Eine Million Webseiten analysiert

Werbung und Tracking sind schuld, dass Webseiten langsam laden

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Wenn es im Netz mal wieder länger dauert, dann sind wahrscheinlich Werbung und Analyse-Programme dafür verantwortlich – das ist das Ergebnis einer Untersuchung eines ehemaligen Google-Mitarbeiters. Allein mit Ad-Blockern ist das Problem aber nicht zu lösen.

Viele User dürfen heute mit Geschwindigkeiten von 50, 100 und noch mehr MBit durchs Netz rasen (dass sich Deutsche in ländlichen Regionen oft mit einem Zehntel davon begnügen müssen, steht auf einem anderen Blatt). Trotzdem bauen sich einige Webseiten nach wie vor im Schneckentempo auf, obwohl selbst 4K-Videos ohne Verzögerung gestreamt werden können. Eine neue Untersuchung zeigt, warum das so ist.

Treten mächtig auf die Bremse: Werbe-Netzwerke und Tracking-Tools

Bevor er sich mit einer Beratungsfirma für Webperformance selbstständig machte, war Patrick Hulce bei Google im Bereich Browser-Performance tätig. Er beschäftigte sich also schon dort professionell mit der Geschwindigkeit von Browsern und Webseiten. Nun hat er eine Million (!) beliebte Webseiten analysiert (am Desktop sowie Mobile) und untersucht, welche Codezeilen und welche Seitenbestandteile die längste Ladezeit beanspruchen. Seine Einschätzung ist eindeutig: Im Schnitt entfallen etwa 60 Prozent der Ladezeit auf Skripte (kleine Programme) von Drittanbietern, die Werbung bereitstellen und platzieren oder das Nutzerverhalten analysieren.

Anders ausgedrückt: Wenn man eine Webseite ansteuert, werden diese kleinen Anwendungen aktiv, die auf Dienste und Datenbanken außerhalb der Webseite zurückgreifen. Sie sollen entscheiden, welche Werbung vermutlich am besten zum jeweiligen Nutzerprofil passt und beispielsweise festhalten, wie der User die Seite bedient, welche Werbung er eventuell interessant findet, welche Social-Media-Kanäle er nutzt – diese Vorgänge nehmen über die Hälfte der Ladezeit in Anspruch. Zum Einsatz kommt dabei die Programmiersprache 'JavaScript', die nicht nur für Werbung und Tracking genutzt wird, sondern Webseiten auch interaktiver und dynamischer macht.

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Werbe-Netzwerke, die Anzeigen bereitstellen oder Nutzerreaktionen analysieren. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Integrierung von sozialen Netzwerken in Webseiten. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Allgemeine Tracker, die Browser- und Nutzerverhalten verfolgen und analysieren. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Werbe-Netzwerke, die Anzeigen bereitstellen oder Nutzerreaktionen analysieren. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Integrierung von sozialen Netzwerken in Webseiten. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Browser-Geschwindigkeit, langsam durch Werbung und Tracking

Allgemeine Tracker, die Browser- und Nutzerverhalten verfolgen und analysieren. Zeitverzögerung pro Dienst in Millisekunden.

(Screenshot)  Third Party Web 

Googles Werbe- und Analysedienste verschlingen dabei insgesamt die meiste Zeit – das liegt aber vornehmlich daran, dass sie mit Abstand am häufigsten verwendet werden. Ähnliches gilt für die Tracker von Facebook und anderen Social-Media-Portalen. Kommen 'Google/Doubleclick Ads' oder 'Google Tag Manager' zum Einsatz, verlängert sich die Ladezeit einer Seite beispielsweise jeweils um etwa eine Drittelsekunde. Das sind akzeptable Werte.

'WordAds', ein Tracking-Service der Plattform Wordpress, verzögert den Seitenaufbau hingegen allein um 2,5 Sekunden. Selbst wenn eine Wordpress-Seite also auf Höchstgeschwindigkeit getrimmt ist, macht dieses Skript alle Mühen zunichte. Das Problem wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass in der Regel mehrere solcher Tracker und Services in Kombination zum Einsatz kommen. So wird aus vielen kleinen eine große Verzögerung.

Ad-Blocker sind nicht des Rätsels Lösung

Natürlich hängt die Surfgeschwindigkeit von vielen Faktoren ab, wie auch Ex-Googler Hulce betont: Die Bandbreite, die Menge der angeforderten Daten (etwa bei Videos) oder die Leistungsfähigkeit der Hardware können die Ladezeit ebenso beeinflussen. Trotzdem spielen Werbung und User-Tracking eine dominante Rolle, weshalb Hulce fordert, dass bei der Entwicklung dieser Tools ein größerer Fokus auf ihre Effizienz gelegt werden sollte.

Einfach mal ausprobieren

Am besten begreifen lässt sich das Problem im Selbsttest: Ladet einen Adblocker herunter und deaktiviert in eurem Browser außerdem JavaScript (in den Einstellungen oder per Add-on). Jetzt surft Wikipedia oder Reddit an – so schnell kann Internet sein. Doch die Freude währt nur kurz: Viele Webseiten funktionieren dann nur eingeschränkt, YouTube oder Facebook überhaupt nicht mehr.

Ad-Blocker tragen übrigens nur bedingt zur Lösung des Problems bei. Zwar können sie die Ladezeiten teils deutlich verkürzen, doch manchmal erreichen ihre Nutzer auch unfreiwillig das genaue Gegenteil: Manche Webseiten erkennen die Werbeblocker und leiten aufwendige Gegenmaßnahmen ein, um den Blocker zu überlisten – was mehr Zeit verschlingen kann als die herkömmliche Werbung selbst. Außerdem verwehren einige Internetseiten bei aktiviertem Ad-Blocker ganz den Zutritt. Klar ist auch: Die meisten Webseiten sind auf Werbeeinnahmen angewiesen, denn Autoren, Designer und Programmierer kosten Geld – und ohne Geld keine Webseite. Spenden- oder Abo-Modelle sind in der Breite jedenfalls (noch?) keine verlässliche Alternative.

Quelle: Third Party Web (Github) via The Register

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