Über große Distanzen hinweg

Netzfreundschaft: Wie virtuelle Beziehungen das Leben bereichern [Kommentar]

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von Sandra Spönemann (@die_spoent_wohl)-

Halbes Leid ist geteiltes Leid und geteilte Freude macht glücklicher - nicht ohne Grund sind uns Freunde im Leben wichtig. Durch soziale Medien, Foren und Plattformen müssen diese nicht komplett aus unserem unmittelbaren Umfeld bestehen. Online-Freundschaften bringen neben gewissen Risiken auch einige Vorteile mit sich. Ein kleines Plädoyer für Internet-Beziehungen.

Niemand aus dem näheren Umfeld teilt eure Leidenschaft für die Lieblings-Sportmannschaft, für bestimmte literarische Künstler oder den favorisierten Musik-Stil? Oder ihr seid gerade umgezogen und könnt nicht mehr "mal eben" oder "auf die Schnelle" in die Straßenbahn steigen, um den besten Kumpel auf ein Feierabendbierchen zu besuchen? Trotzdem möchte man sich gern austauschen, über die guten und schlechten Seiten des Tages sprechen oder einfach nur den tagesaktuellen Nachrichten-Kram durchkauen. Online-Freunde bieten eine ortsunabhängige Möglichkeit, sich dennoch jemandem anzuvertrauen.

Bist du, wer du zu sein scheinst?

Diese Frage bildet den Ausgangspunkt für viele Warnungen, dass sich online jeder Mensch als eine andere Person verkaufen kann. Im schlimmsten Fall denkt man als Dame gerne mal an betagte Herren, die sich hinter jugendlichen Profilen verstecken - und ja, es besteht ein Risiko, wenn unreflektiert in anonymen Chats kommuniziert wird. Aber ist das im Offline-Leben tatsächlich so anders? Begegnen wir nicht hin und wieder auch persönlich Leuten, die mehr Schein als Sein sind? Ein Risiko besteht bei zwischenmenschlichen Beziehungen grundsätzlich.

Eine scharfe Trennung von Online- und Offline-Freunden ist oft gar nicht nötig. So kann man mit den alten Bekannten aus Schule, Studium oder Ausbildung manchmal nur noch via Internet Kontakt halten, da die räumliche Trennung einfach zu groß geworden ist. Oder man lernt sich zunächst online kennen und trifft sich nach den gesammelten, guten Eindrücken erst das erste Mal "face-to-face". Unser Redakteur Michael hat in dieser Hinsicht positive Erfahrungen gemacht:

Freunde gibt es überall

Vor ein paar Wochen habe ich mit Kumpels zwei Freunde in Magdeburg besucht. Ja, ja, uninteressant. Interessant ist aber, wie diese Freundschaft begann: Wir haben Max und Hannes 2003 online in Jedi Knight 2 kennengelernt. Klingt nerdig, lief aber völlig unspektakulär ab. Wir waren gleich alt, haben ähnliche Musik gehört, über dieselben Dinge gelacht. Wir haben uns ganz einfach gut verstanden – nur eben in einer virtuellen Umgebung.

So wurden wir zu einer festen Zockergemeinschaft, haben später WoW, DotA und Diablo 2 zusammen gespielt. Die Idee, sich auch "in echt" mal zu treffen, kam von ganz allein. Also besuchten Sie uns in Hannover, wir sie in Magdeburg – selbst auf Festivals sind wir zusammen gewesen. Bis heute sehen wir die Beiden regelmäßig und pflegen eine Freundschaft, die vor 15 Jahren in den Chatzeilen eines Videospiels entstanden ist. Da werd' ich fast sentimental…

Vorteile von Cyberfreundschaften

Obwohl wir weder Gestik, Mimik noch Körpersprache unseres digitalen Gegenübers sehen und somit nicht eindeutig feststellen können, ob uns jemand definitiv auch im persönlichen Gespräch sympathisch wäre, gibt es einige Vorteile bei rein online geführten Bekanntschaften:

  • Ihr könnt in Ruhe darüber nachdenken, was ihr schreiben möchtet und äußert seltener Dinge, die ihr anschließend lieber nicht gesagt hättet
  • Wer über gemeinsame Interessen oder sogar Hobbys zueinanderfindet, hat ein gemeinsames Thema, über das es sich immer wieder quatschen lässt
  • Es besteht die Möglichkeit, Menschen auf der ganzen Welt kennenzulernen - ohne dabei in den Flieger steigen zu müssen
  • Manchmal versteht euch ein Gesprächspartner besser, weil er nicht Teil eures Alltags ist und eure Situation vielleicht objektiver betrachtet
  • Eine virtuelle Freundschaft bleibt euch auch erhalten, wenn ihr umzieht

Wie findet man online neue Freunde?

Es gibt einige Plattformen im Internet, die speziell dafür gedacht sind, andere Menschen kennenzulernen, beispielsweise Badoo oder Spontacts. Wer diese Optionen bereits angetestet hat, stellt schnell fest (vor allem als Frau), dass Chat-Nachrichten schnell in Richtung Flirt oder unangenehme Anmache tendieren können. Daher halte ich eine andere Herangehensweise für sinnvoller: Die Suche nach Gleichgesinnten über gemeinsame Interessen.

Über praktisch jedes soziale Netzwerk lassen sich Menschen mit ähnlichen Hobbys ausfindig machen - egal ob ihr Mangas mögt, gerne Pilze sammelt oder euch für Schwarz-Weiß-Fotografie interessiert. In einer Facebook-Gruppe könnt ihr beispielsweise problemlos über Monate hinweg mitdiskutieren und Beiträge veröffentlichen, ohne sofort eine Person im Speziellen ansprechen zu müssen.

Persönlich fällt mir dazu noch eine Freundin aus Berlin ein, die via Instagram schon viele interessante kreative Köpfe kennengelernt hat, mit denen sie sich zu Foto-Touren verabredete. Selbst ein reines Foto-Sharing-Netzwerk kann Ausgangspunkt eines bereichernden, freundschaftlichen Verhältnisses sein.

Und ja, ich weiß...

Natürlich bleiben wichtige Elemente einer Freundschaft außen vor, wenn man sich nicht persönlich trifft: Man kann sich nicht umarmen, wenn etwas Blödes passiert ist, man kann sich nicht auf die Schulter klopfen oder gemeinsam kochen, die Wände im Wohnzimmer neu streichen oder feiern gehen. Trotzdem können Online-Freunde das eigene Umfeld ergänzen und Freude stiften. Alle fünf Minuten solltet ihr allerdings nicht aufs Smartphone gucken und Nachrichten lesen, wenn ihr in Gesellschaft seid.

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