Selbstfahrende Autos: Wer darf leben?

Die Moral-Maschine hat gesprochen: Smarte Autos sollen dicke Omas überfahren

Geschätzte Lesezeit: ca. 3 Minuten

Foto von Sebastian Hardt

von Sebastian Hardt (@hardtboiled)-

Überfahre ich das kleine Mädchen oder die zwei dicken Männer, wenn ich nicht mehr ausweichen kann? Entscheidungen über Leben und Tod im Straßenverkehr zu treffen, ist für Menschen ja schon nicht ganz einfach. Wie sollen das erst künstliche Intelligenzen in selbstfahrenden Autos schaffen? Wie sich herausstellt: Womöglich gar nicht.

Ein Auto steuert auf eine Gruppe älterer Menschen auf einem Fußgängerüberweg zu. Der Fahrer hat die drei Fußgänger auf der Straße zu spät bemerkt, ein rechtzeitiges Bremsen ist bereits ausgeschlossen. Ihm bleiben nur zwei Optionen: die Fußgänger überfahren und sie damit töten oder das eigene Auto mitsamt der Fahrgäste - eine Frau mittleren Alters und ein Kind - gegen eine Befestigung und damit in den sicheren Tod manövrieren. Schwierig genug? Wie wär's damit: Die drei Fußgänger sind außerdem bei Rot über die Fahrbahn gegangen. Was nun?

Skizze aus Moral Machine Experiment Studie

Das Auto kann nicht mehr bremsen. Wie würdet ihr entscheiden?  

Quelle: (Screenshot / Edmond Awad, Sohan Dsouza et al.)  Nature 

Skizze aus Moral Machine Experiment Studie

Das Auto kann nicht mehr bremsen. Wie würdet ihr entscheiden?  

Quelle: (Screenshot / Edmond Awad, Sohan Dsouza et al.)  Nature 

Solche Szenarien sind selbst für uns Menschen schwierig, wenn nicht gar unmöglich abzuwägen - unter ethischen Gesichtspunkten jedenfalls. Dennoch müssen sie im Straßenverkehr mitunter in Sekundenbruchteilen beurteilt werden, um eine folgenschwere Entscheidung treffen zu können. Doch wenn der moralische Kompass im menschlichen Gehirn in solchen Situationen schon ins Schleudern gerät, wie sollen künstliche Intelligenzen dann jemals das moralisch korrekte Urteil fällen? Und überhaupt: Was bedeutet eigentlich "moralisch korrekt"? Für Automobilhersteller, die gerade fieberhaft an selbstfahrenden Autos tüfteln, nachvollziehbarerweise ein unheimlich riesiges Problem.

Ein Problem, das Forscher von der MIT und der Harvard University mit einem ungewöhnlichen Experiment lösen wollten: Der sogenannten Moral Machine. Auf der ganzen Welt haben Online-Teilnehmer dafür Situationen wie die oben beschriebene durchgespielt und am Ende eine Entscheidung gefällt. Das Interesse der Weltbevölkerung war offenbar immens: 40 Millionen solcher Entscheidungen aus 233 Ländern konnten die Wissenschaftler auswerten. Und die Ergebnisse, die am Mittwoch in der 'Nature' veröffentlicht wurden, sind aufsehenerregend:

Schlechte Karten für Korpulente, Katzen und Kriminelle

Offenbar mag jeder Spaziergänger, Katzen sollten im Straßenverkehr der Zukunft aber vielleicht vorsichtiger sein.  

Quelle: (Screenshot / Edmond Awad, Sohan Dsouza et al.)  Nature 

Offenbar mag jeder Spaziergänger, Katzen sollten im Straßenverkehr der Zukunft aber vielleicht vorsichtiger sein.  

Quelle: (Screenshot / Edmond Awad, Sohan Dsouza et al.)  Nature 

Denn offenbar bestehen in genannten kritischen Situationen stark unterschiedliche Präferenzen hinsichtlich der Personen, die leben dürfen, und im Hinblick auf die, die notgedrungen das Zeitliche segnen müssen: Die Wahrscheinlichkeit, in einer kritischen Situation zum Wohle anderer geopfert zu werden, ist demnach für alte Männer und Frauen besonders hoch - eigenartigerweise insbesondere dann, wenn sie Übergewicht haben. Auch Obdachlose haben gegenüber durchschnittlichen Erwachsenen einen relativen Nachteil.

Den größten Nachteil haben kurioserweise Katzen, wie im Bild rechts zu sehen ist. Das liegt aber vermutlich eher weniger daran, dass sie annahmegemäß über neun Leben verfügen. Vielmehr führen die Forscher es darauf zurück, dass weltweit ein überwiegender Konsens darüber herrscht, menschliches Leben tierischem gegenüber als wertvoller einzustufen. Trotzdem: Der beste Freund des Menschen scheint weltweit immer noch der Hund zu sein.

Interessanterweise werden Kriminelle ebenfalls weit unten auf der Skala aufgeführt, was aus unserer Sicht Zweifel an der Methodik aufwirft - schließlich geben sich diese eher selten auf offener Straße auch als solche zu erkennen. Wie dem auch sei: Die Forscher betonen, mit ihren Ergebnissen einen öffentlichen Diskurs anspornen zu wollen, der Autobauern und Politikern eine moralische Richtung anzeigen soll. Aber: Helfen die Ergebnisse den Autobauern auch konkret? Vermutlich nicht. Das sagen selbst die Wissenschaftler: "Selbst mit einer derart großen Stichprobe wie unserer konnten wir der Komplexität der Dilemmata für selbstfahrende Autos nicht gerecht werden."

Quelle: Nature

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