Reale Gefahr

Webcam-Falle: Warum die kleinen Klebezettel über der Kamera berechtigt sind

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von Sandra Spönemann (@die_spoent_wohl)-

Paranoia oder Sicherheitsbewusstsein? Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob man eine Webcam abkleben sollte. Wir haben uns bekannt gewordene Fälle von illegalem Remote-Zugriff genauer angeschaut und geben keine Entwarnung!

Beim Trinken einer Tasse Kaffee vor dem Laptop beobachtet zu werden, ist unangenehm, aber vielleicht noch kein Anlass total auszuflippen. Doch Cyberkriminelle gehen wesentlich weiter und haben vor allem Kinder und Jugendliche im Visier.

Another such trend is the perpetrator’s demand for the targeted child to include other children, such as siblings or peers, in the images/videos. In such cases, (...) younger children who may not use the Internet yet can be targeted this way.

Europol

Erst Anfang Juli dieses Jahres gaben die Luxemburgische 'Police Grand-Ducale' und Europol eine Warnung raus: Täter verleiten Minderjährige zu sexuellen Handlungen vor der Kamera und erpressen diese dann mit dem aufgezeichneten Material. Laut Europol sei die Zahl der bekannten Fälle in den letzten Jahren regelrecht explodiert, wobei die Dunkelziffer noch immens höher ausfallen dürfte. "Oft ist es den Opfern zu peinlich, jemandem davon zu erzählen".

Hier gilt es Kinder auf mögliche Gefahren vorzubereiten und offen darüber zu sprechen, was im Internet passieren kann. Jedoch gehen Erpresser und Voyeure weit über das unbemerkte Mitschneiden von Videos hinaus und beobachten Webcam-User auch ohne deren Wissen. Diverse Anleitungen im Internet belegen sehr anschaulich, wie leicht es ist, per Fernsteuerung die integrierte Kamera auf Fremdgeräten zu aktivieren.

Daher sind an vielen Laptops kleine Klebezettel angebracht, die die Kameralinse verdecken. Wer darüber spottet, dass das doch alles Paranoia sei, der möge sich daran erinnern, dass auch Facebook-Chef und IT-Experte Mark Zuckerberg sowie Ex-FBI-Chef James B. Comey ihre Kameras abkleben. Und die müssen es jawohl wissen!?

Malware BlackShades aktiviert heimlich Webcams

Der Trojaner 'BlackShades' ist ein besonders erfolgreiches Exemplar unter den Spy-Tools und infizierte mehr als eine halbe Million Windows-Rechner weltweit. Die Hackertruppe konnte per Remote-Zugriff unkontrolliert auf Kameras zugreifen, um User in privaten Momenten zu erwischen.

Wie viele Menschen sich dafür begeistern, andere heimlich zu beobachten oder gar mit Foto- und Videoaufnahmen zu erpressen, zeigte sich 2014 bei einer großangelegten Razzia, bei der auch die Wohnungen von über 100 Tatverdächtigen hierzulande durchsucht wurden. Diese hatten sich Lizenzen für die BlackShades-Software besorgt, die mittlerweile in diversen Foren feilgeboten wurde.

Teilweise bezahlten User mehrere Hundert US-Dollar, um Spionage-Aktionen durchzuführen. Das Thema ist also nicht "weit weg" und die Frage "Warum sollte mich jemand ausspionieren?" sollte noch einmal überdacht werden. Denn genau auf diese Unachtsamkeit und Arglosigkeit verlassen sich die Cyberkriminellen.

Macs sind sicherer? Fehlanzeige!

Lange gingen selbst Experten davon aus, dass die Besitzer von Apple-Geräten von Malware größtenteils verschont bleiben. Dem ist nicht so.

Sicher?!

Es werden zwar weniger Fälle bekannt, in denen Macs nachweislich infiziert worden sind, aber das anhaltende Gerücht, man wäre mit einem Apple-Produkt auf der sicheren Seite, ist schlichtweg falsch. Lediglich die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Cyberangriffs zu werden, ist geringer.

Die Forscher des IT-Sicherheitsunternehmens 'Malwarebytes' entdeckten zu Beginn des Jahres ein Schadprogramm genannt 'Fruitfly', welches benutzt wurde, um jahrelang über Computer in medizinischen Forschungseinrichtungen zu spionieren. Nachdem die Malware im Januar erstmals entdeckt wurde, ließ Apple dem macOS ein Update angedeihen, damit Fruitfly automatisch erkannt und abgewehrt wird. Erschreckend ist jedoch, wie spät das Schadprogramm auffiel. Laut Patrick Wardle, Sicherheitsforscher bei Synack, zirkulierte Fruitfly mindestens zwei Jahre auf mehreren hundert Computern, bevor es zu der Entdeckung kam.

Vorteilhaft ist bei Macs allerdings der Umstand, dass bei den neueren Modellen das LED-Lämpchen neben der Kamera mit eben dieser verknüpft ist. Wird die Kamera aktiviert, besteht auf diese Weise zumindest die Chance, dass es den Usern durch das aufleuchtende Licht auffällt und etwas gegen den Spionage-Versuch unternommen werden kann.

Smartphones und Smart-TVs ebenfalls risikobehaftet

Bei Mobilgeräten und bei Smart-TVs ist das Aktivieren der Kamera und des Mikrofons ebenfalls möglich. Auch dafür müssen Voyeure und potenzielle Erpresser nicht die Hacker vor dem Herrn sein. Durch eine Videoinstallation "Menschentracks" illustrierte der Künstler Florian Mehnert bereits 2014, wie leicht es ist, das Alltagsleben anderer Menschen auszuspionieren. Das SWR berichtete darüber:

Was bedeuten diese permanenten Spionage-Möglichkeiten von Hackern, ausländischen Geheimdiensten und - siehe Staatstrojaner - auch unserer Regierung, für unser Leben? "Das Kunstprojekt MENSCHENTRACKS macht die unsichtbare Massenüberwachung sichtbar. "MENSCHENTRACKS hinterfragt die Bedeutung, den Verlust und den Wert unserer Privatsphäre in der vernetzten Gegenwart", heißt es auf der Webseite von Florian Mehnert dazu und der Aufschrei war tatsächlich groß - zumindest auf YouTube.

"Er spioniert das Leben anderer aus und verdeckt seine eigene Kamera, hoffentlich kommt der in den Knast", heißt es da in einem Kommentar unter dem Video. Aufs Schärfste kritisiert und beleidigt wird der Künstler, der eigentlich nur die Nasen der Gesellschaft auf etwas aufmerksam machen möchte, das uns bereits tagtäglich umgibt.

Kann man sich vor Spionage schützen? Und wenn ja, wie?

Es gibt zahlreiche Tipps, um die Sicherheit von PCs, ortbaren Smartphones und SmartTVs zu verbessern, damit wir von Spyware verschont bleiben. Firmware aktuell halten - bei allen Geräten im heimischen Netzwerk. Keine Apps aus unbekannten Quellen laden, keine unbekannten E-Mail-Anhänge öffnen und so weiter und so fort. Und ja, man müsste theoretisch gar kein Smartphone benutzen, auch eine Möglichkeit.

Doch seien wir ehrlich: Wie viele Anwendungen könnten wir noch nutzen, wenn wir auf Nummer sicher gehen möchten? Wie viele Apps auf eurem Smartphone haben bei der Installation nach Zugriffsrechten auf Kamera und Fotogalerie gefragt? Wie viele funktionieren nur dann, wenn ihr die Standort-Lokalisierung zulasst? Dasselbe Spielchen ergibt sich bei SmartTVs. Hier wird dazu geraten, nicht mit dem Gerät permanent online zu sein oder die Sprachbefehls-Option auszuschalten, wenn ihr sie nicht nutzt. Nur leider behält das im Alltag doch keiner auf dem Schirm. Man hat das Gerät ja gerade gekauft, weil es so tolle Dinge kann, die in der Regel mit einer Internetnutzung zusammenhängen. Wenn ihr Dinge treibt, die besser niemand sehen soll, dann heißt es leider: Klebezettelchen zum Abdecken diverser Linsen verteilen und/oder Stecker rausziehen ;).

Hier erfährst du mehr über: Datenschutz und Sicherheit

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