Vom Pflug bis Kernfusion

Bill Gates Top 10 kommender Technologien

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von Julius Zunker -

Für die neue Ausgabe des 'MIT Technology Review' wurde Microsoft-Visionär Bill Gates nach den 10 wichtigsten technologischen Entwicklungen 2019 gefragt. In seiner üblichen Art wollte Gates direkt über das Ziel hinausschießen und ganz vorne seine liebste Technologie seit über 6000 Jahren anführen: Den Pflug.

Der mittlerweile 63 Jahre alte Multimillionär, Unternehmer, Entwickler und Programmierer hat sich aber dann doch eines Besseren besonnen und sich auf die eigentliche Fragestellung konzentriert.

Roboter mit Geschick

Lange galten Roboter als eher ungeschickt bis "taktlos". Präzise zugreifen ging, aber eben ohne Gefühl. Kleine Verschiebungen von Objekten oder das Ersetzen eines Bauteils schienen unmöglich. Ständig ließen die Blechheinis alles fallen, griffen ins Leere. So erschien der "Medi Bot" noch in weiter Ferne. Nun kann ein Roboter die Welt halt nicht so wahrnehmen wie wir - ihm kann aber beigebracht werden, aus seiner Wahrnehmung (und mittels Trail & Error) zu lernen. 'Dactyl' von OpenAI ist genau so ein Projekt. Über den Jenga-spielenden Roboter berichteten wir bereits. Die sich aus einem so lernenden Roboter ergeben Möglichkeiten sind so weitreichend wie umfassend: Wenn Maschinen die Welt im Kleinen verstehen, werden sie auch das Große immer besser begreifen - ihre Einsatzmöglichkeiten nehmen dann exponentiell zu. Die wichtigsten Entwickler sind auf diesem Feld für ihn natürlich 'OpenAI', gefolgt von den der Carnegie Mellon University, der University of Michigan und der UC Berkeley. Gates erwartet eine Marktreife in den nächsten drei bis fünf Jahren.

Nukleare Energie 2.0

Moderne (und sogar tragbare) Kernspalter der nächsten Generation werden schon im Laufe dieses Jahres Verbreitung finden

Bei Atomenergie zuckt jeder zusammen: Tschernobyl kennen viele zwar nur noch aus 'Stalker', aber Fukushima ist für viele noch allgegenwärtig. Dabei stehen wir am Vorabend von Fusions-Reaktoren. Moderne (und sogar tragbare) Kernspalter der nächsten Generation werden schon im Laufe dieses Jahres Verbreitung finden - und selbst der alte Hippie-Traum von Fusionsenergie, samt völliger Sauberkeit und maximaler Sicherheit, erwartet Gates bis 2030 wahr zu werden.

Frühchen-Vorhersagen

Weltweit werden jährlich 15 Millionen Babys zu früh geboren. Dies geschieht meist überraschend, eine Frühgeburt bedeutet für alle Beteiligten mentalen, wie körperlichen Stress - auch für das Neugeborene. Dabei ließe sich mit nur einem Tropfen Blut der Mutter analysieren, wie hoch das Risiko einer Frühgeburt ist. Grund dafür sind "zellfreie" DNS- und RNS-Mengen in der Blutbahn, die auch über den Zustand von Fötus und Plazenta Auskunft geben. Marktreife könnte dieser einfache Bluttest in fünf Jahren erreichen - und dann in jeder Praxis durchführbar sein.

Darmspiegelung der harmlosen Art

Darmspiegelungen gelten als so unangenehm wie wichtig. Die Untersuchung erfolgt unter Narkose, läuft nur mit Kontrastmittel. Die Gerätschaften dazu sind sperrig und teuer. Was in unseren Breitengraden nervig und nach ein bis zwei Tagen dezentes Leid klingt (aber eben gute Informationen über den Darmtrakt liefert), kann in ärmeren Regionen über Leben und Tod entscheiden. Denn besonders hier findet eine Erkrankung namens 'Environmental enteric dysfunction' kurz EED Verbreitung. Besonders Kinder leiden unter dieser Krankheit, bei der es dem Darm schlicht nicht möglich ist, Nährstoffe vernünftig zu verarbeiten. Aber schon dieses Jahr wird am Massachusetts General Hospital eine Art "verschluckbares" Mikroskop für Kinder und Erwachsene getestet. Von EED bis Darmkrebs ließe sich mit diesem alles Mögliche ohne Narkose oder Eingriff untersuchen.

Individueller Krebsschutz

Hat die Krebskrankheit erstmal zugeschlagen, besteht die Gefahr, dass sie während der Behandlung streut und sich über den Körper verbreitet. Der Kampf gegen Krebs - ob per Therapie oder Operation - erscheint oft wie ein Kampf gegen Windmühlen. Doch das deutsche Unternehmen 'BioNTech', das in Kooperation mit dem Biotech-Giganten 'Genentech' forscht, hat ein Verfahren entwickelt, durch das die Abwehrkräfte des eignen Körpers gegen Krebszellen richten lassen. Der Schaden für gesunde Zellen wäre minimal. Klingt wie Zukunftsmusik? 2017 schon erlangten die Unternehmen die Erlaubnis an Menschen zu testen - und die Versuche laufen bereits.

Fleischlose Burger mit Fleisch

Karnivore Menschen behaupten, sie könnten nicht ohne Fleisch. Veganer und Vegetarier argumentieren dagegen mit moralischer Überlegenheit. Doch, wie wäre es, wenn fürs Steak und den Burger gar kein Rind zur Schlachtbank müsste? Denn Fleisch lässt sich nicht nur im Labor züchten - es gibt auch pflanzliche Lösungen, die sich geschmacklich kaum von totem Tier unterscheiden lassen. Was auf den ersten Blick wie ein westliches Luxusproblem klingt, könnte über unser aller Wohl entscheiden.

Die UNO rechnet bis 2050 mit 9,8 Milliarden Menschen auf diesem Planten. Der Fleischkonsum wird bis dahin, verglichen mit 2005, um 70 Prozent gestiegen sein.

Die UNO rechnet bis 2050 mit 9,8 Milliarden Menschen auf diesem Planten. Der Fleischkonsum wird bis dahin, verglichen mit 2005, um 70 Prozent gestiegen sein. Die Entwicklungen von Firmen wie 'Beyond Meat' und 'Impossible Foods' könnten diesen Anstieg moralisch vertretbar und finanzierbar auffangen - vom Wasser- und Energieverbrauch einmal abgesehen. Pflanzliche Lösungen finden sich schon jetzt im Verkauf - das Fleisch aus dem Labor dürfte 2020 marktreif sein.

Kohlendioxid-Fänger

Vom Auto bis zum auf der Weide "wachsenden" Steak - alles verpestet die Luft und belastet das Klima. Aber es gibt Hoffnung: Unternehmen wie 'Carbon Engineering', 'Climeworks 'und Global 'Thermostat' entwickeln nicht nur Lösungen, wie sich Kohlendioxid günstig wieder aus der Atmosphäre "saugen" lässt. Sie feilen auch daran, was man damit anfangen könnte. Die gute Nachricht für den Fortschritt ist: Sie haben Wege gefunden, Geld damit zu verdienen. Derlei Vorstellungen lässt Investoren immer tief in die Taschen greifen. Denn die Entwickler sind mehr als optimistisch daraus Polymere, Kohle und Treibstoff gewinnen zu können - oder so Superkondensatoren zu betreiben. In England sind bereits erste Anlangen zur CO2-Absaugung im Einsatz. Marktreife erwartet Gates in fünf bis zehn Jahren.

EKG fürs Handgelenk

Lange galt das moderne Klo als eine der wichtigsten wie günstigsten Diagnose-Geräte. Es steht in jedem westlichen Haushalt und ein Blick vermittelt einfache Erkenntnisse über den Zustand von Urin und Stuhl. Dem Arzt müssen nur noch Farbe und Form beschrieben werden. Doch jetzt kommt das EKG für jedermann. Halt, haben wir doch schon, ruft jetzt der Chor der Smartwatch-Junkies und passionierten Fitness-Tracker. Nicht so ganz, allerdings lässt sich mit der Apple-Smartwatch (komplett mit medizinischer Einstufung nach US-Recht) tatsächlich ein Herzinfarkt erkennen - bevor er eintritt. Das war bisher nur mit einem ordentlichen EKG beim Arzt oder im Krankenhaus möglich.

Die Toilette der Zukunft

Wo wir vorhin bei Ausscheidungen waren: Die Verschmutzung durch Fäkalien belastet rund 2,3 Milliarden Menschen, die einfach keinen Zugang zu ordentlicher Hygiene haben. Sie leiden unter Cholera und Durchfallerkrankungen mit potenziell tödlichem Ausgang. Abhilfe könnten die Ergebnisse von Gates 'Reinvent the Toilet Challenge' bieten. Diese Klos sehen zwar aus wie normale Toiletten, verarbeiten aber alles direkt und vor Ort - hygienisch einwandfrei. Erhältlich dürften die ersten Exemplare in den nächsten beiden Jahren sein.

Smart-Speaker als Schön-Redner

KI-Assistenten kratzen bisher nur an der Oberfläche ihres Potentials. Sie übersetzen uns fremde Sprachen, aber wirklich kommunizieren können sie noch nicht. Die Betonung liegt auf noch, denn dank Googles 'BERT' kann ein digitaler Assistent Lückentexte wie ein Mensch komplettieren, während 'Google Duplex' auf Wunsch Anrufer nach Telefon-Vertretern und Spam-Anrufen scant. Hier ist das Potenzial für Gates noch lange nicht ausgeschöpft.

Quelle: technologyreview.com

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