Gadget Confusion

Verwirrung um smarte Gadgets – verstehen wir unsere Technik nicht mehr?

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von Dennie Beneke (@debeneke)-

Einer Studie zufolge kämpfen zahlreiche Menschen mit der sogenannten 'Gadget Confusion' – zu viele Tasten, Symbole und Funktionen an smarten Geräten, Verwirrung vorprogrammiert. Nehmen Hersteller die Nutzer nicht genug an die Hand oder sind wir einfach nicht gewillt, mit technologischen Innovationen Schritt zu halten?

Vor einigen Wochen saß ich auf der Terrasse von Freunden, als pünktlich um 23 Uhr ein Piepen ertönte. "Irgendwas klingelt da in eurer Küche", meinte ich nach einiger Zeit, weil niemand Anstalten machte, etwas dagegen zu unternehmen. "Ja, das ist der Wecker unseres Herds. Der bimmelt jeden Abend um diese Uhrzeit, geht aber gleich wieder aus", entgegnete man mir fast gleichgültig. Die Technik hatte gewonnen – dutzende Versuche, dieses Problem zu beheben und einiges an Frust später, ist das Piepen sogar Teil der Abendroutine geworden.

So viele Funktionen, dass man ohne Anleitung kaum noch durch das Menü-Wirrwarr durchsteigt.

Es ist schon komisch: Alles ist oder wird "smart", um das Leben zu erleichtern. Digitales Touch-Bedienfeld statt analoger Knöpfe, zig Einstellungen für den perfekten Garpunkt und direkter Draht zum Smartphone, um nicht mal vom Sofa aufstehen zu müssen. So viele Funktionen, dass man ohne Anleitung kaum noch durch das Menü-Wirrwarr durchsteigt, um Alarm- oder Uhrzeiteinstellungen zu verändern. Meine angebotene Hilfe scheiterte dann im Übrigen ebenfalls kläglich, und für das Studium der (nicht gerade dünnen) Anleitung war es mir dann doch etwas zu spät.

Wieso ich das an dieser Stelle anführe? Weil ich der Auffassung bin, dass dies kein Einzelfall ist und die Briten gerade mit einer aktuellen Studie in die gleiche Kerbe schlagen. Die Rede ist hier von der sogenannten 'Gadget Confusion' – einer Umschreibung dafür, dass Millionen britische Anwender von den zahlreichen Symbolen, Tasten und Optionen an ihren Geräten verwirrt sind.

Studie macht Zeit als einen wesentlichen Faktor aus

Zu verwirrend, zu wenig Zeit sich Anleitungen durchzulesen, keine Zeit oder keine Lust sich ewig durch Optionen, Einstellungen oder Funktionen zu tippen – die Umfrageteilnehmer sind von den immer neuen und immer vielseitigeren Gadgets schlichtweg reizüberflutet. Und das, obwohl uns der technologische Fortschritt doch eigentlich das moderne Leben erleichtern soll, anstatt abzuschrecken.

Vor allem der Faktor Zeit scheint ein ausschlaggebender Grund zu sein, weshalb zwar fast die halbe Nation auf smarte Gadgets setzt, im selben Atemzug aber auch die gleiche Personengruppe zu Protokoll gibt, dass die intelligente Technologie zu kompliziert sei, um sie im Alltag leicht zu verwenden.

Drei Viertel der Befragten gaben an, von Gadgets verwirrt zu sein – wohl auch, weil ein großer Prozentsatz erst gar nicht die Zeit finde, die Anleitung zu lesen. Über ein Drittel könne sich daraufhin erst gar nicht die Mühe machen, nach dem Motto 'Trial and Error' so lange herumzuspielen, bis die richtigen Einstellungen oder Funktionen ans Tageslicht kommen.

High-End-Smartphone, doch kaum jemand schaut weiter als WhatsApp?

Basiswissen über intelligente Speaker, Mikrowellen mit vorprogrammierten Einstellungen oder Thermostate, die das Heizen vereinfachen sollen - bei einer nicht gerade kleinen Gruppe von Anwendern ist dieses grundlegende Know-How nicht vorhanden, weshalb die smarten Geräte ihren Nutzen kaum entfalten können.

Nicht nur ein Problem der Briten, denn auch bei uns will der Hype um das 'Internet der Dinge' nicht so recht zünden.

Die Studie fand zudem heraus, dass viele Nutzer auf dem Weg zur sinnvollen Handhabung hauptsächlich raten, weil der Weg dorthin einfach zu kompliziert sei. Das sei dann auch der Grund, warum der durchschnittliche Brite gerade einmal 26 Prozent seiner Smartphone-Apps und Einstellungen nutzt. Allein die Frage, ob dies die Schuld der Nutzer sei, oder einfach an den Herstellernliegt, denen die Nähe zum Endanwender fehlt, wird in der Studie nicht geklärt.

Tom Guy, der Auftraggeber der Studie und 'Global Product Director' bei 'Centrica Hive', findet die Entwicklung bedenklich, weil Innovation genau das Gegenteil bewirken solle, als dass sich Menschen von Technik abwenden. "Unsere Forschung zeigt, wie sich das moderne Leben von einer Reihe von Briten entfernt, die einfach keine Zeit oder die Geduld haben, sich mit ihrer Technik vertraut zu machen, obwohl intelligente Geräte wie Thermostate, Kameras und Sensoren doch eigentlich geschaffen werden, um das Leben leichter zu machen und Seelenfrieden zu geben."

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"Gadget Confusion"

Obwohl die Studie nur Briten betrifft, bezweifle ich, dass die Ergebnisse bei uns drastisch anders ausfallen würden. Oder haben wir mehr Zeit und dadurch die nötige Geduld? Die Personen meines Alltags beweisen mir das Gegenteil.

Entwickelt sich die Technik nun schneller, als ein Großteil der breiten Öffentlichkeit in der Lage ist Schritt zu halten oder sind wir einfach nur nicht gewillt genug, uns dem Tempo dieser – eigentlich als Erleichterung gedachten - Technologien anzupassen? Vielleicht ist es etwas von beidem, auch auf der Grundlage, dass es nicht wenig Interesse und eben Zeit benötigt, um mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.

Für meine Begriffe ist dies kein vornehmliches Problem der Briten, denn auch hierzulande will der oft zitierte Hype um das 'Internet der Dinge' (noch) nicht so recht zünden. Sofern das Vertrauen steigt und der Mehrwert immer deutlicher wird, steigt auch das Verständnis. Doch am Ende muss man sich auch die Zeit nehmen, um überhaupt ein generelles Verständnis aufzubauen – wie immer, wenn man sich neuen Dingen widmet. Von alleine geht es nicht, denn auch mit gewisser Vorbildung als Tech-Redakteur heißt das nicht automatisch, dass ich gleich den Wecker des smarten Herds abgestellt bekomme. Asche auf mein Haupt? Nein, ich trinke lieber noch ein Bier in Gesellschaft meiner Freunde – alles halb so wild.

Quelle: independent.co.uk

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