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Künstliche Intelligenz soll helfen

YouTube reagiert auf Kritik: Keine Werbung mehr für unangemessene Videos

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von Benjamin Krämer -

YouTube intensiviert seinen Kampf gegen unangemessene Videoinhalte. Dazu will die Videoplattform Kuratoren und künstliche Intelligenz nutzen, um entsprechenden Content zu identifizieren und dann zu sanktionieren. Die Maßnahmen klingen im Detail wirkungsvoll und dürften umstrittenen Channels den Schweiß auf die Stirn treiben.

Es hagelte einige Kritik an YouTube in den letzten Wochen. Erst der Shitstorm wegen Paul Logans Leichenfilm im 'Suicide Forest', dann die von ehemaligen Branchengrößen ins Leben gerufene Anti Social Media Kampagne und kürzlich ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung, dass YouTube aus Geldgier absichtlich Videos bevorzuge, die spalterische und hetzerische Inhalte transportieren. Vielleicht lag es nicht an dem Artikel der Zeitung, aber dem generellen Feldzug der Social-Media-Kritiker, dass die Google-Tochter jetzt mit einem neuen Set von Maßnahmen reagiert, die es potentiell in sich haben. Denn: Sie drücken ihren Finger in genau jene Stellen, an denen es für die betroffenen Channels wehtut.

Keine Werbung, kein Geld, keine Sichtbarkeit

Konkret will YouTube Uploadern, die für Zuschauer potentiell gefährdende, spalterische und extremistische Inhalte hochladen, Werbemöglichkeiten eingrenzen. Das umfasst die Sperrung des Zugangs zu Monetarisierungsoptionen, Streichung aus der 'Trending'-Kategorie, Entfernung aus dem 'Watch Next'-Pool und Einschränkung von Support-Möglichkeiten.

Diese Änderungen plant YouTube im Detail:

  1. Rauswurf aus Premium-Monetarisierungsprogramm, Promotion und der 'Content Development Partnership'. Mögliche Entfernung aus 'Google Preferred'

  2. Entfernung von Monetarisierungs- und Creators-Support-Privilegien. Das entzieht Kanälen die Möglichkeit, Werbung zu schalten, Einnahmen zu generieren und am 'YouTube Partner Programm' teilzunehmen

  3. Aussperrung von 'YouTube Places'

  4. Nichtberücksichtigung in den empfohlenen Videos, damit Einschränkung der Sichtbarkeit

YouTube Suchergebnisse

Ich suche nach 'Pyramdis' und bekomme als dritten Treffer ein Verschwörungsvideo mit dem Hinweis "Sie haben uns seit 5.000 Jahren belogen".  

Quelle: (Screenshot)  YouTube.com 

YouTube Suchergebnisse

Ich suche nach 'Pyramdis' und bekomme als dritten Treffer ein Verschwörungsvideo mit dem Hinweis "Sie haben uns seit 5.000 Jahren belogen".  

Quelle: (Screenshot)  YouTube.com 

Diese Änderungen sind nicht weniger als eine 180-Grad-Wende der gesamten Plattform und sollen durch mehr Kuratoren (YouTube-Slang für Moderatoren) und neue KI-Algorithmen realisiert werden. YouTube lebte bisher von 'schnellen Klicks', die besonders von umstrittenen und krassen Videos garantiert wurden. Dazu gehören Pranks, Verschwörungstheorien, extreme politische oder polemische Inhalte und schwarzer Humor. Einige Kanäle erinnerten gar an die frühe Zeit des Internets und damals gehypte Ekel-Websiten. Bisher wies YouTube jegliche Schuld von sich und berief sich darauf, dass die User eben jenen Content klicken würden, der ihnen gefällt. Was der Menge gefällt, wird eben geklickt und was geklickt wird, wird viel produziert.

"Don’t be evil" - Druck von oben?

Vielleicht ist der Mutterkonzern Google eingeschritten, dessen Motto ja lautet: "don’t be evil"? Das ist schwer zu sagen, interessant ist der neue Schritt hin zu mehr Kontrolle aber dennoch, denn er könnte eine komplette Neuausrichtung bedeuten, weg von größtmöglicher Freiheit und einer sich selbst ruinierenden Community wie manche argumentieren. Das Problem waren bisher nämlich nicht fehlende Richtlinien im hauseigenen Werbeprogramm, sondern ihre fehlende Durchsetzung. Es gab schlicht und ergreifend viel zu viel Content, um alles zu durchsuchen und zu klassifizieren. Hier will YouTube jetzt nachbessern und das scheint vernünftig.

180-Grad-Wende zur richtigen Zeit

Die Änderungen könnten nichts weniger als eine 180-Grad-Wende der Plattform bedeuten und sie komplett neu ausrichten.

Die Änderungen fallen in eine Zeit, in der nicht nur eine neue Bewegung gegen den schädlichen Einfluss unkontrollierter und gieriger sozialer Medien ins Leben gerufen wurde, sondern sich die Negativschlagzeilen insgesamt überschlagen: Durch Social Media beeinflusste Wahlen, wachsende Verbreitung rechtsradikaler und propagandistischer Inhalte, Nutzung von Facebook und Co. für die Verabredung und Organisation von Straftaten und sogar Morde vor der Kamera, Russland-Trolle und Verschwörungstheorien, die auf YouTube bevorzugt empfohlen werden.

Man könnte den Eindruck gewinnen, die sozialen Medien seien zu einem Brandbeschleuniger wachsender sozialer und politischer Spannungen geworden und diesem Trend möchte der Konzern aus Kalifornien jetzt offenbar effektiver entgegentreten. Das ist eine gute Nachricht.

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