urheber mithilfe einer Bot-Armee und rund 1.200 Spotify-Premium-Accounts die Listen abgespielt haben, bevor einem hochrangigen Verantwortlichen eines Major-Labels auffiel, dass hier etwas nicht stimmt. Die dauerhaften Aufrufe würden letztendlich auch die hohe Chart-Platzierung von privat erstellten Playlists erklären, die zu ihren Hochzeiten besser rangierten als jede kommerzielle Playlist der Major-Labels.

Hat das Ganze ein Nachspiel? Die Zugriffe erfolgten legal

Die Rechnung hinter dieser Masche ist also recht simpel: Bezahle 1.200 Premium-Accounts für einen Preis von ca. 12.000 US-Dollar pro Monat, lass diese mithilfe von automatisierten Programmen rund um die Uhr auf die eigenen Playlists zugreifen und generiere auf diese Weise einen geschätzten monatlichen Ertrag von mindestens 300.000 US-Dollar – ein lohnender Deal.

Im September 2017 flog der Schwindel dann auf, weil die Strategie einfach zu erfolgreich war und deshalb von den offiziellen Vergütungsbeziehern der Musikbranche erkannt wurde – nicht von Spotify selbst.

Mit insgesamt 72 Millionen Aufrufen und einem geschätzten Zeitraum von über drei Monaten erschwindelten sich die Urheber den Experten nach also einen geschätzten Betrag von über 1 Mio. US-Dollar. Die Rechnungen variieren etwas – bezieht man beispielsweise mit ein, dass die Bots in der Lage waren, bereits nach 30 Sekunden einen Track zu skippen und sich demnach nicht damit zufrieden gaben, die Playlist einfach durchlaufen zu lassen.

Spotify selbst gab zu diesem Vorfall bislang keine Stellungnahme ab, verwies aber darauf, dass man sich des Problems der Tantiemen-Erbeutung durch unsachgemäße Auslegung der Vergütungsmechanismen bewusst sei. Offen bleibt zunächst, ob es für die in Verdacht stehenden Personen ein Nachspiel hat – schließlich wurden die Zugriffe regelkonform durch die Bezahlung eines Spotify-Premium-Accounts erzielt.

Quelle: musicbusinessworldwide.com

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