Der nächste Evolutionssprung?

Neuralink: Wie Elon Musk unsere Gehirne mit Maschinen verbinden will

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Elon Musks neuestes Projekt heißt seit Ende 2016 'Neuralink' und soll in einem Zug nicht nur unsere Kommunikation und Effizienz schlagartig verbessern, sondern uns vor einer KI-Apokalypse bewahren. Was sich wie durchgeknallte Science Fiction anhört, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als durchdacht und vor allem eines: alternativlos.

Elon Musk wird häufig als Da Vinci unserer Zeit bezeichnet – nicht zu unrecht. Nicht nur hat er mit Tesla bewiesen, dass Elektroautos eine Zukunft haben und mit Benzinern mithalten können, nein, er hat auch die Raumfahrt revolutioniert. Raketen, die zur Internationalen Raumstation ISS fliegen und sicher wieder landen, um wiederverwendet zu werden – das galt als unmöglich. Bis Elon Musk es einfach getan hat – wohlgemerkt größtenteils finanziert mit seinem Privatvermögen. Heute ist SpaceX Anbieter Nummer 1 wenn es um Fracht in den Orbit geht – zu einem Bruchteil der Kosten, die zum Beispiel russische Anbieter verlangen. Das ist eine beachtliche Leistung in einem Bereich, den die Amerikaner bereits abgeschrieben hatten – ihre Astronauten mussten bislang aus Russland starten.

Wer und was ist Neuralink?

Frau und Roboterarm

Plug and Play der Zukunft: In Musks Vision verbinden wir uns direkt mit Maschinen  

Quelle: (PixOne) Shutterstock.com

Frau und Roboterarm

Plug and Play der Zukunft: In Musks Vision verbinden wir uns direkt mit Maschinen  

Quelle: (PixOne) Shutterstock.com

Kurz gesagt möchte Musk mit seiner noch sehr jungen Firma menschliche Gehirne mit Maschinen verbinden. Das ausgegebene Ziel lautet, dass wir uns mit unseren Gedanken durch die digitale Welt bewegen können – Matrix lässt grüßen. In Neuralinks Zukunft steuern wir elektronische Geräte direkt mit unserem Gehirn an, mit implantierten Chips im Gehirn, die Gedanken in Bits und Bytes übersetzen und umgekehrt. Der Mensch verschmilzt mit der Maschine und wird dadurch schneller, effizienter, produktiver, schlauer - so die Hoffnung.

Um diese ambitionierte Zukunft wahr werden zu lassen, hat Elon Musk ein ansehnliches Team aus Experten rekrutiert: Da wären der ehemalige Chef-Chip-Designer von IBM, mehrere ausgezeichnete Erfinder aktueller Top-Technologien, einen der besten Neurochirurgen der Welt und natürlich sich selbst – immerhin selbst einer der unbestritten besten Ingenieure der Welt.

Es lohnt sich, Musks Visionen genauer anzuschauen

Interessanterweise musste der südafrikanische Unternehmer auf seinem Weg zu einem der reichsten und erfolgreichsten Unternehmer immer gegen einen Strom von Kritikern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Presse anschwimmen. Man hielt ihm vor, illusorische Visionen zu haben, die sich ohnehin nicht umsetzen lassen. Auch bei Neuralink ist der Reflex vorhanden: Musk möchte eine direkte Gehirn-Computer-Schnittstelle erschaffen. Warum? So verrückt es auch klingt: Er glaubt, auf diese Weise den Weltuntergang durch künstliche Intelligenzen aufhalten zu können.

Wenn unsere Gehirne sich in den Maschinen befinden, teilen wir uns den Lebensraum mit KIs, anstatt von ihnen abgehängt zu werden - das zumindest ist die etwas vereinfachte Argumentation des umtriebigen Ingenieurs. Und sie leuchtet ein: Bevor wir einen Raum wie den digitalen nicht mehr verstehen, machen wir ihn uns einfach zu eigen.

Ein Blick auf Neuralink ist ein Blick auf unsere Art Wissen zu erlangen

Qualle

Quallen hatten die ersten Nervenzellen und damit die erste Kommunikation überhaupt entwickelt

(Azzudin Abdul Aziz) Shutterstock.com

Urmensch zeigt auf Steinmalerei

Mit Anfang der Höhlenmalerei wurde das erste Mal in der Geschichte der Menschheit Wissen weitergegeben

(Ivan_Nikulin) Shutterstock.com

Alter Computer in schwarz weiß

Dank der ersten Computer konnten wir Wissen schneller und effizienter speichern und teilen als mit Büchern. Der Fortschritt ging rasant voran.

(Everett Historical) Shutterstock.com

Gründer Code auf schwarzem Hintergrund

Der nächste Sprung in der Kommunikation und Wissensvermittlung wird uns laut Musk quasi in die Matrix führen, als Bits und Bytes und Bewohner von PC-Systemen

(timyee) Shutterstock.com

Qualle

Quallen hatten die ersten Nervenzellen und damit die erste Kommunikation überhaupt entwickelt

(Azzudin Abdul Aziz) Shutterstock.com

Urmensch zeigt auf Steinmalerei

Mit Anfang der Höhlenmalerei wurde das erste Mal in der Geschichte der Menschheit Wissen weitergegeben

(Ivan_Nikulin) Shutterstock.com

Alter Computer in schwarz weiß

Dank der ersten Computer konnten wir Wissen schneller und effizienter speichern und teilen als mit Büchern. Der Fortschritt ging rasant voran.

(Everett Historical) Shutterstock.com

Gründer Code auf schwarzem Hintergrund

Der nächste Sprung in der Kommunikation und Wissensvermittlung wird uns laut Musk quasi in die Matrix führen, als Bits und Bytes und Bewohner von PC-Systemen

(timyee) Shutterstock.com

Wenn wir in unserer Geschichte weit zurückgehen, finden wir heraus, dass Lernen erst mit dem Auftauchen von Nervenzellen begonnen hat, also grundlegender Kommunikation. Schmerzreize haben unseren entfernten Vorfahren im Wasser signalisiert, dass es besser ist, nicht gegen einen scharfen Stein zu schwimmen. Später gab es dann erste Menschen, die sich über Zeichensprache und Grunzlaute verständigen konnten und so voneinander gelernt haben. Irgendwann folgte die verbale Sprache.

Die Wissensvermittlung und die Menge an neugelerntem Wissen stiegen mit Einführung erster Sprachen rasant von Generation zu Generation an. Noch rasanter ging es zu, als Schriften entwickelt wurden. Wissen konnte so noch effizienter ausgetauscht und weitergegeben werden. Was Vorfahren über mehrere Generationen mühsam erlernen mussten, konnte jetzt innerhalb einer einzigen Generation weitergegeben werden.

Kollektive Intelligenz statt individueller Intelligenz

Die Menschheit ist mit Einführung von Sprache und Schrift zu einer kollektiven Intelligenz geworden, die durch kollektiv zugängliches Wissen deutlich mehr zustande brachte als ihre Vorfahren. Dieser Prozess der schnelleren Wissensvermittlung, und damit schnelleren Entwicklung als Spezies, wurde immer rasanter. Zwei Meilensteine sind dabei der Buchdruck, den die Chinesen übrigens gut 700 Jahre vor Gutenberg erfanden und in jüngerer Geschichte die Erfindung von Computern. Kurz danach kam bereits der nächste Durchbruch in Form des Internets.

Die Zeiten zwischen den Sprüngen sind immer kürzer geworden, weil Wissen so schnell geteilt und vermehrt werden kann. Wo ein Computer noch eine Art Verlängerung des menschlichen Gehirns nach außen war, wurde das Internet zur Verlängerung des gesamten menschlichen Wissens. Nur zur Verdeutlichung: Wo Bücher uns noch Zugriff auf das Wissen eines oder einiger Experten gewährt haben, gewährt das Internet jedem von uns Zugriff auf das gesamte Wissen der Menschheit!

Computer – Dreh- und Angelpunkt unseres Gehirns

Computer und Gehirn basieren beide auf Binärcode. Beim Menschen ist 1 = Aktion einer Nervenzelle und 0 = Ruhezustand einer Nervenzelle. Das war's!

Computer haben also bereits alles verändert aber das werden sie auch in Zukunft noch. Momentan benutzen wir sie, um Gedankenprozesse auszulagern, wie Notizen, Text- und Spracheingaben, Simulationen und Modelle. Obwohl Computer vieles können, was unser Gehirn kann (nur schneller und effizienter), beherrschen sie eines jedoch nicht: Denken.

Das liegt möglicherweise an der im Universum unerreichten Komplexität des menschlichen Gehirns. Zur Verdeutlichung: Unser Gehirn funktioniert ebenso wie Computer mit Binärcode, also Einsen und Nullen. Eins steht für Aktion einer Nervenzelle und Null für Ruhezustand. Mehr gibt es nicht. Der Unterschied zu Computern besteht darin, dass Nervenzellen sich ständig verändern. Das heißt, sie können sich für kurze oder lange Zeit anordnen. Wir können uns Wissen einprägen und vergessen oder besser in etwas werden. Ein Computer kann zwar mittels Machine Learning dazu lernen und ebenfalls besser werden, aber wenn eine Fähigkeit einmal erworben ist, kann sie sich nicht stufenlos verstärken oder abschwächen, wie bei uns Menschen.

Okay, Computer sind toll, aber was hat das mit Neuralink zu tun?

Elon Musk möchte mit Neuralink diese Lücke zwischen dem Computer als schnellem, effizientem Gerät und der menschlichen Fähigkeit zu Denken schließen. Kurzfristig möchte das Unternehmen Krankheiten des zentralen Nervensystems besser verstehen und heilen können, langfristig aber noch viel mehr: Es soll eine Computer-Hirn-Schnittstelle mittels Elektroden hergestellt werden, die direkt ins Gehirn implantiert werden. Menschen könnten dann mit ihrem Gehirn, beziehungsweise Bewusstsein, direkt in Computersysteme gehen und sich ihrer Hardware bedienen. KIs wären dann unsere Nachbarn und Kollegen und keine abgehobenen Superwesen, die wir nicht verstehen und deren Lebensraum uns fremd ist.

Wir könnten sie verstehen und mit ihnen interagieren, statt ihnen ratlos gegenüber zu stehen. Damit wäre ein Schritt getan hin zu einer Welt, die nicht von KIs dominiert oder zerstört wird, wie Musk es gerne prophezeit. Er weist gerne darauf hin, dass in der Geschichte unseres Planeten immer diejenigen Spezies verschwanden, die weniger intelligent waren als eine neue. Tiere wurden von uns Menschen beispielsweise zu Nahrung oder Haustieren gemacht - oder ausgerottet. Nicht weil wir etwas gegen sie hätten, sondern einfach deshalb, weil es zugunsten oder als Nebenprodukt unseres Aufstiegs so geschah. Das Gleiche könnte also passieren, wenn KIs intelligenter werden als wir.

Balkendiagramm mit farbigen Balken

Menschliche Kommunikation im Vergleich mit elektronischer: Denken, Sprechen, Tippen

(Tim Urban) waitbutwhy.com

Balkendiagramm mit farbigen Balken

So würde sich jede Kommunikationsform beschleunigen, wenn Neuralink am Ziel angelangt ist

(Tim Urban) waitbutwhy.com

Balkendiagramm mit farbigen Balken

Menschliche Kommunikation im Vergleich mit elektronischer: Denken, Sprechen, Tippen

(Tim Urban) waitbutwhy.com

Balkendiagramm mit farbigen Balken

So würde sich jede Kommunikationsform beschleunigen, wenn Neuralink am Ziel angelangt ist

(Tim Urban) waitbutwhy.com

Science Fiction oder greifbar?

Wenn wir an Chips im Gehirn denken, die Computer "beleben" und steuern sollen, denken wir wahrscheinlich an die ferne Zukunft oder Hollywood. Aber so abwegig ist das nicht. Es gibt bereits Fälle, in denen Querschnittsgelähmte über ihre Gedanken Roboterarme steuern konnten. Es gibt Implantate für die Ohren, die Gehörlosen wieder das Hören ermöglichen ('Cochlear-Implantat') und Augenimplantate für Blinde.

All das ist zwar noch High-Tech, aber es funktioniert schon heute. Eine der größten Hürde ist allerdings noch die Bandbreite und Speicherkapazität von Computersystemen. Die aktuell schnellsten Supercomputer können gerade einmal wenige Sekunden der Aktivitäten eines menschlichen Gehirns aufzeichnen. Mehr ist noch gar nicht möglich und wir reden hier von Supercomputern. Wie das Moore'schen Gesetz beschreibt, verdoppelt sich die Rechenleistung von Computern allerdings alle zwei Jahre. Das gibt Grund zur Hoffnung.

Wie das aussieht, wenn eine querschnittsgelähmte Frau mit ihren Gedanken einen Roboterarm steuert, seht ihr hier:

Ist das sinnvoll?

5 mögliche positive Konsequenzen von Neuralink

  1. E-Mails tippen? Unnötig, einfach denken, was drinstehen soll, und der Computer hat es schon in den entsprechenden Text umgewandelt.
  2. Wir könnten nach etwas googlen, indem wir einfach an das denken, was wir suchen möchten.
  3. Erfahrungen anderer Menschen können heruntergeladen werden. Damit könnten wir direkt die Erfahrungen eines Extremsportlers, eines Soldaten oder Sexualität nacherleben.
  4. Wir möchten etwas wissen? Raketenwissenschaft? Programmiersprachen? Wir denken daran, dass wir es wissen möchten und können die Gedanken entsprechender Experten herunterladen.
  5. Kriege könnten obsolet werden, weil wir die Gefühle und Gedanken der Gegenseite direkt erfahren können, als wären sie unsere eigenen.

Anhand der obigen Grafiken lässt sich erkennen, wie wenig effizient menschliche Kommunikation im Vergleich zu elektronischer ist. Könnten wir direkte Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer herstellen, hätten wir damit auch eine verzögerungsfreie Möglichkeit, von Gehirn zu Gehirn zu kommunizieren. Das ginge schnell und ohne Datenverlust. Wenn wir zum Beispiel versuchen einen komplexen Sachverhalt zu erklären, einen politischen Zusammenhang, einen physikalischen oder einen technischen, müssen wir komplexe Gedanken in Worte pressen. Die Information wird also extrem komprimiert, als würden wir eine Cola durch einen winzigen Strohhalm trinken, wobei übrigens auch die Kohlensäure verloren geht.

Metaphorisch könnte sie für das Hören stehen, bei dem ebenfalls viele Informationen durch Missverständnisse und Interpretationen verloren gehen. Kurz gesagt: Neuralink möchte den Strohhalm entfernen und dafür sorgen, dass die Cola in einem Zug getrunken werden kann. Wenn es nach Musk geht, können wir Maus und Tastatur also schon bald in den Müll werfen. Genau wie unseren Mund. Das müssen wir laut seiner Argumentation auch, weil wir sonst von KIs verdrängt werden, die uns obsolet machen, weil sie alles besser können.

Die Konsequenzen: Die Welt würde sich verändern

Stellen wir uns also vor, dass wir über Computer direkt von Gehirn zu Gehirn kommunizieren könnten und damit Neuralinks Ziel erreicht ist. Die Konsequenzen wären enorm: Wir könnten Gedanken direkt austauschen, Privatsphäre oder Taktierereien in Gesprächen wären damit wohl Geschichte. Gleichzeitig würde es auch keine Missverständnisse geben, da wir dem anderen direkt in die Seele schauen können.

Technologie würde sich noch viel schneller entwickeln, weil Forscher viel weniger Zeit benötigen würden und sich ohne Zeitverlust austauschen könnten. Wir könnten mit einem Computer zusammen denken und Dinge entwickeln, die er sofort über Algorithmen und Modelle simuliert und testet. Für KI-Alleskönner wäre dann kein Platz mehr, weil wir ihn schon besetzt haben und sie höchstens als Hilfskräfte nutzen, um lästige oder schwierige Aufgaben für uns zu erledigen. Man wird ja noch träumen dürfen. Mit Elon Musk am Steuer könnten diese Träume sogar schon bald Realität werden – ob es sich um Alpträume oder Wunschträume handelt, muss zum einen jeder selbst entscheiden und zum anderen die Zukunft zeigen.

Wir haben keine Wahl

Ich oute mich gerne als Musk-Fanboy, weil er sich den Titel des Visionärs unserer Zeit handfest verdient hat und einer der wenigen Unternehmer zu sein scheint, denen tatsächlich menschlicher Fortschritt am Herzen liegt und nicht möglichst viele Zahlen vor dem Komma des Jahresabschlussberichts. Das hat seine Biographie gezeigt. Auch sein neuestes Projekt ist nichts weniger als ein notwendiger Schritt in die Zukunft. Superintelligente KIs, die so gut wie alles besser können als wir Menschen, werde ich zu meinen Lebzeiten noch erleben, da sind sich KI-Forscher einig. Um als Spezies nicht obsolet zu werden, müssen wir Wege finden, mit unserem technologischen Fortschritt mitzuhalten. Rein objektiv gibt es an der Verschmelzung mit Maschinen kaum einen Weg vorbei, es sei denn, wir verweigern uns neuer Technologie - das ist allerdings utopisch. Anstatt uns also rechts von KIs überholen zu lassen, sollten wir unseren Lebensraum mit ihnen Teilen und einen Schritt nach vorne machen, bevor Algorithmen es für uns tun. Neuralink ist nicht nur ein logisches Unterfangen, sondern ein alternativloses, das uns schon bald verblüffen wird: Elektronische Telepathie mit Mensch und Maschine ist nicht mehr weit entfernt, die Fortschritte kommen bloß so rasant in den letzten Jahren, dass wir es kaum realisieren (können). Obwohl ich keine Alternativen sehe, macht mir diese Zukunft trotzdem Angst, denn sie wird unsere Anpassungsfähigkeit auf die Probe stellen, wie noch kein Ereignis in der Geschichte.

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