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Und neue Schutzmaßnahmen für Mods

YouTube: Neue Funktion integriert Wikipedia-Fakten [Update]

Geschätzte Lesezeit: ca. 6 Minuten

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

YouTube will offenbar nicht auf sich sitzen lassen, dass es von allen Seiten Kritik hagelt. Auslöser sind unter anderem die vielen Videos zu den abstrusesten Verschwörungstheorien, die mit ihrem spalterischen Inhalt zu Diskussionen anregen und dadurch vom Suchalgorithmus bevorzugt werden. Jetzt kündigte YouTube CEO Susan Wojciki an, Wikipedia-Links in entsprechende Inhalte zu integrieren.

YouTube ist voll von Videos zu Verschwörungstheorien. Da heißt es, dass Echsenmenschen ('Lizard People') die eigentlichen Illuminati seien und in menschlicher Gestalt die Geschicke der Welt lenken. Trump und Obama mögen sich politisch gestritten haben, aber nur, weil sie unterschiedlichen Echsen-Stämmen angehören. Die Erde, die sie ja beherrschen, ist natürlich flach und nicht rund und ganz nebenbei ist Hitler (natürlich auch ein Echsenmensch), Schichtleiter bei einem VW-Werk in Argentinien.

Ach, und bevor wir es vergessen: Der verschwundene Malaysia Airlines Flug 370 ist nicht verunglückt, sondern mit einer Top-Secret-Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist, um die Zukunft zu verändern. All das klingt so abstrus, dass es nicht einmal in einem B-Movie Platz fände, aber jede dieser Theorien gehört zu den populärsten auf YouTube, die Videos dazu durchbrechen regelmäßig die Millionen-Klick-Grenze.

YouTube unter Zugzwang bei spalterischen Inhalten

Die Kritik ist groß und YouTube nimmt sie sich offenbar zu Herzen. Das ist gut und wichtig für eine gesunde Plattform.

Das mag alles noch ganz lustig klingen, problematisch wird es aber, wenn sich politische Verschwörungstheorien wie ein Lauffeuer verbreiten: Zum Beispiel, dass die Teenager, die sich nach dem Parkland-Massaker für schärfere Waffengesetze ausgesprochen haben, in Wirklichkeit von den Demokraten finanzierte Schauspieler seien.

YouTube reagierte mit der Löschung einiger Kanäle, oder sprach Verwarnungen aus. In einem nächsten Schritt ging die Google-Tochter entsprechenden Channels mit dem Rauswurf aus Werbegruppen an den Kragen - das Kalkül: Wer kein Geld mehr mit Fehlinformationen verdient, verliert die Motivation und lässt es fortan bleiben. Grund für die Kontroll-Offensive ist eine Gruppe ehemaliger Social-Media-Manager, die vor Social Media warnen, weil es sie Geld durch Kontroverse verdienen und damit unsere Gesellschaft zersetzen würden.

Wikipedia soll’s richten und YouTube mit Infos füttern

YouTube-CEO Susan Wojciki kündigte jetzt an, dass man Verschwörungsvideos beikommen wolle, indem man Wikipedia-Artikel zu den darin angesprochenen Themen direkt in der Beschreibung oder im Video verlinkt. Die Idee dahinter ist die einer Art sofortigen Gegendarstellung, um Fehlinformationen direkt entgegen zu wirken.

Der Plan klingt sinnvoll, wirft aber die Frage auf, ob die Zuschauer, die solche Inhalte gerne sehen, sich von Wikipedia-Inhalten in ihrer Meinungsbildung umstimmen lassen. Immerhin ist es schwer vorstellbar, dass jemand, der Trump für einen Echsenmenschen hält, nicht auch denkt, dass Wikipedia von Illuminaten inszeniert sei - um nur ein Beispiel zu nennen. Trotzdem scheint es sich bei der neuesten Maßnahme um einen richtigen Schritt zu handeln. Immerhin hat man als Plattform für die Selbstdarstellung der User nur einen begrenzten Spielraum, wenn man nicht zum Bann-Hammer greifen will.

+++ (Update 15.03.2018) +++

Statement Tweet von @wikimedia zum Vorhaben von YouTube

Im offiziellen Statement zu YouTubes Plänen betont die 'Wikimedia Foundation', in keiner formellen Partnerschaft mit der Video-Plattform zu stehen.  

Quelle: (Screenshot / Wikimedia)  Twitter 

Statement Tweet von @wikimedia zum Vorhaben von YouTube

Im offiziellen Statement zu YouTubes Plänen betont die 'Wikimedia Foundation', in keiner formellen Partnerschaft mit der Video-Plattform zu stehen.  

Quelle: (Screenshot / Wikimedia)  Twitter 

Im Rahmen eines Vortrags auf der 'South by South West' kündigte die YouTube-CEO Susan Wojciki die Integration von Wikipedia-Einträgen unter YouTube-Videos innerhalb der nächsten Wochen an. Anscheinend ohne mit irgendjemandem bei Wikipedia vorher einmal gesprochen zu haben. Denn die gemeinnützige Gesellschaft hinter Wikipedia – die Wikimedia Foundation – antwortete nur einen Tag später recht ahnungslos über das Vorhaben der Video-Plattform.

In einem offenen Brief auf Twitter zeigte sich die Gesellschaft zunächst generell erfreut darüber zu sehen, dass "Menschen, Unternehmen und Organisationen den Wert von Wikipedia als Quelle für freies Wissen anerkennen" würden. Wikipedia hätte sich zu einem fundamentalen Teil des Internets entwickelt, der für jeden frei zur Verfügung stehe und weiterhin das Ziel verfolge, jedem einzelnen auf der Welt einen freien Zugang zu Wissen zu ermöglichen.

Gleichzeitig teilte man jedoch mit, nichts von den YouTube-Plänen gewusst zu haben und in keiner formellen Partnerschaft mit YouTube zu stehen. Das ist aufgrund der freien Zugänglichkeit auch generell nicht nötig, zeugt aber von wenig Feingefühl von Seiten der Video-Plattform.

Im weiteren Verlauf des Statements ließ Wikimedia deshalb deutlich durchblicken, dass dieser große Wissensschatz, aus dem sich YouTube bedienen wolle, ausschließlich durch Spenden und der freiwilligen Arbeit zahlreicher Helfer entstanden sei. Es ist ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl bezüglich einer bislang noch fehlenden Wertschätzung dieser Arbeit – wie sonst lässt sich der Tweet deuten?

Wie genau eine solche "Wertschätzung" aussehen soll, ließ der Tweet zwar offen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Wikipedia nichts gegen eine kleine Finanzspritze hätte, um der ganzen freiwilligen Arbeit im Hintergrund etwas Tribut zu zollen.

Darüber hinaus meldet das Community-Mitglied Phoebe Ayers - ebenfalls über einen Tweet - ihre Bedenken an, dass die Wikipedia-Artikel durch diesen Schritt Vandalismus zum Opfer fallen könnten. Außerdem verurteilte Ayers die Einstellung, Wikipedia als sich quasi endlos erneuernde Ressource zu sehen. Wo sei der Mehrwert für die freie Online-Enzyklopädie?

+++ (Update 15.03.2018) +++

Schutz der Moderatoren wird gefördert

Spiderman Comicfiguren

Verstörender Content wie dieses Kindervideo hat offenbar auch schon CEO Wojciki zu schaffen gemacht...  

Quelle: (Screenshot / Kids Zone TV)  YouTube.com 

Spiderman Comicfiguren

Verstörender Content wie dieses Kindervideo hat offenbar auch schon CEO Wojciki zu schaffen gemacht...  

Quelle: (Screenshot / Kids Zone TV)  YouTube.com 

Neuigkeiten von der Front im Kampf gegen verstörende Inhalte (wir berichteten), gibt es auch, allerdings betreffen sie nicht neue Löschaktionen, sondern den Schutz derjenigen Mitarbeiter, die sich mit der dunklen Seite YouTubes herumschlagen müssen: Die Moderatoren.

Die Zeit, die sie mit der Sichtung und Bewertung entsprechenden Materials pro Tag verbringen, soll auf vier Stunden begrenzt werden, um den negativen Einfluss auf ihre Psyche zu begrenzen. Grund für diese Maßnahme seien auch Susan Wojcikis eigene Erfahrungen: "Das ist ein wirkliches Problem und ich habe im letzten Jahr selbst viel Zeit damit verbracht, mir diese Inhalte anzusehen. Das ist wirklich hart", sagte sie kürzlich bei einer Rede in Austin, USA. Es dürfte also zu erwarten sein, dass YouTube die Zahl der Moderatoren erhöht, bei gleichzeitiger Reduktion ihrer Arbeitszeit - ein guter Schritt.

Quo Vadis YouTube?

YouTube bleibt scheinbar am Ball und das ist gut so. Die Kritik am Portal ist nicht unberechtigt, zeigt aber auch ein Dilemma: Schuld an den Inhalten ist nicht YouTube, sondern es sind diejenigen, die mit ihren Videos kontroverse, verstörende und spalterische Inhalte verbreiten.

Die Google-Tochter verdient mit solchem Content wiederum Geld und wird sich zweimal überlegen, ob sie als Zensor auftreten will, der sich ins eigene (monetäre) Fleisch schneidet, oder als 'wir lassen alles als freie Meinung durchgehen' wie Reddit. Fakt ist: YouTube macht sich ganz offenbar Gedanken über Eingriffsmöglichkeiten, die einen guten Kompromiss darstellen und das ist ein gutes Zeichen - auch für Social Media- und YouTube-Kritiker wie mich.

Neugierig geworden, was für abstruse Theorien auf YouTube verbreitet werden? Hier kommen die 'Lizard People':

Hier erfährst du mehr über: Google und Video-Streaming

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