Erst denken, dann teilen

Studie beweist: Auf Twitter verbreiten sich Fake News 6 Mal schneller als Fakten

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von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Bots sind Schuld an dem Fake-News-Debakel in sozialen Medien? Falsch, sagt eine aktuelle Studie des 'MIT'. Ganz normale Nutzer verbreiten die falschen Nachrichten sehr viel energischer, denn mit den meist originellen Falschmeldungen lassen sich prima Aufmerksamkeit und Anerkennung generieren.

'Fake News' sind nicht nur für die seriöse Presse ein riesiges Problem. Einerseits nutzen Populisten (und sogar mächtige Staatsoberhäupter) dieses Schlagwort als schnell verfügbare Ausrede, um per Holzhammermethode unliebsame aber fundierte Berichterstattung mundtot zu machen. Andererseits sind tatsächlich gefälschte Nachrichten ein ernstzunehmendes Phänomen in einer Informationsgesellschaft, in der Nutzer nur noch selten Zeit oder Lust haben, jede Nachricht einem Faktencheck zu unterziehen - und den Unsinn im Zweifel lieber glauben als ihn in Frage zu stellen.

Fake News verbreiten sich sechs Mal so schnell

Die Schuld an der massenhaften Verbreitung solcher Unwahrheiten hatte man bisher häufig automatischen Bot-Netzwerken in die Schuhe geschoben. Doch wie sich jetzt herausstellt, haben wir Menschen uns die Misere selbst eingebrockt. Wie eine Forschergruppe des 'MIT' jetzt herausgefunden hat, verbreiten sich falsche News auf Twitter hauptsächlich durch Retweets und Likes von echten Nutzern. Diese würden Fake News mit einer um 70 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit teilen als Fakten.

Denk nach, bevor du retweetest.

Deb Roy, MIT

Mehr noch: wahre Geschichten hätten im Schnitt sechs Mal so lange gebraucht wie nachgewiesenermaßen Falsche, um 1.500 Nutzer zu erreichen. Bot-Accounts hingegen verbreiteten Fake und Falschmeldungen in etwa gleichem Maße.

Untersucht hatten die Wissenschaftler 126.000 Tweets inklusive Kommentaren, die insgesamt 4,5 Millionen Mal von circa 3 Millionen Menschen geteilt wurden. Um falsche von echten News zu unterscheiden, seien sechs Faktencheck-Organisationen mit ins Boot geholt worden.

Mit Fake News lässt sich Aufmerksamkeit viel schneller generieren

Doch wie entsteht dieses bemerkenswerte Ungleichgewicht? "Fake News sind meist origineller als echte Nachrichten, und originelle Informationen werden prinzipiell viel eher geteilt", erklärt Sinan Aral, Co-Autor und Professor an der MIT Sloan School of Management. In sozialen Netzwerken generierten Nutzer durch originelle Informationen zudem Aufmerksamkeit - seien sie nun falsch oder wahr. "Nutzer, die solche Nachrichten teilen, gelten dann als besonders gut informiert", weist der Wissenschaftler auf einen für viele Social-Media-Nutzer wünschenswerten Umstand hin.

Die Ergebnisse der Studie hatten selbst die Autoren in dieser Form nicht erwartet. Die Forscher seien angesichts der Zahlen "irgendwo zwischen überrascht und schockiert" gewesen, kommentiert Deb Roy, ebenfalls Co-Autor des Papiers. Die Funde auf Twitter legten außerdem nahe, dass es in anderen sozialen Medien ähnlich zuginge. Dies müsse aber erst gewissenhaft untersucht werden, wofür bislang aber noch die Forschungsmittel fehlten. Bis diese bewilligt werden, helfe laut Roy wohl nur eines: "Denk nach, bevor du retweetest."

Quelle: MIT News

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