Reaktion auf Kontroverse um 'Captain Marvel'

Rotten Tomatoes: Keine Votes und Kommentare mehr, bevor ein Film ins Kino kommt

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Das beliebte Film- und Serien-Portal 'Rotten Tomatoes' ändert sein Bewertungs- und Kommentarsystem: Userbeiträge sind jetzt erst nach dem Release möglich, ein Vorab-Voting wurde entfernt. Damit reagiert das Portal auf eine vorangegangene Kontroverse – und stößt bei vielen Nutzern auf wenig Gegenliebe.

Es gibt heute so viel Entertainment, so viele Filme, Serien, Bücher, Videospiele und Podcasts, dass ein Menschenleben nur ausreicht, um sich mit einem winzigen Bruchteil davon zu beschäftigen. Bewertungs- und Review-Portale wie 'IMDb', 'Rotten Tomatoes, 'Metacritic' oder 'Goodreads' boomen deshalb: Sie helfen den Usern dabei, Entertainment-Entscheidungen zu treffen – denn, Gott bewahre, niemand möchte seine wertvolle Freizeit mit Dingen verschwenden, die ihm im schlimmsten Fall nicht gefallen könnten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen sich bei solchen Bewertungen uneinig sind und unterschiedliche Sichtweisen aufeinanderprallen. Nach der Auffassung von Rotten Tomatoes kann diese Konfrontation jedoch soweit gehen, dass sie den konstruktiven Austausch behindert. Deshalb hat die Plattform nun sein Bewertungs- und Kommentarsystem geändert.

Rotten Tomatoes: Kontroverse um 'Captain Marvel' ging den Änderungen voraus

Zum einen schärfte Rotten Tomatoes den "Hype-Meter" ab: Bis jetzt durften Fans vor dem Release eines Films oder einer Serie abstimmen, ob sie sich das Ganze anschauen wollen – ja oder nein. Dieses Voting gibt es nicht mehr. Nutzer dürfen nun nur noch ihr Interesse bekunden, nicht aber ihr Desinteresse. Zum anderen erlaubt das Portal Nutzerdiskussionen ab sofort erst nach dem offiziellen Veröffentlichungstermin, nicht mehr vorher.

Neues Design bei Rotten Tomatoes

Die offizielle Position von Rotten Tomatoes stellt keinen Bezug zur Kontroverse her: Das Vorab-Voting sei entfernt worden, weil es Nutzer in die Irre führte. Dementsprechend wurde das Design angepasst.  

Quelle: (Screenshot)  Rotten Tomatoes 

Neues Design bei Rotten Tomatoes

Die offizielle Position von Rotten Tomatoes stellt keinen Bezug zur Kontroverse her: Das Vorab-Voting sei entfernt worden, weil es Nutzer in die Irre führte. Dementsprechend wurde das Design angepasst.  

Quelle: (Screenshot)  Rotten Tomatoes 

Den Änderungen ging eine Kontroverse rund um den bald erscheinenden Film 'Captain Marvel' voran, auch wenn Rotten Tomatoes diese Verbindung offiziell nicht herstellt. Brie Larson, die die Hauptrolle des Films spielt, hatte in einem Interview die Meinung vertreten, Filmkritiker seien zu oft weiße Männer und das könne die Wahrnehmung und Bewertung von Filmen in den Medien zu sehr beeinflussen, zu sehr in eine Richtung lenken. Daher wünsche sie sich in dieser Hinsicht mehr Vielfalt. Eine Auffassung, der man zustimmen kann oder nicht.

Wer aber glaubt, dass solche Aussagen kein Wasser auf die Mühlen der Onlinetrolle schütten, der kennt das Internet schlecht. Denn binnen kurzer Zeit wurde das Messageboard zum Film bei Rotten Tomatoes mit frauenfeindlichen Kommentaren geflutet. Der Anteil der Nutzer, der angab, den Film sehen zu wollen, sank von über 90 Prozent auf deutlich unter 50 Prozent. Der Internet-Mob hatte den Film auf seine Abschussliste gesetzt.

Maßnahmen heizen die Debatte noch weiter an

Die Änderungen des Bewertungs- und Kommentarsystem sind klare Reaktionen darauf. Rotten Tomatoes gibt jedoch in einem Blogpost zu verstehen, man habe den "Hype-Meter" abgeschwächt, weil er die User tendenziell verwirren könne. Er sei zu leicht mit dem eigentlichen Film-Rating der Community zu verwechseln. Dass diese Erkenntnis gerade jetzt gereift sein soll – nun gut.

Wir machen das, um die Stimmen unserer Nutzer authentisch wiederzugeben und um unsere Daten und öffentlichen Foren vor böswilligen Akteuren zu schützen.

Rotten Tomatoes, offizieller Blog

Vorabdiskussionen zu Filmen und Serien habe man darüber hinaus abgeschaltet, weil man eine Zunahme an nicht konstruktiven Beiträgen und Troll-Posts verzeichnet habe. Dies würde der "allgemeinen Leserschaft" schaden, weshalb man dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben habe. Man möchte auf diesem Wege die Authentizität der Nutzerstimme schützen und "böswillige Akteure" von der Plattform fernhalten.

Gemessen an den Reaktionen darauf hat sich Rotten Tomatoes mit diesen Maßnahmen scheinbar ein Eigentor geschossen. Denn viele User sehen sie als Zensur: In ihrer Wahrnehmung beschneide die Plattform Meinungen, die ihr nicht willkommen sind, und unterstütze eine Kultur des politisch korrekten Ja-Sagens. Das würde der Glaubwürdigkeit der Plattform schaden statt sie zu schützen.

Reaktion auf Änderungen bei Rotten Tomatoes

Die Ankündigung der Maßnahmen auf Rotten Tomatoes: Die Reaktionen der Nutzer sprechen eine deutliche Sprache.

Quelle: (Screenshot)  Rotten Tomatoes 

Reaktion auf Änderungen bei Rotten Tomatoes

Die Ankündigung der Maßnahmen auf Rotten Tomatoes: Die Reaktionen der Nutzer sprechen eine deutliche Sprache.  

Quelle: (Screenshot)  Rotten Tomatoes 

Rotten Tomatoes sieht sich also demselben Dilemma ausgesetzt wie zuletzt auch Facebook oder YouTube. Zum einen möchte man Frauenfeindlichkeit, Hatespeech und Trollen – die de facto keinen Beitrag zur Diskussion um den Film selbst leisten – verständlicherweise keine Plattform bieten, zum anderen rufen Gegenmaßnahmen sofort den Vorwurf der Zensur hervor. Es scheint so, als könne das Portal es nur falsch machen – zu gewinnen gibt es für Rotten Tomatoes in dieser Situation jedenfalls nur wenig.

Quelle: Rotten Tomatoes

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1 Kommentar
Daniel

"Wer aber glaubt, dass solche Aussagen kein Wasser auf die Mühlen der Onlinetrolle schütten, der kennt das Internet schlecht." Wieso liest man in jedem Artikel, der sich mit dem Thema außeinandersetzt, das Wort Troll? Die ganze Zeit ist davon die Rede, dass es sich bei den schlechten Bewertungen einfach nur um Tolle handelt. Aber vielleicht mal daran gedacht, dass es sich einfach nur um normale Leute handelt, die damit zum Ausdruck bringen, dass sie keinen Bock auf die rassistische Schei*e haben, die rund um den Film passiert? Rottentomatoes hat zu dem Film eine ganz einfache Frage gestellt: Willst du den Film sehen, ja oder nein? Und wenn man dann mit der Antwort nicht zufrieden ist, dann schafft man halt die Frage ab. Sorry, aber dieser Artikel ist totaler Mist. Kritische Betrachtungsweise gleich null.