Aus Colt mach Wasserpistole

Twitter entschärft Pistolen-Emoji - konsequent oder Quatsch?

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Dennie Beneke

von Dennie Beneke (@debeneke)-

Wenn Twitter das Pistolen-Emoji plötzlich in ein Wasserpistolen-Symbol ändert, passiert das in der Regel nicht nur, um mehr Kids für die Plattform zu begeistern. Ist dieses als Statement zu verstehende Signal jetzt angebracht oder übertrieben, hilft es Betroffenen oder verharmlost es die eigentlichen Probleme? Und was passiert nun mit dem Bombe-, Messer- oder Totenkopf-Emoji?

Twitter hat im Kampf gegen Gewalt, Hetze und Mobbing nun ebenfalls ein Zeichen gesetzt und tauscht im neuesten Emoji-Update 'Twemoji 2.6' das Schusswaffen-Symbol gegen ein harmloses Wasserpistolen-Emoji aus. Diese Entscheidung wird als politisches Statement angesehen, um gegen die eigenen Missstände auf der Plattform anzugehen – auch Twitter kämpft seit je gegen Hassrede, Bedrohungen, Verunglimpfungen und Belästigung innerhalb der Community. Der Micro-Blogging-Dienst reiht sich neben Samsung und WhatsApp in die Liste der 'Pistol Emoji'-Gegner ein, dessen Ursprung von Apple begründet wurde.

Twitter folgt auf Apple-Kampagne gegen weitere Gewehr-Emojis

Bereits Mitte 2016 hatte sich der Technologiekonzern grundlegend dafür eingesetzt, auf die Aufnahme von zwei weiteren Gewehrsymbolen durch das Unicode-Konsortium zu verzichten – auch, wenn die gemeinnützige Organisation hinter dem Unicode-Standard stets betonte, dass es sich bei diesen Emojis um Sportsymbole handele.

Apple löste damit eine kontroverse Diskussion aus, denn Kritiker merkten damals bereits zu Recht an, dass dessen Dienste mit der Pistole selbst ein Waffen-Emoji enthalten würden. Die Kampagne war dennoch erfolgreich und Apple änderte zudem sein Colt-Symbol in ein Kinderspielzeug – das Wasserpistolen-Emoji, das nun auch Twitter einführt.

Doch während Twitter, Apple und WhatsApp auf die Emojis verzichten, setzen Unternehmen wie Google, Microsoft, Mozilla und Facebook weiterhin auf den Revolver. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich – Microsoft beispielsweise will den Unicode-Standard nicht zu sehr unterspülen, Google ist "überzeugt von der plattformübergreifenden Kommunikation" (was auch immer das in diesem Zusammenhang bedeutet), für andere ist es vielleicht schlichtweg kein Thema oder nicht relevant genug, um sich deswegen kontrovers ins Gespräch zu bringen.

Pistole und Wasserpistole als Emoji

Rechts seht ihr, wie das Pistolen-Emoji künftig auf Twitter aussieht - aus Colt wird Kinderspielzeug. Konsequent oder Quatsch?

Quelle: (Screenshot)  blog.emojipedia.org 

Pistole und Wasserpistole als Emoji

Rechts seht ihr, wie das Pistolen-Emoji künftig auf Twitter aussieht - aus Colt wird Kinderspielzeug. Konsequent oder Quatsch?  

Quelle: (Screenshot)  blog.emojipedia.org 

Pro | Contra – richtige Entscheidung, aus dem Colt eine Wasserpistole zu machen?

Wer ist denn nun der moralisch Korrekte? Die Unternehmen, die sich "freiwillig" oder als Reaktion auf Missstände auf der eigenen Plattform gegen die Symbole entscheiden? Firmen, die diesen Schritt als politisches Statement gegen Gewalttaten, Schießereien an Schulen oder digitalen Hass nutzen? Oder die, die sich dem Thema entziehen und somit indirekt ein Statement für die Wertefreiheit von Symbolen setzen?

Hilft es Betroffenen, wenn jetzt Wasserpistole statt Schusswaffe auf einen bedrohlichen Text folgen, oder bleibt der Kern der Nachricht der Gleiche? Und was ist mit den anderen Emojis – der Bombe, dem Messer oder dem Totenkopf?

(@deBeneke)
#Pro | Richtig so! Twitter übernimmt Verantwortung

Wenn sich soziale Medien wie Twitter dazu entschließen auf ein Pistolen-Emoji zu verzichten, nehmen sie sich ihrer Plattform- und Community-Verantwortung an. Für mich geht es bei diesem Zeichen nicht um die Nebelkerze eines in der Kritik stehenden Netzwerks oder um späte Anteilnahme an früheren Vorkommnissen und die Konsequenz daraus – selbst, wenn diese Vermutungen nahe liegen. Für mich ist es vielmehr ein Statement für ein besseres Miteinander auf Plattformen, die mehr und mehr durch Hetze und Negativschlagzeilen auffallen, als durch ihre im Kern lobenswerten Prinzipien, Leute miteinander zu vernetzen.

Ich für meinen Teil halte diese Symbole auf einem sich immer weiter von guten Manieren verabschiedenden Medium schlicht für verzichtbar – man versetze sich nur mal in die Lage derer, die bereits Opfer solch negativer Symbolik geworden sind. Natürlich: Das Grundproblem löst man damit nicht – es verharmlost auch nicht bedrohliche Texte -, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wer an dieser Stelle die Freiheit des Internets bedroht sieht, vergisst leider, dass auch Plattformen wie Twitter, Facebook und Co. digitales Hausrecht besitzen – es also Twitters gutes Recht ist - und das dieser Schritt keineswegs die Meinungsfreiheit ankratzt, wenn Plattformen mit solchen Zeichen für mehr Netiquette und allgemein anständigen Umgangston einstehen.

(@hardtboiled)
#Contra | Die Änderung des Emojis ist doppelzüngig und feige

Totenkopf-Smiley, eine Bombe mit brennender Lunte, Sarg, Zombie und Messer. Für Twitter überhaupt kein Problem, und für mich auch nicht. Warum auch? Niemand mit einem Fünkchen Verstand würde sich allein durch das Vorhandensein dieser Emojis zum Absetzen eines Hass-Postings verleitet fühlen. Das Pistolen-Bildchen ist dem Kurznachrichtendienst aber plötzlich zu heikel. Das ist doppelzüngig und feige.

Twitter versucht sich damit offensichtlich aus einer imaginären Schusslinie (pun intended) zu schlängeln, um sich zusätzlich zu den hinlänglich bekannten Problemen auf der Plattform nicht auch noch den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, zu unsensibel auf die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in den USA zu reagieren. Es nützt ja nichts, die Augen davor zu verschließen: Waffen gehören jenseits des großen Teichs zum Alltag, ja, oft zum Lebensgefühl. Echte Feuerwaffen gehen dort vermutlich häufiger über den Ladentisch, als wasserspritzende Spielzeuge, traurig aber wahr.

Die Verschleierung des Pistolen-Emoji ist scheinheilig, bestenfalls halbherzig und es hilft niemandem. Schon gar nicht denen, die auf Twitter Opfer von Cybermobbing geworden sind. Und selbst wenn man guten Willen unterstellt: Nutzer, die das Pistolen-Emoji bislang in Hassrede-Posts verwendet haben, werden dies auch weiterhin tun. Der neue Anstrich des Emojis wird daran überhaupt nichts ändern.

Quellen: blog.emojipedia.org, techcrunch.com

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