Zweifelhafte Methode

Matchmaking per DNA-Abstrich: US-Startup Pheramor will Tinder an den Kragen

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von Benjamin Krämer -

Der (Online-)Datingmarkt wächst und wächst und wächst. Grund genug für immer weitere Startups, mit neuen Konzepten daherzukommen, um die Gunst (und die Geldbeutel) der liebeshungrigen Singles dieser Welt für sich zu gewinnen. Eine neue App aus den USA will jetzt gar per DNA-Abstrich das perfekte Matchmaking anbieten.

Tinder, Lovoo, Parship oder Thai Cupid: Es gibt für jeden Geschmack die vermeintlich richtige Dating-App, beziehungsweise Webseite. Der Markt ist riesig und es wird ständig von neuen Rekorden berichtet. Schon über 100 Millionen Tinder-User swipen um die Wette und es kommt immer weitere Konkurrenz nach. Erst kürzlich machte 'Bumble' von sich reden, eine App, die Frauen den Vorzug lässt: Dort dürfen nur weibliche Benutzer den Kontakt zum anderen Geschlecht einleiten.

Tinder schnappte sich die Idee und setzt sie einfach selbst um, allerdings als freiwillige Option für Frauen. Jetzt gibt es erneut ein Startup, das mit einer neuen Idee daher kommt, bei der Tinder sich allerdings zweimal überlegen wird, ob es die kopieren will: 'Pheramor' macht DNA-Abstriche seiner Singles - ein Vorgang, der auf einer umstrittenen Theorie basiert.

Pheramor: Mit Genanalyse zur Liebe?

Mann und Frau schauen sich in die Augen

Partnersuche vom lästigen Date befreien - das scheint das Geschäftsmodell von Pheramor zu sein  

Quelle: (Ser Borakovskyy)  Shutterstock.com 

Mann und Frau schauen sich in die Augen

Partnersuche vom lästigen Date befreien - das scheint das Geschäftsmodell von Pheramor zu sein  

Quelle: (Ser Borakovskyy)  Shutterstock.com 

Das Verfahren geht in etwa so: Angemeldete User schicken einen Abstrich von der Mundschleimhaut an das Unternehmen (Kostenpunkt 19,99 US-$) und bezahlen ein Monatsabo (Kostenpunkt 10 Dollar). Dann werden elf Gene analysiert, die entsprechend der Pheromon-Theorie (mehr dazu siehe im nächsten Absatz) ausgewertet werden. Kurz gesagt können sich laut dem Startup zueinander passende Singles gut 'riechen' und passen deshalb genetisch und auch von der Anziehung her exzellent zueinander. Wieso nach Gemeinsamkeiten, Hobbies, dem attraktiven Äußeren und interessanten Lebensläufen suchen, wenn die eigene DNA einem verrät, wer das richtige Herzblatt ist? Das scheint sich das Unternehmen gedacht zu haben.

Die Pheromon-Theorie im Detail

Die Entwickler von Pheramor stützen sich auf die Pheromon-Theorie, der zufolge Menschen über bestimmte Duftstoffe gegenseitig unbewusst ihre DNA abgleichen können. Sie erkennen am Geruch, ob man als Sexualpartner für gesunde Nachkommen in Frage kommt, so die Theorie. Man kann sich also im wahrsten Sinne 'gut riechen' und weiß dann, dass die Babys gesund und munter sein werden. Die Theorie klingt abenteuerlich und nach einer Geschichte aus dem Tierreich, ist in der Wissenschaft aber weder belegt noch eindeutig widerlegt.

Die Pheromon-Theorie ist unter Wissenschaftlern umstritten und bis heute weder be- noch widerlegt worden.

Forscher streiten noch heute darum und sind sich uneinig. Das Problem: Pheromone beim Menschen gelten als wahrscheinlich, da wir Säugetiere sind, wurden aber bis heute nicht nachgewiesen. Grundsätzlich kann man nach aktuellem Stand der Forschung sagen: Gibt es Pheromone bei uns? Wir wissen es nicht. Falls es sie geben sollte, ist die Pheromon-Theorie zum Gen-Abgleich jedoch möglich.

Alptraum Datenschutz: DNA im Kühlschrank

Das Problem der Theorieüberprüfung müssen wir also vorerst Wissenschaftlern überlassen. Bis dahin handelt es sich um eine Annahme, die für manch einen unangenehme Erinnerungen an die Überbetonung menschlicher DNA als Kriterium für positive oder negative Faktoren vor 70 Jahren wecken könnte. Ein anderes Problem jedoch ist bei dieser neuen Verkaufsstrategie ganz konkret bedrohlich - der Datenschutz.

Pheramor betont zwar, dass man nur elf Gene verwende und den Rest nicht, aber überprüfen kann das natürlich niemand. Fakt ist: Wer mitmacht, hat seinen gesamten Gencode bei einer Privatfirma hinterlegt, die potentiell Zugriff auf sämtliche Krankheitsrisiken hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Wer diese Informationen lieber Privat halten will, sollte sich zweimal überlegen, ob eine Dating-Firma vertrauenswürdig ist. Immerhin glänzte die Konkurrenz bisher auch nicht gerade durch den Schutz persönlicher Daten, wie der heimliche Weiterkauf an Werbefirmen gezeigt hat.

Ein makaberer Wink aus einer düsteren Zukunft (oder Vergangenheit)

Ich musste schon schlucken, als ich von Pheramor gelesen habe. Zuerst musste ich unwillkürlich an die Nazis denken, die bereits den Wert der DNA zu dem Buch der Bücher überhöhten und denen eine DNA-Hygiene vorschwebte - allein bei dem Gedanken wird mir schlecht. Daraufhin kam mir der zukunftsweisende Science-Fiction-Gattaca mit Ethan Hawke und Uma Thurman in den Sinn, in dem nur noch genetisch perfekt passende Individuen bestimmte Jobs bekommen, weil die DNA sagt, dass sie am geeignetsten sind. Am Ende des Films setzt sich der Durchhaltewille und unbedingte Ehrgeiz des "genetisch unterlegenen" Hawke durch - eine schöne und wichtige Botschaft, die offenbar so aktuell ist wie nie.

Allein die Vorstellung, dass ab jetzt nicht mehr Sympathie bei einem Glas Rotwein, der magische Funke unerklärlicher Verliebtheit das Gebot der Stunde sein soll, sondern ein kalter DNA-Test, lässt mich frösteln. Davon ganz abgesehen, könnte das Geschäftsmodell von Pheramor direkt der Datenschutzhölle entstammen, die heute so heiß brennt wie nie zuvor.

Erst kürzlich besuchte ich in Athen den Vortrag des israelischen Nobelpreisträgers Aaron Ciechanover zum Thema personalisierte Medizin. Er offenbarte uns Zuhörern, was sich heutzutage alles aus der menschlichen DNA ablesen lässt: nämlich so gut wie alles. Die Vorstellung, einer Firma mit offensichtlich moralisch eher fragwürdigem Hintergrund 'so gut wie alles' anzuvertrauen, ruft in mir ein großes inneres Stoppschild auf den Plan.

Quellen: Apotheker-Zeitung, Die Welt

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