Profit geht vor

YouTubes Kampf gegen Fake-News: Zu wenig, zu spät

Geschätzte Lesezeit: ca. 7 Minuten

Foto von Julius Zunker

von Julius Zunker -

YouTube gibt sich nach einigen Skandalen der jüngsten Vergangenheit als glühender Vorkämpfer gegen Fake-News und andere gefährliche Inhalte auf der eignen Plattform. Prominente, gerollte Köpfe, wie der des rechten "Info-Kriegers" Alex Jones sollen eine deutliche Richtung aufzeigen. Doch ein umfassender Report von 'Bloomberg' zeichnet ein deutlich anderes Bild.

2018 sah sich YouTube-CEO Susan Wojcicki mit der undankbaren Aufgabe betreut, ihr Unternehmen vor Publikum zu verteidigen. Erneut hatte sich die Videoplattform als Medium für Fake News instrumentalisieren lassen. Die damals den Skandal auslösende Verschwörungstheorie war die Behauptung, die Opfer des Parkland-Amoklaufs seien "Crisis Actors" - bezahlte Krisendarsteller, wie sie bei großen Übungsszenarios der Feuerwehren und ähnlichen Einrichtungen eingesetzt werden.

YouTubes neuer Faktencheck: Kann eine kleine Infobox den Schaden korrigieren, der bereits angerichtet wurde?  

Quelle: (YouTube)  Engadget 

YouTubes neuer Faktencheck: Kann eine kleine Infobox den Schaden korrigieren, der bereits angerichtet wurde?  

Quelle: (YouTube)  Engadget 

Wojcicki hatte direkt eine Lösung im Gepäck, die sie in Austin auf der "South by Southwest"-Konferenz der Öffentlichkeit präsentieren konnte: Eine kleine Textbox sollte unter Videos mit zweifelhaften Inhalten auf etablierte Fakten hinweisen. YouTube-Konsumenten sollten so nicht länger von Verschwörungstheorie zu Verschwörungstheorie gereicht werden, sondern selbst lernen hanebüchenen Unsinn von Fakten zu unterscheiden.

YouTube als Medium freier Meinung

Für YouTubes Selbstverständnis und die öffentliche Wahrnehmung bedeutete diese Konferenz gleichermaßen eine kleine Zäsur. YouTube ist ein medialer Gigant, der ständig kurz davor zu stehen scheint klassisches TV endgültig abzulösen. Dieser digitale Titan generiert im Jahr Einnahmen von gut 16 Milliarden US-Dollar. Doch in diesem Augenblick in Austin verglich Wojcicki ihr Unternehmen mit einer Bibliothek.

In Angesicht der zynischen Behauptung von Kritikern, die teils gefühlt schon unfreiwilligen Verbreiter von Fake-News-Inhalten hätten vermutlich allesamt ihre Abschlüsse an der "YouTube-Akademie" gemacht, eine fast schon ironische Aussage. Doch Wojcicki zielte auf etwas anderes ab: In Bibliotheken muss Platz für alle Sichtweisen sein. Freie Meinungsäußerung bedingt auch, Meinungen zuzulassen, die nicht gefallen.

Seit Wojcicki Statement in Austin ist einige Zeit vergangen. YouTube hat immer wieder versichert, aktiv gegen Verschwörungstheorien und solche mit potentiell gesundheitsgefährdenden "alternativ-medizinischen" Inhalten vorzugehen. Im selben Zeitraum haben erneut Videos mit "alternativen Fakten" die Blicke der US-amerikanischen (und europäischen) Gesetzgeber auf sich gezogen. Unter den besonders hervorstechenden Clips befasste sich einer mit einer Verbindung von Hillary Clinton zu satanischen Kultisten, ein anderes mit den vermeintlichen Gefahren von Kinderimpfungen. Auch wenn an manchen Stellen Verbesserungen eingetreten sind, erweckt YouTube den Anschein sich immer tiefer in den Kaninchenbau der alternativen Fakten einzugraben.

Doppelzüngige Unternehmenshaltung

Rätselhaft dabei erscheint der Umstand, dass YouTube auf der einen Seite sich zwar unablässig von diesen Inhalten distanziert, im gleichen Atemzug genau diese aber im Wachstum unterstützt. Dass solche Inhalte auf einer Plattform wie YouTube, ohne redaktionelle Aufsicht, existieren, sollte niemanden erstaunen. Erstaunen aber sollte, dass das Unternehmen derartige Videos und Kanäle nicht beschränkt, in einigen Fällen stattdessen sogar durch das eigene KI-System mit dem nötigen Treibstoff für eine Verbreitung versieht.

Alex Jones von Info Wars

Mittlerweile von YouTube verbannt: "Info-Krieger" Alex Jones.  

Quelle: (Screenshot)  YouTube 

Alex Jones von Info Wars

Mittlerweile von YouTube verbannt: "Info-Krieger" Alex Jones.  

Quelle: (Screenshot)  YouTube 

All dies dürfte für Wojcicki und ihren Stab kein Geheimnis sein. Besonders nicht, da in den letzten Jahren immer wieder Mitarbeiter von YouTube und dem Mutterunternehmen Google ihre Bedenken über die Massen an falschen, vergiftenden, brandstiftenden und hasserfüllten Inhalten auf YouTube zum Ausdruck gebracht haben. Von Mitarbeitern kam eine ganze Litanei an Vorschlägen: Fake-News-Clips sollten in einer internen Datenbank markiert und überprüft werden. Sie sollten Nutzern nicht mehr empfohlen werden. Ihre Popularität sollte genau unter die Lupe genommen werden. Besonders bei Vloggern aus der radikal-rechten Abteilung bereitete die Verbreitung auf YouTube Mitarbeitern große Sorge. Doch YouTubes Antwort auf diese Vorschläge war immer die gleiche: Haltet den Ball flach.

Profit als oberste Maxime

Der Grund dafür erscheint wie aus einer kapitalistischen Horror-Vision. Die Aussagen mehrerer ehemaliger YouTube-Mitarbeiter zeichnet ein unmissverständliches Bild: YouTube hat alles daran gesetzt, ein Ziel besonders zu verfolgen, nämlich die Quote von reinem Konsum, von verbrachter Zeit auf der Plattform und von Interaktionen unter Videos möglichst hoch zu halten. In der Führungsetage des Unternehmens wurde lieber hingenommen sich für Fake-News missbrauchen zu lassen, als die Höhe der Aktivitäts-Quote auch nur im mindesten zu riskieren.

Hauptsache steigende Quoten: YouTube soll das Risiko bewusst in Kauf genommen haben.

'Bloomberg' gegenüber gab einer dieser ehemaligen Mitarbeiter an, dass Wojcicki niemals ihre Finger an die Waagschale legen wollte. Ihr Job sei es, eigener Aussage nach, ein Unternehmen zu leiten und sich nicht "damit" - also mit der Problematik einer Verbreitung von mehr als zweifelhaften Inhalten - zu beschäftigen. Dieser Mitarbeiter und einige weitere baten Bloomberg, ihre Namen vertraulich zu behandeln. Als 'Bloomberg' bei Google und YouTube um Stellungnahme bat, lehnte man dort ab. Stattdessen verkündete der YouTube-Produktionschef Neal Mohan der 'The New York Times' gegenüber, sein Unternehmen habe große Fortschritte im Kampf gegen radikale Inhalte gemacht.

Fragwürdige Statements von YouTube-Sprechern

Als Bloomberg dann Antwort bekam, geschah dies in Form einer E-Mail. In dieser gab ein YouTube-Sprecher an, dass das Unternehmen die letzten beiden Jahre einen großen Teil seiner Energie darauf verwendet habe, sich mit Problemlösungen gegen die Verbreitung gefährlicher Inhalte zu beschäftigen. So käme seit 2017 ein internes Empfehlungsverfahren auf Grund der "Verantwortlichkeit" von Videos zum Einsatz. Für die Messung dieser "Verantwortlichkeit" würden unter anderem die Auswertungen der kurzen Fragebögen nach YouTube-Clips einbezogen.

In dem Statement Bloomberg gegenüber wurde weiter ausgeführt, dass derzeit wichtige Schritte in Angriff genommen würden, um die Verbreitung von gefährlichen Inhalten weiter einzuschränken und im gleichen Atemzug die Nachrichtenerfahrung auf YouTube zu verbessern. Auch sei über die komplette Google-Familie verteilt die Anzahl der Beschäftigten, die mit maschinellem Lernen betraut sind, um gegen radikale Inhalte mittels KI vorzugehen, auf 10.000 Mitarbeiter erhöht worden.

YouTube: Plattform der Impfgegner?

Doch während Facebook auf Grund vergleichbarer Geschehnisse ankündigt, seine unternehmerische Ausrichtung anzupassen, bleibt bei YouTube unter der Oberfläche eigentlich alles beim Alten. Ehemalige Mitarbeiter klagen weiterhin über eine fragwürdige Haltung Fake-News gegenüber und erst vor wenigen Wochen machte die Plattform erneut in zweifelhaftem Licht von sich reden:

Eine Grafik von einer flachen Erde.

Verschwörungstheorien blühen auf YouTube regelrecht auf: Weitverbreitet sind etwa Videos über die Theorie, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe sei.  

Quelle: (Amanda Carden)  Shutterstock 

Eine Grafik von einer flachen Erde.

Verschwörungstheorien blühen auf YouTube regelrecht auf: Weitverbreitet sind etwa Videos über die Theorie, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe sei.  

Quelle: (Amanda Carden)  Shutterstock 

Im Zuge eines tödlichen Ausbruchs von Masern deckte der Think-Tank 'Moonshot CVE', spezialisiert auf Studien über Radikalität, auf, dass weniger als 20 YouTube-Kanäle, die sich extrem fragwürdig zum Thema Masernimpfung äußern, 170 Millionen Zuschauer erreicht haben, oftmals über Empfehlungen nach anderen verschwörungstheoretischen Videos.

Der Report von Bloomberg wird nicht müde, weitere Beispiele eines Unternehmens zu zeichnen, dessen Aussagen über den eigenen Kampf gegen fragwürdige Inhalte reine Lippenbekenntnisse zu sein scheinen. Stattdessen liegt der Fokus auf purem Verdienst, ohne Rücksicht auf die geistige und körperliche Unversehrtheit der eigenen "Kunden". Und in dieser Rechnung erzeugt ein Aufschrei zusätzliche Aufmerksamkeit. Ein Umstand, der dem Unternehmen mehr als recht zu sein scheint. Denn auch wenn YouTube, genau wie Facebook, von einem Skandal in den nächsten zu schlittern scheint, die Aktien kennen am Ende nur einen Weg: Den nach oben.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Ein Weg, der nur in einer Katastrophe enden kann. Denn wie Bloomberg deutlich aufzeigt, operiert das Unternehmen gegen Fake-News zu harmlos und zu langsam, da Umsätze wichtiger als alles andere erscheinen. Obendrein befolgt die KI gnadenlos ihre Aufgabe und pusht weiterhin fragwürdige Inhalte. Und selbst wenn mittlerweile Hinweisboxen unter den ersten Videos erscheinen, so ist der Schaden längst angerichtet. Denn wem hilft ein Hinweis auf die Wirksamkeit von MMR-Impfungen, wenn längst Millionen Zuschauer genau diesem Video Glauben geschenkt haben und deswegen ihre Kinder nicht mehr gegen Masern impfen?

Quelle: Bloomberg

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