Beine länger, Taille schmaler

Gegen Schönheitswahn: Frankreich führt Label für retuschierte Fotos ein

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Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Seit dem 1. Oktober 2017 ist in Frankreich ein neues Gesetz in Kraft: Wann immer ein kommerziell genutztes Foto auf bestimmte Weise retuschiert wurde, muss es mit einem entsprechenden Label gekennzeichnet werden. Das neue Label ist die jüngste Maßnahme des Staates im Kampf gegen unrealistische Schönheitsideale und Essstörungen.

Im Grunde jede Werbeaufnahme, jedes Magazin-Cover, jedes Produktfoto wird heute digital nachbearbeitet, optimiert, perfektioniert – Photoshop ist überall. Dass wir täglich von Fotos und Videos umgeben sind, die nicht die Wirklichkeit abbilden, sondern sich ihr höchstens annähern, nehmen die meisten von uns als gegeben hin. So ist das eben. Wenn dieses Bewusstsein allerdings nicht ausreichend ausgeprägt ist, können digital retuschierte Aufnahmen zum Problem werden.

Betroffen sind vor allem junge Menschen, Frauen häufiger als Männer. Die hochglanzpolierte Welt der Modeaufnahmen, Social-Media-Posts und Livestyle-Magazine erzeugt verzerrte Schönheitsvorstellungen und -ideale. Wer versucht, ihnen nachzueifern, muss zwangsläufig scheitern. Denn die am Computer bearbeiteten Fotos zeigen nicht das, was real zu erreichen ist – sie zeigen lediglich, was die neuesten Grafikprogramme draufhaben. Makellose Haut, lange Beine, schmale Taille, große Augen, volle Lippen: Photoshop liefert das genetische Ausnahmepaket per Mausklick.

Unerreichbare Schönheitsideale

Aus der Kluft zwischen den unerreichbaren Maßstäben und der Realität erwachsen die Probleme. Viele junge Menschen sind deshalb chronisch unzufrieden mit ihrem Äußeren, was in schweren Fällen zu psychischen Problemen oder Essstörungen führt. Rund 600.000 junge Menschen sollen schätzungsweise in Frankreich an Essstörungen leiden, 40.000 sind gar magersüchtig. Essstörungen sind die zweithäufigste Todesursache bei den 15- bis 24-Jährigen – nur Verkehrsunfälle sind gefährlicher. Dagegen will Frankreich mit dem neu eingeführten Label kämpfen.

Esssstörungen sind für 15- bis 24-Jährige die zweithäufigste Todesursache – nur Verkehrsunfälle sind gefährlicher

Wenn Fotografen die Körper ihrer Motive digital nachbearbeiten, sie gezielt schmaler, schlanker, fülliger oder runder machen, dann müssen sie die veränderten Fotos bei kommerzieller Nutzung jetzt entsprechend kennzeichnen. Egal ob im Print oder online: Der Hinweis 'retuschiertes Foto' ('photographie retouchée') muss angebracht werden – ansonsten drohen Strafen von mehreren zehntausend Euro. Die Retusche von Hautunreinheiten oder Falten ist davon allerdings nicht betroffen.

Grundsätzlich ist die Initiative zu begrüßen – je mehr Menschen begreifen, dass in der Werbung und in den Hochglanz-Magazinen eine irreale Scheinwelt konstruiert wird, desto besser. Gewisse Zweifel an der Label-Methode sind jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Ein Label wird nicht reichen

Die Kennzeichnung könnte bald einfach fast überall auftauchen und damit jede Signalwirkung einbüßen. Wenn alle Fotos markiert sind, ist praktisch keines markiert. Ähnliches lässt sich bei den heute obligatorischen Cookie-Bannern beobachten. Ihre Allgegenwärtigkeit hat nur dazu geführt, dass sie routiniert weggeklickt und effektiv ignoriert werden. Andere Beispiele sind Gesundheitswarnungen auf Zigarettenschachteln oder Nährwertangaben auf Nahrungsmitteln.

Viel Schein, wenig Sein

Werbetreiber und Unternehmen greifen zu den verschiedensten Tricks, um die Aufnahmen von Nahrungsmitteln und anderen Produkten aufzupolieren.

Außerdem greift die Bildmanipulation in allen Lebensbereichen um sich, von der Autowerbung über die Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken bis zu den Burger-Fotos in Fast-Food-Ketten. Müssten nach der Logik des französischen Gesetzes nicht alle digital optimierten Bilder als solche markiert werden? Schließlich erweckt jedes von ihnen Vorstellungen, die in der Realität nicht erreichbar sind.

Das neue Label kann in einigen Fällen vielleicht ein Umdenken anregen – und das ist gut. Solange unsere Gesellschaften aber weiterhin einen so hohen Wert auf äußerliche Perfektion und Makellosigkeit legen, wird es die grundlegenden Probleme kaum bekämpfen können.

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