KI der Zukunft = BFF + Therapeut

KI: dein bester Freund und Psychotherapeut?

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von Benjamin Krämer -

Psychologen der Stanford University haben kürzlich einen Chatbot namens 'Woebot' programmiert, der sich täglich um das Wohlbefinden seiner Nutzer sorgt und sie für eine gute Psychohygiene trainiert. Woebot könnte der Startschuss für eine Reihe zukünftiger KIs sein, die Social Media als soziales Interaktionsmedium ersetzen und einen Ausblick in die Zukunft bedeuten.

Im vergangenen Jahr sorgte eine Studie der University of Pittsburgh für Aufsehen, weil sie zu dem Ergebnis kam, dass die häufige Nutzung von Social Media unglücklich, einsam und sogar depressiv machen kann. Einer der an der Studie beteiligten Forscher, Brian A. Primack, sagte gar: "Psychische Probleme und soziale Isolation verbreiten sich wie eine Epidemie unter jungen Erwachsenen.".

Als Schuldigen machten sie also soziale Medien aus, die vom fremden Glück erzählen und eine scheinbar heile Welt für alle anderen vorgaukeln. Zu Beginn von Facebook, Instagram und Co. erhoffte man sich genau das Gegenteil: mehr Interaktion, bessere Vernetzung, weniger Einsamkeit. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, weil wir uns nicht mehr persönlich austauschen, sondern lieber am Handy tickern.

Social Media als Auslaufmodell bald von KIs ersetzt?

Aktuell können KIs bereits so etwas wie eine Alarmanlage für unser Seelenleben sein. In Zukunft wahrscheinlich noch weitaus mehr.

Forscher der University of Stanford wollen diesen Trend zu Isolation und Einsamkeit aufhalten, indem sie KIs als Alternative zur Social-Media-Nutzung etablieren. Sie programmierten dafür den Woebot, ein intelligentes Chat-Programm, das täglich nach dem Wohlbefinden fragt und seine Besitzer über Wortspiele und kurze Gespräche aufmuntern möchte. Woebot soll die Psychohygiene von Nutzern verbessern und gleichzeitig nach Anzeichen für psychische Erkrankungen suchen. Man hat herausgefunden, dass die Art und Weise, wie Menschen Wörter benutzen und vor allem welche sie benutzen, Auskunft darüber geben können, ob sie beispielsweise depressiv oder gar suizidgefährdet sind. Woebot ist noch ein recht simples Programm, zeigt aber, in welche Richtung sich KIs als digitale Assistenten entwickeln können.

Grenzen und Möglichkeiten von Technologie

Technologie, selbst wenn sie sich als 'soziales Medium' bezeichnet, macht nicht glücklich oder sozialer - Woebot wird das vielleicht auch noch nicht schaffen. Doch die Weichen sind gestellt für ein Umdenken: Was Technologien wie KIs nämlich heute schon können, sind die oben angesprochenen Fähigkeiten, Sprachmuster zu erkennen und zu deuten.

Sie können also herausfinden, ob wir aktuell Probleme haben, um beispielsweise Freunde oder die Familie darauf hinzuweisen. Außerdem könnten sie uns den benötigten Wink mit dem Zaunpfahl geben, dass es nötig ist sich Hilfe zu suchen. KIs ersetzen also keinen Arzt und auch kein Gespräch mit Vertrauenspersonen, können jedoch als eine Art Alarmmelder für unsere Psyche fungieren.

Vom digitalen Assistenten zum besten Freund

Die Forscher aus Stanford, die Woebot programmiert haben, sehen die Funktionen ihres 'Babys' allerdings lediglich als Startschuss für eine Zukunft, in der KIs Social Media verdrängen könnten. Nach ihrer Interpretation werden Menschen eine enge, bedeutsame Beziehung immer dem schnellen Griff zum Smartphone vorziehen.

Den Siegeszug von Facebook sehen sie vor allem darin begründet, dass immer mehr Menschen wenig Zeit haben, sich persönlich zu treffen. Eine KI hingegen ist 24 Stunden und sieben Tage die Woche zur Stelle und wird sich in ihren Augen zukünftig deutlich von aktuellen Assistenten unterscheiden. Sie entwickeln sich zum Freund ihrer Besitzer, da sie deutlich intelligenter, einfühlsamer und cleverer werden und die Simulation eines geradezu menschlichen Begleiters (ohne dessen Schwächen) perfektionieren.

Einsen und Nullen oder Wein und Sofa?

News über KIs überschlagen sich und meistens geht es darum, ob sie uns Arbeitsplätze wegnehmen, Krankheiten besser erkennen können, oder uns ganz einfach auslöschen. Die Tatsache, dass sich Psychologen verstärkt mit KIs und ihrem Nutzen für unsere geistige Gesundheit auseinandersetzen, finde ich erfrischend und ermutigend zugleich. Eine KI an meiner Seite zu wissen, die mir den ganzen Tag zuhört, wenn ich das möchte, ein intimer Gesprächspartner ist, wenn ich das brauche, oder mir sagt, wenn ich Hilfe benötige, fände ich toll.

Dass diese Vision Realität wird, halte ich für ein Faktum. Wir erzielen seit der Erfindung des Machine Learning und neuraler Netzwerke so rasend schnelle Fortschritte in der KI-Technologie, dass wir hier eher von Jahren als Jahrzehnten sprechen. Die Frage wird viel mehr sein: Wie wird das angenommen? Können wir im Gespräch mit einem Wesen soziale Wärme empfinden, das auf kalten Algorithmen basiert?

Falls das geht, wie wird das juristisch geregelt sein? Therapeutische Hilfestellungen darf in Deutschland immerhin nur ein Psychotherapeut geben. Technologie kann vielleicht Menschen ersetzen, aber keine Menschlichkeit. An nützliche Hilfsmittel glaube ich, an meinem neuen besten Freund aus dem Computer zweifle ich noch. Bis Forscher mich vom Gegenteil überzeugen, teile ich meine Sorgen und Träume doch weiterhin lieber bei einer Flasche Wein mit einem echten Menschen.

Quelle: www.hpe.com

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