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Kleine Leinwand schreibt große Dramen

Schwarm-Kunstwerk: Place ist ein einzigartiges Reddit-Experiment [Update]

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Dennie Beneke

von Dennie Beneke (@debeneke)-

Eine weiße Leinwand, zahlreiche 'Redditors' und ganz viel 'Pixel-Wars': Was sich am Wochenende zum 1. April auf der "Startseite des Internets" zugetragen hat, ist gleichermaßen beeindruckendes Sozial-Experiment wie Netzkultur in Reinform. Das Ergebnis: ein bunter Flickenteppich aus Memes und wahren Kunstwerken.

+++ (Update 03.05.2017) +++

Nach rund 72 Stunden freiem Zugang zu einer Leinwand im Subreddit "r/place" endete der Kampf um die kleinen Pixel-Kunstwerke bereits wieder. Was nach diesem verlängerten Aprilwochenende bleibt, ist eine Momentaufnahme des Internets und der Symbole, die bei der Netzgemeinde einen bleibenden Eindruck hinterließen.

Und obwohl wir bereits viele Bilder von selbst zuordnen konnten, freuen wir uns dennoch über die Mühe, die der Urheber Roland Rytz - zusammen mit über 770 weiteren Reddit-Nutzern - in die Pflege eines Atlasses gesteckt hat, der die einzelnen Kunstwerke sowohl kartografiert als auch mit wissenswerten Informationen bestückt.

Das 1000x1000 Pixel große Schwarm-Kunstwerk enthält demnach fast 1500 Bilder, die im Atlas markiert und mit Einträgen versehen wurden. Neben den jeweiligen Informationen zu den Bildern (etwa deren Bedeutungen und deren Ursprung) enthält dieser auch Wissenswertes über die Enstehung von r/place - beispielsweise über die Subreddits, in denen sich die Künstler formierten und absprachen.

Der Atlas ist wie das Bild selbst frei zugänglich. Roland Rytz gibt auf einer Unterseite an, dass er über einen Zeitraum von zwei Wochen quasi "Vollzeit und noch länger" daran gearbeitet habe. Dieses Engagement lässt uns hier in der Redaktion nur staunen. Es zeigt, mit welcher Hingabe solche Projekte entstehen und wie sie im weiteren Verlauf gepflegt werden - Respekt an dieser Stelle.

Screenshot eines interaktiven Atlasses mit Infos zum Reddit-Pixelwerk

Der interaktive Atlas zum Schwarm-Kunstwerk auf Reddit 'place' enthält interessante Informationen und Standortangaben zu den insgesamt 1493 verzeichneten Bildern.

Quelle: (Screenshot / Roland Rytz)  draemm.li 

Screenshot eines interaktiven Atlasses mit Infos zum Reddit-Pixelwerk

Der interaktive Atlas zum Schwarm-Kunstwerk auf Reddit 'place' enthält interessante Informationen und Standortangaben zu den insgesamt 1493 verzeichneten Bildern.  

Quelle: (Screenshot / Roland Rytz)  draemm.li 

+++ (Update 03.05.2017) +++

r/place: Aus anfänglichem Pixel-Brei entsteht kollaboratives Kunstwerk

Ein faszinierendes Ereignis hat sich Anfang April auf Reddit in einem seiner Subchannels abgespielt. Sei es nun Kunst oder reiner Zeitvertreib - die Art und Weise, wie sich zig Tausende von Nutzern gemeinsam einen Kampf um weiße Flächen und Pixelkunst lieferten, zeigt uns einmal mehr auf eindrucksvolle Weise, wozu das Netz und die darin agierenden Personen imstande sind.

/r/place was an amazing cultural snapshot of the internet in 2017...

_Eltanin_

Was war geschehen? Die Moderatoren des subreddits 'r/place' veröffentlichten eine weiße Leinwand, auf dem das Experiment (oder der anfängliche Aprilscherz?) anschließend für 72 Stunden seinen Lauf nehmen sollte. Jeder User, der darauf aufmerksam wurde, konnte einen farbigen Pixel aus einer Reihe vorgegebener Farbtöne setzen - insgesamt 16 Farben standen zur Auswahl, nicht mehr und nicht weniger.

Die einzige Einschränkung bestand darin, dass man zunächst 5, im weiteren Verlauf sogar 10 Minuten warten musste, bis sich der nächste Pixel platzieren ließ. Was daraus folgte, war ein anfänglicher Pixel-Brei, der sich zusehens zu einem kollaborativen Kunstwerk aus Internet-Memes, Gemälden berühmter Künstler oder Länderflaggen entwickelte.

Eine kaum überblickbare Masse aus Sub-Channels, Foren und Chats entstand, in denen sich die Netzkünstler organisierten und alles daran setzten, die eigenen Kreationen auf die weiße Fläche zu platzieren - denn schnell wurde klar: Alleine lässt sich hier nicht viel ausrichten. So schilderte es der Autor hinter dem Namen Sudoscript in seinem gleichnamigen Blog, in dem er die Geschehnisse aus seiner Sicht noch einmal zusammenfasste.

Screenshot vom Subreddit Place mit vielen Pixelkunstwerken

Auf der Leinwand des Subreddits 'Place' spielten sich über das erste Aprilwochenende zahlreiche kleine Dramen ab.

Quelle: (Screenshot / maramok)  YouTube 

Screenshot vom Subreddit Place mit vielen Pixelkunstwerken

Auf der Leinwand des Subreddits 'Place' spielten sich über das erste Aprilwochenende zahlreiche kleine Dramen ab.  

Quelle: (Screenshot / maramok)  YouTube 

Rise and fall of a Pixel-Artwork

Zum Start formten sich zunächst einfache Linien und Muster, denn jeder Pixel, der sich auf der insgesamt 999 mal 999 großen Fläche wiederfindet, wurde per Hand gesetzt. Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich erste Projekte für gemeinschaftliche Motive über 'Place' erstreckten, nachdem die Teilnehmer das kreative Potenzial dahinter erkannten. Neben diversen Pokémon- oder Anime-Figuren, einem Windows-Retro-Startmenü oder Game-Klassikern findet sich auf dem Pixel-Kunstwerk unter anderem auch ein 2D-Bild des verstorbenen Musikers David Bowie wieder.

Somehow, someway, what happened in Reddit over those 72 hours was the birth of Art.

sudoscript

Doch den Weg, den das Kunstwerk bis zu seiner finalen Form nehmen musste, war steinig und gespickt voller Dramen, wie es Sudoscript beschreibt. Er unterteilt die Teilnehmer generell in drei Gruppen - die "Creators", die "Protectors" und die "Destroyer".

Während die "Creators" (die Ersten auf der Seite) sich anschickten neue Motive zu erschaffen, setzten sich die Protectors das Ziel, bereits bestehende Motive mit anfangs simplen Farbecken wiederzuerobern. Pixel für Pixel entbrannte ein Kampf um Territorien, der zunächst mit reiner Überzahl bestritten wurde, bevor sich die Parteien auf den Schutz von Bildern verständigten.

Die Destroyers hingegen formten sich auf Unterseiten wie 4chan, um die Leinwand wie eine Art Geschwür mit einer schwarzen Pixelwolke aus der Mitte heraus zu infizieren. Sudoscript beschreibt diese Angst vor dem schwarzen "Nichts" quasi als den Hallo-Wach-Moment, den die Leinwand und die diversen Fraktionen auf ihr benötigten, um sich gegen die Bedrohung zusammenzuschließen. Gemeinsam konnten die Tausenden von Teilnehmern schließlich die kleinen Kunstwerke beschützen.

Was dabei letztendlich herausgekommen ist, könnt ihr im nachfolgenden, eindrucksvollen YouTube-Video nachverfolgen!

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