Reality-TV statt Präsentation?

Ernüchterung um Googles Duplex-Präsentation: Fake statt KI-Demo?

Geschätzte Lesezeit: ca. 4 Minuten

Foto von Benjamin Krämer

von Benjamin Krämer -

Eines hat Google-CEO Sundar Pichai auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz I/O geschafft: Mit seiner Keynote füllte er sämtliche Titelseiten der Tech-Magazine und rief zuerst Begeisterung und dann Misstrauen und Ängste hervor. Doch die Hinweise verdichten sich, dass der große Sprung bei den KI-Assistenten ein Fake gewesen sein könnte. Was war da los?

Es gibt diese Filme, die man schon lange erwartet. Als Marvel-Fan habe ich mich beispielsweise auf 'Black Panther' sehr gefreut und war von dem Hype um den Comic-Streifen aus 'Wakanda' vollkommen eingenommen. Dann habe ich ihn gesehen und war sofort angesteckt. Nachdem mir ein Freund dann seine Gründe genannt hatte, warum der Film doch nicht so gelungen war, machte sich bei mir Ernüchterung breit - weil er recht hatte. Offenbar wollte ich den Film mögen und habe mich von der Begeisterungswelle fortspülen lassen. Als ich mir dann das Wasser aus den Augen gerieben hatte, war davon allerdings nicht mehr viel übrig geblieben.

Ähnlich geht es mir jetzt mit Sundar Pichais Duplex-Demo. Das Internet und ich waren hellauf begeistert, als endlich einmal Sprachassistenten wie Menschen sprachen. Nachdem der Google-Boss auch noch betonte "was ihr gleich hören werdet, ist der Google Assistent, der in echt einen realen Friseursalon anruft, um einen Termin für dich zu machen", war die Begeisterung natürlich umso größer und schlug weite Kreise. Aber Moment mal ...

Google Duplex: Nach der Begeisterung kommt die Sorge

Logos von Google, Chrome, Android... Portrait von Sundar Pichai

Sundar Pichai war auf Googles I/O der Strahlemann schlechthin - wegen seiner neuen Duplex-KI. An der Echtheit der Präsentation werden aber immer mehr Zweifel laut.  

Quelle: (Pressroom)  Google Inc. 

Logos von Google, Chrome, Android... Portrait von Sundar Pichai

Sundar Pichai war auf Googles I/O der Strahlemann schlechthin - wegen seiner neuen Duplex-KI. An der Echtheit der Präsentation werden aber immer mehr Zweifel laut.  

Quelle: (Pressroom)  Google Inc. 

Nachdem die ersten digitalen Jubelstürme abgeklungen waren, machten sich auch schon die Sorgen breit, die nicht von der Hand zu weisen sind. Große deutsche Nachrichtenportale wie Spiegel oder Tagesschau konzentrierten sich auf vorsichtige Artikel, die die Frage aufwarfen, ob wir nicht lieber besorgt als begeistert sein sollten. Viele Menschen stellten sich diese Frage und Rufe wurden lauter, dass Duplex eigentlich furchteinflößend sei: Wie erkennen wir in einer zukünftigen Welt noch echte Menschen am Telefon, wenn sie sprechen wie wir? Was geschieht mit dem Sozialleben der Menschen, wenn sie keine Lust mehr haben, selbst mit anderen zu sprechen?

"Ich sitze gerade auf dem Sofa und schaue Netflix, Duplex, ruf du mal bitte beim Friseur an. Und bei meiner Versicherung. Ach, und wo du schon dabei bist, vielleicht kannst du auch meinen Freunden für die Grillparty absagen, dann muss ich das nicht tun, ist mir unangenehm." Das ist nicht bloß Schwarzmalerei, sondern berechtigtes Hinterfragen. Nicht alles, was uns Arbeit abnimmt, ist auch wirklich sinnvoll, weil nicht alle Tätigkeiten schlecht für uns sind. Diese Fragen muss Google sich nach der Präsentation gefallen lassen.

War Duplex ein Fake? Sind die Sorgen unbegründet?

Es verdichten sich die Anzeichen, dass es zwar gut sein könnte, diese Sorgen zu besprechen und es ein Segen war, dass sie aufgekommen sind, doch möglicherweise waren sie verfrüht. Nachdem sich der Applaus gelegt hatte, wurden nämlich die ersten Augen zusammengekniffen. In dem von Pichai präsentierten Mitschnitt gibt es keinerlei Hintergrundgeräusche - obwohl doch in einem Friseursalon und in einem asiatischen Restaurant Stimmen oder auch nur irgendwelche Laute zu hören gewesen sein müssten. Außerdem nannten weder die Friseurin, noch die Restaurant-Telefonistin ihren Namen oder den ihres Etablissements. Das ist absolut ungewöhnlich, oder man könnte auch sagen: unrealistisch.

Bei genauem Hinhören fällt auf, dass an dem Duplex 'Mitschnitt' einiges unrealistisch erscheint. Wo also stammt das Gespräch her? Hat es in der Form vielleicht gar nicht stattgefunden? Alles Augenwischerei?

Das US-amerikanische Nachrichtenportal 'Axios' rief mehrere Dutzend solcher Geschäfte an und kam zu dem Schluss, dass sie sich ausnahmslos alle mit ihrem Namen und dem ihrer Firma meldeten. Außerdem fragten sie in dem angeblichen Duplex-Mitschnitt nicht nach dem Namen oder den Kontaktdaten (wie Telefonnummer) der KI, was nun ebenfalls für Stirnfalten sorgt. Als wäre das noch nicht genug, gibt es aber noch einen Hinweis darauf, dass bei der Präsentation nicht alles Gold war, was glänzte: In Kalifornien ist gesetzlich geregelt, dass bei einem Gesprächsmitschnitt im Vorfeld beide Parteien zustimmen müssen, dass aufgezeichnet wird und weshalb. Wussten der Salon und das Restaurant also schon vorher, dass sie für eine Präsentation mit einer KI telefonieren werden? Oder gab es in Wirklichkeit weder Salon noch Restaurant ?

Google: Kein Kommentar

Das vielleicht am misstrauischsten Machende ist aber, dass Axios bei Google um einen Kommentar zu diesen Punkten bat, den es dann allerdings nicht gab. Konkret fragte Axios, ob Friseur und Restaurant im Vorfeld informiert waren: Kein Kommentar. Dann fragten sie, ob die Aufzeichnungen editiert worden seien: Kein Kommentar. Auch auf die Frage, ob das alles in Laborsituationen gestellt worden sei, gab es keinerlei Kommentar seitens Google.

Das scheint natürlich schon darauf hinzuweisen, dass Axios mit seinen 'Unterstellungen' recht hat. Trotzdem war die Präsentation im Endeffekt ein voller Erfolg, denn endlich einmal wurde im Internet und darüber hinaus diskutiert, ob KI auch alles können sollte, was möglich ist, nur um uns noch bequemer werden zu lassen. Das ist nämlich eine Frage, die nicht häufig genug gestellt werden kann und die uns in Zukunft noch viel häufiger begleiten wird.

Wenn ihr euch den entsprechenden Duplex-Mitschnitt noch einmal ansehen möchtet, oder ihn gar verpasst habt, könnt ihr ihn hier noch einmal sehen:

Quelle: vanityfair.com

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