Manipulationen von ganz oben

Social Media ist eine Waffe – und immer mehr Staaten richten sie auf ihre Gegner

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Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Längst haben die Mächtigen der Welt erkannt, welche Sprengkraft soziale Netzwerke in sich bergen. Immer häufiger missbrauchen sie Facebook, Twitter und Co. als Propaganda-Instrumente im Sinne ihrer politischen Agenda. In dieser Hinsicht sei das letzte Jahr nur der nächste Tiefpunkt in einem generellen Abwärtstrend gewesen – zu diesem Schluss kommt die jüngste Auflage einer renommierten Studie.

Seit 2009 beleuchtet die internationale NGO 'Freedom House' jedes Jahr, wie frei sich User im Internet bewegen können. Gemessen an Faktoren wie Zensur, Überwachung, Strafverfolgung und Netzverfügbarkeit werden mehr als 60 Staaten hinsichtlich ihrer "Internetfreiheit" bewertet. Der gesammelte Bericht – genannt 'Freedom on the Net' – liefert jährlich ein detailliertes Bild darüber ab, wie es um die Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz bestellt ist. Und es sah schon mal besser aus.

In mehr als der Hälfte der 65 untersuchten Staaten habe sich die Situation gegenüber dem Vorjahr demnach verschlechtert – ein Abwärtstrend, der nun bereits sieben Jahre anhält. Besonders gezielte Desinformations-Kampagnen sollen daran einen erheblichen Anteil haben. "Im Laufe des letzten Jahres haben Regierungen weltweit ihre Bemühungen um manipulierte Informationen in den sozialen Medien dramatisch verstärkt", so die Studie. In insgesamt 18 Ländern sei durch Online-Manipulationen erheblicher Einfluss auf politische Wahlen genommen worden – darunter auch die US-Präsidentschaftswahl von 2016.

Die Internetfreiheit auf einer Karte im Jahre 2017

Über 60 Staaten weltweit untersucht die Studie 'Freedom on the Net' hinsichtlicher ihrer "Internetfreiheit".

Quelle: (Screenshot)  Freedom on the Net 

Die Internetfreiheit auf einer Karte im Jahre 2017

Über 60 Staaten weltweit untersucht die Studie 'Freedom on the Net' hinsichtlicher ihrer "Internetfreiheit".  

Quelle: (Screenshot)  Freedom on the Net 

Soziale Medien geraten in den Fokus der Mächtigen

Obwohl von russischer Seite aus in den US-amerikanischen Wahlkampf eingegriffen worden sei, ziele die Einflussnahme politischer Akteure im Regelfall auf Entwicklungen im eigenen Land ab. So habe man etwa in Venezuela, auf den Philippinen oder in der Türkei auf ganz Heere sogenannter 'opinion shapers' (etwa "Meinungsformer") gesetzt. Deren Aufgabe ist es, regierungsnahe Positionen in den sozialen Netzwerken in ein positives Licht zu rücken und gleichzeitig die Opposition mit Falschmeldungen zu diskreditieren.

Das Ranking der Internetfreiheit im Jahr 2017

Das Ranking im Überblick: Estland und Island bieten ihren Bürgern das "freieste" Internet.  

Quelle: (Screenshot)  Freedom on the Net 

Das Ranking der Internetfreiheit im Jahr 2017

Das Ranking im Überblick: Estland und Island bieten ihren Bürgern das "freieste" Internet.  

Quelle: (Screenshot)  Freedom on the Net 

So scheint es auf Facebook und Co., als würden die Machthabenden in der Bevölkerung deutlich mehr Rückhalt genießen, als es tatsächlich der Fall ist. Staaten nutzen ihre Macht, um diesen Effekt zu verstärken: "Beunruhigend ist, dass staatsgetragene Manipulation in sozialen Netzwerken oft mit stärkeren Restriktion für andere Nachrichten-Medien einhergehen, was den Zugang zu objektiver Berichterstattung erschwert und die gesellschaftliche Anfälligkeit für Fehlinformationen erhöht."

Deutschland auf Platz 4

Staaten beschränken sich allerdings nicht auf den Eingriff in soziale Medien. In China habe die Regierung etwa regional gezielt den Zugang zum mobilen Internet behindert, um der tibetischen Minderheit die Kommunikation zu erschweren. Ähnlich sei in Weißrussland verfahren worden, um Live-Streamings von Protesten zu verhindern. Auch technische Angriffe auf unliebsame Webseiten oder das Verbot von VPN-Diensten gehören zum Repertoire staatlicher Internet-Freiheitsbeschränkung.

Den "freiesten" Zugang zum Netz haben übrigens die Bürger von Island und Estland – beiden Staaten teilen sich den ersten Platz im Ranking. Kanada folgt auf dem dritten Platz, Deutschland landet an vierter Stelle (auch wenn das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, der "Bundestrojaner" und die Vorratsdatenspeicherung für eine Abwertung sorgten). Den traurigen letzten Platz "sicherte" sich zum dritten Mal in Folge China, gefolgt von Syrien, Äthiopien und dem Iran.

Quelle: Freedom on the Net

Erst denken, dann liken und teilen

Ich weiß, ich weiß… Fake-News, Fake-Profile und Spam-Bots, keiner kann's mehr hören. Dabei zeigt uns 'Freedom on the Net', dass es wahrscheinlich nur noch schlimmer wird. Jeder von uns kann jedenfalls seinen Teil dazu beitragen, diesen Müll nicht noch weiter im Netz zu verbreiten. Bevor ihr auf Facebook oder sonst wo einen vermeintlich skandalösen Artikel, ein vermeintlich skandalöses Bild teilt, geht kurz in euch. Fragt euch: Wem nützt dieser Text? Wer profitiert davon, dass dieser Sachverhalt so und so dargestellt wird? Wird die Behauptung in irgendeiner Form belegt?

Wut und Empörung sind starke Emotionen, sie überstimmen im Affekt den Verstand und lassen uns Kurzschlussentscheidungen treffen. Das wissen auch diejenigen, die Falschmeldungen konstruieren, ganz genau. Je größer also der Schock-Faktor, desto besser. Fallt nicht darauf herein – erst denken, dann liken und teilen.

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