digitale Themen, leicht verständlich.

Folter und Vergewaltigung via Livestream

Verbrechen vor laufender Kamera: Facebook-User als Augenzeugen

Geschätzte Lesezeit: ca. 3 Minuten

Foto von Sandra Spönemann

von Sandra Spönemann (@die_spoent_wohl)-

Zuschauen statt helfen: Von Hilfeleistung konnte wohl kaum die Rede sein, als in Chicago mehrere Facebook-Nutzer den Livestream einer Gruppe Jugendlicher verfolgten, die eine 15-Jährige vor laufender Kamera vergewaltigten. Die Zahl der Täter, die sich mit ihren Verbrechen auf Social-Media-Kanälen brüsten, nimmt zu.

Am Dienstag fand die Chicagoer Polizei ein junges Mädchen, das seit Sonntag von ihrer Familie vermisst wurde. Die Mutter hatte sich am Tag zuvor an den Superintendent der zuständigen Polizei gewandt und zeigte ihm Bilder aus dem grausamen Live-Streaming-Video, das bereits durchs Internet geisterte und gut 40 Zuschauer vorwies. Obwohl das "Publikum" Augenzeuge der Gruppen-Vergewaltigung durch sechs Männer wurde, rief (so der Onkel des Opfers gegenüber den Medien) nur eine einzige Person die Polizei. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist die Teenagerin mittlerweile wieder zu Hause bei ihrer Mutter.

Nicht der erste Fall von Live-Verbrechensübertragung via Facebook

Zu Beginn des Jahres wurde bereits ein anderer Fall bekannt, in dem vier Personen einen mutmaßlich geistig Behinderten entführten, fesselten und ihm Gewalt antaten - ebenfalls in Chicago. Auch diese Gruppe filmte die grausamen Früchte ihrer kriminellen Energie - die Täter waren zum Teil selbst im Video zu sehen – unmaskiert.

Insgesamt war ihr Livestream fast eine halbe Stunde lang

Die Motive der Peiniger könnten neben Sadismus auch im Hass gegenüber der weißen Bevölkerung begründet liegen. Im Video riefen sie mehrfach "Fuck Donald Trump!" und "Fuck white people!". Insgesamt war ihr Livestream fast eine halbe Stunde lang und zeigte unter anderem, wie sie das Opfer traten und auf ihn einschlugen. Laut Chicago Tribune wurden seit Oktober 2016 mindestens vier derartige Straftaten in der US-Stadt begangen und auf Facebook live gestreamt.

Kein reines US-Phänomen: Gruppenvergewaltigung in Schweden

Auch wenn die angeführten Taten in den USA verübt wurden, ist dies kein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Zu Beginn des Jahres bestürzte die Echtzeit-Übertragung einer Gruppenvergewaltigung im schwedischen Uppsala das nordeuropäische Land. Der Livestream wurde in einer geschlossenen Gruppe mit 60.000 Nutzern ausgestrahlt, sodass zum Teil 200 User gleichzeitig der stundenlangen Qual einer 30-jährigen Frau zuschauten. Die Täter setzten das Opfer unter Drogen, damit sie keine Chance hatte sich zu wehren.

Neben Facebook nutzten die Täter auch Snapchat, um ihr Foto- und Filmmaterial im Internet zu verbreiten und ihr Opfer zu demütigen. Allerdings riefen in diesem Fall mehrere User, denen der Livestream auf Facebook auffiel, die Polizei, sodass diese noch während der Übertragung den Ort des Verbrechens ausfindig machte, die Wohnung stürmte und die Männer festnahm.

Die Forderung nach mehr Regeln auf Social-Media-Portalen wird lauter

Während es zumindest ein erklärtes Ziel von Facebook ist, Frieden und einen respektvollen Umgang der globalen Community zu fördern und Gewalt zu bekämpfen, werden die Online-Tools der Plattform gerne für gegenteilige Interessen benutzt (siehe auch: "Fake-News: Facebook will Betrüger vom Advertising-System ausschließen"). Der Konzern half zwar dabei, die Videos der genannten Verbrechen auf Facebook zu entfernen, aber das dürfte für die Opfer nur ein geringer Trost sein.

Mit einem neuen, intelligenten Algorithmus versucht Facebook dem kriminellen Content Herr zu werden und sowohl der Kommunikation von Terroristen als auch Hass-Predigern auf die Spur zu kommen, um deren Beiträge und Profile zu löschen. Im Fall von Livestreams liegt die Schwierigkeit dieses Unterfangens auf der Hand: Die Auswertung müsste unglaublich schnell sein und die KI müsste in der Lage sein, Postings selbstständig zu löschen. Bisher markiert die intelligente Software lediglich bedenkliche Inhalte, sodass Mitarbeiter diese im Anschluss überprüfen können. Der Prozess dauert bei Übertragungen in Echtzeit viel zu lange.

Was meint ihr: Sind Tools wie das Live-Streaming so wichtig, dass man ignorieren kann, wofür sie leider manchmal missbraucht werden? Seht ihr Facebook in der Verantwortung oder trägt das Portal keine Schuld?

Hier erfährst du mehr über: Facebook und Video-Streaming

Sag uns deine Meinung!