Experimente bestätigen Position

Social Bots - eine Gefahr für die öffentliche Meinung?

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von Julius Zunker -

Im Mai steht die Europawahl an. In Anbetracht von mutmaßlich durch Bots manipulierte Debatten vor der US-Wahl und der Brexit-Abstimmung stellt sich nun die Frage: Können wenige 'Social bots' tatsächlich einen Diskurs kapern und im Sinne weniger übernehmen? Mit dieser Frage hat sich ein interdisziplinäres Team der Universität Duisburg-Essen beschäftigt.

Social Bots, das sind diese oftmals beschrienen "Fake Profile", hinter denen sich keine Menschen verbergen, sondern mehr oder minder autonom agierende Programme, die Meinungen beeinflussen. Sie schlafen nicht (und trollen entsprechend 24 Stunden am Tag), ihre Botschaften sind oftmals simpel (allerdings bei weitem nicht immer) und ihre Ziele konkret. Im Sinne ihrer Betreiber sollen sie Meinung machen. Dafür vertreten sie, als menschliche Akteure getarnt, bestimmte Positionen, verbreiten Nachrichten, handeln als "Follower" oder sammeln sogar ihre ganz eigene, digitale Anhängerschaft.

Millionen Tweets durch Bots im US-Wahlkampf

Während des US-Wahlkampfs - der schlussendlich zur Wahl von Donal Trump führte - wird davon ausgegangen, dass zwischen den Midterms in 2010 und der tatsächlichen Wahl 2016 bis zu 15 Prozent aller in der Präsidentschafts-Debatte aktiven Twitter-Profile Social Bots darstellten. Durch mindestens 400.000 Bots wurden annähernd 4 Millionen Tweets abgesondert: rund 20 Prozent aller, die sich um die nächste Präsidentschaft in den USA drehten.

Der Erfolg von Bots hängt zudem stark von einer Spirale des Schweigens ab. Wer sich in der Minderheit wähnt, der äußert sich wahrscheinlich weniger aktiv oder gar nicht zu einem Thema.

Es fällt vielen Menschen schwer sich vorzustellen, dass sie sich leicht von solchen Bot-Netzwerken manipulieren lassen könnten. Björn Ross von der Universität Duisburg-Essen und sein Team haben sich genau mit dieser Beeinflussung beschäftigt: "Wie stark Bots Nutzer beeinflussen können, war bislang nicht nachzuweisen, weil die wissenschaftlichen Methoden fehlten. Wir haben daher ein Netzwerk mit tausend virtuellen Akteuren simuliert und angenommen, dass die Meinungen zu einem Thema 50 zu 50, positiv und negativ, sind. In der Hälfte der Fälle gewinnt eine Seite die Oberhand – ohne dass Bots im Spiel sind," so Ross dem österreichischen 'Standard' gegenüber.

Social Bots und die Spirale des Schweigens

"Wie erfolgreich Bots Einfluss nehmen, hängt unter anderem von drei Faktoren ab: Wie viele Verbindungen gibt es zwischen den Nutzern eines Netzwerks? Wo werden die Bots in diesem platziert, zentral oder am Rand? Und vor allem sind sie so gut programmiert, dass sie wie ein Mensch agieren?" Der Erfolg von Bots hängt zudem stark von einer Spirale des Schweigens ab. Wer sich in der Minderheit wähnt, der äußert sich wahrscheinlich weniger aktiv oder gar nicht zu einem Thema. Ross Team hat genau dies in Bezug auf Social Bots in den Fokus gefasst und dabei eine gruslige Tendenz enthüllt.

In ihren virtuellen Netzwerken zeichnete sich schnell ab, dass es lediglich zwei bis vier Prozent aktiver Bots in einem Netzwerk ausreichen, um einen Diskurs zu übernehmen. Schon dieser vermeintlich geringe Anteil an Social Bots sorgt dafür, dass reale Menschen ihre den Bots entgegenstehende Haltung lieber für sich behalten. Allein dadurch potenziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Bots sich durchsetzten. Anstatt dies nur noch in der Hälfte aller Fälle zu tun, wie in Ross’ Experimenten, setzt sich so die Position der Bots bereits in zwei Dritteln aller Fälle durch. Dank ihrer Fake-Aktivitäten kippt die Debatte durch das Vortäuschen einer gefälschten Stimmungslage.

Überzeugende Social Bots mit Lebenslauf

Schon jetzt stellen Bot-Netzwerke, in wessen Händen auch immer sie sich im Einzelfall befinden mögen, eine Bedrohung für bestehende, demokratische Systeme dar. Noch lassen sich diese "künstlichen Intelligenzen" relativ gut identifizieren. Aber sie werden immer geschickter und besser ausstaffiert.

Bereits 2014 präsentierte die NY-Times eine Reihe von sehr überzeugenden Social Bots samt Lebenslauf, coolen Freunden und ihren menschlichen "Herren". Bevor das nächste Mal also wild Posts auf Facebook oder Twitter verbreitet werden: Lieber doppelt prüfen, woher diese stammen und welche Position das ursprüngliche Profil vertritt. Andernfalls lässt man sich schneller zum Wasserträger demokratiefeindlicher Haltung machen, als es einem lieb sein kann.

Quelle: derstandard.at

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