Videos am laufenden Band

Stress und Burnout - das Bild vom Traumberuf YouTube-Star bröckelt

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Immer mehr YouTuber sprechen laut eines Berichts des Guardians von großem Stress und Leistungsdruck - psychische Krankheitssymptome sind nicht selten die Folge. Depressionen, Burnout und große Konkurrenz: Kann man noch vom "Traumberuf" YouTube-Star sprechen oder verheizen Plattformen ihre Künstler?

Traumjob YouTuber - für viele Kreative, freischaffende Künstler, Rampenlicht-Junkies oder Personen, die den "neuen" Idolen hinterhereifern wohl die Möglichkeit schlechthin, sich selbst oder seine Arbeit der breiten Masse zu präsentieren. Und das Beste daran: Niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Kein Chefredakteur für gesprochene Zeilen, keine Kontrollinstanz, die Änderungen am Videomaterial verlangt oder beispielsweise ein Musikstück als "nicht Mainstream-tauglich" abkanzelt. Einfach sein eigenes Ding durchziehen, posten und auf das Feedback der Zuschauer warten. Wenn's gut läuft, trifft der Beitrag direkt einen Nerv und geht viral - beste Voraussetzungen für eine steile Content-Creator-Karriere auf dem Rücken des YouTube-Algorithmus, der es belohnt, wenn Videos große Aufmerksamkeit erhalten.

Das Publikum erwartet Konsistenz. Sie erwarten Frequenz. Ohne diese ist es unglaublich einfach, vom Radar zu verschwinden und die Gunst des Algorithmus zu verlieren, der dir deine Flügel gab.

Matt Lees | The Guardian

Doch während Videos und Selbstvermarktung der YouTuber gerne ein vergnügtes, meist überdankbares Bild der Protagonisten darstellen, rücken die Schattenseiten dieses Geschäfts gerne mal in den Hintergrund und kommen erst zum Vorschein, wenn die Personen hinter dieser Fassade ins Wanken geraden. Denn: Erfolg gibt es auch bei YouTube nicht geschenkt, sondern geht nicht selten mit stetigem Leistungsdruck, Verlustängsten, dem Gefühl des Scheiterns und den daraus resultierenden psychischen Erkrankungen einher, wie beispielsweise Depressionen und Burnout-Symptomen. Dies fand der britische 'Guardian' unter anderem im Gespräch mit diversen YouTubern heraus, die (wie Matt Lees) über Erwartungsdruck, dem Druck kreativ zu sein und die Folgen von kleinsten Drehpausen sprechen.

Hoch fliegen, tief fallen – Leistungsdruck und die Spielregeln der Plattform

"Es ist eines der toxischsten Dinge: Der Punkt, an dem man zusammenbricht, ist der Punkt, an dem der Algorithmus einen am meisten liebt", so Lees über sein Verhältnis mit der Arbeit als Vollzeit-YouTuber.

Immer mehr YouTuber klagen über Stresssymptome, Depressionen und Burnout, wie der Guardian berichtet. Es sei nicht nur der ständige Druck am laufenden Band Videos zu produzieren, sondern ebenso die Schnelllebigkeit der Plattform: Wenn man nicht nach YouTubes Spielregeln spielt, wird man abgestraft - nicht nur für kleine Kanäle geschäftsschädigend und existenzbedrohend.

Erzielt ein Video schnellen Erfolg, belohnt YouTube dies in der Regel mit Aufmerksamkeit, spült Zuschauer, Abonnenten und somit Geld zu den Produzenten. Doch wer hoch fliegt, kann ebenso leicht wieder auf den Boden aufschlagen, berichten die interviewten Personen aus unterschiedlichen Perspektiven. Matt Lees (YT-Channel Cool Ghosts) berichtet über 20-Stunden-Tage, in denen er um die Gunst der Fans und des Algorithmus buhlte - immer mit der Angst im Nacken, bei der kleinsten Pause "vom Radar zu verschwinden".

[Der Guardian porträtiert unter anderem auch die junge YouTuberin Elle Mills, die sich mit ihrer erst kürzlich gestarteten YouTube-Karriere nach eigenen Aussagen einen Lebenstraum erfüllte. Nur um kurz darauf an Burnout zu erkranken – Druck, Stress und das Warten auf den Absturz machten die YouTuberin krank.]

Ebenso kritisch äußert sich einer der momentan erfolgreichsten Twitch-Streamer überhaupt: Ninja, der durch den Battle-Royal-Boom rund um 'Fortnite' mithilfe der Streaming-Plattform zu Ruhm und Reichtum gelangte. Jedoch nicht ohne Folgen, wie er angibt. Eine Pause von 48 Stunden bescherte ihm demnach ein Abrutschen der Abonnentenzahlen von rund 40.000 Personen – drastische Zahlen für ein einziges Wochenende Pause.

Jammern auf hohem Niveau könnte man dem Jungen Gaming-Streamer jetzt vorwerfen, der sich auch auf Twitter über diesen Umstand beschwerte. Vor allem, wenn man diesem Umstand seine kolportierten wöchentlichen Einnahmen mit rund 500.000 US-Dollar gegenüberstellt. Viel Verständnis konnte er dafür jedenfalls nicht ernten. Doch dass auch Geld oder finanzielle Unabhängigkeit nicht vor Depressionen, Druck oder Verlustängsten schützen und Krankheiten keine Rücksicht auf rationale Ansichten nehmen, wird oft nicht berücksichtigt.

Die Begeisterung für diesen Berufszweig wird so schnell jedenfalls nicht abebben, auch nicht nach kritischen Worten der Content-Lieferer. Zu verlockend scheinen die große Plattform und die Chance, ein wesentlicher Influencer für heranwachsende Generationen zu sein - sei es aus idealistischen, monetären oder selbstdarstellerischen Gründen. Der enorme Leistungsdruck hat jedoch der Fassade und der Bezeichnung "Traumjob" deutliche Risse verpasst.

Quelle: theguardian.com

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